Champions League José Mourinho - arrogant und charmant


Viele halten José Mourinho für den besten Trainer der Welt, andere für einen arroganten Blender. Mit Inter Mailand will er seinen Triumph von 2004 wiederholen und die Champions League gewinnen, zuvor muss er aber Barcelona aus dem Weg räumen.
Von Antje Luz, Mailand

Anfang der 1970er-Jahre: Ein Neunjähriger abonniert die Fachblätter "World Soccer" und "Onze Mondial". Er liest sie nicht nur, er studiert sie - und zwar so lange, bis er sie auswendig kennt. Dabei spricht der Junge eigentlich nur portugiesisch. Nach der Lektüre geht er ins Stadion, wo er hinter dem Tor sitzt und das Training seines Vaters beobachtet. Das Kind heißt José Mourinho - heute ist er Trainer von Inter Mailand und studiert die gegnerischen Spieler und deren Spielweise - so lange, bis er sie auswendig kennt. Und Antworten für seine Mannschaft findet. Für Dienstagabend, für das Halbfinalhinspiel in der Champions League gegen den FC Barcelona (20.45 Uhr Sky und im stern.de-Ticker), muss Mourinho besonders gute Antworten finden und seinen Spielern vermitteln.

Mourinho, heute 47 Jahre alt, hat zum Glück für Inter eine Gabe für Kommunikation. Nach seinem Sportstudium besserte er sich sein Lehrergehalt mit Englischstunden auf. Er spricht fünf Sprachen, und philosophisch betrachtet haben Sprache und Fußball etwas Wesentliches gemeinsam: Die Wörter eines Textes ergeben isoliert keinen Sinn. Dasselbe geschieht im Fußball, dessen Aktionen nur verstanden werden können, wenn man sie im Kontext sieht.

Um Mourinho zu verstehen, muss man wohl auch ihn und seine Handlungen in einen Kontext stellen. Das ist nicht leicht, denn José Mourinho ist ebenso komplex wie moderner Fußball. Der Stürmer Zlatan Ibrahimovic nennt ihn einen "360-Grad-Trainer", der nichts dem Zufall überlasse. Der Coach, der alles im Blick hat, verlor seit mehr als acht Jahren kein Ligaheimspiel mehr - weder beim FC Porto noch beim FC Chelsea und auch nicht bei Inter Mailand.

"Einer der besten Trainer der Welt"

Mourinho hat auf jeder Position zwei Spieler, die er zumeist abwechselnd einsetzt. Dieses System hatte er schon beim FC Porto erfolgreich angewandt. Auch bei Inters offensivem Pressing ist es notwendig, wenn wie derzeit alle vier Tage ein Spiel ansteht. Unter Profis sorgt so ein Vorgehen oft für Verstimmung, aber selbst ehemalige Spieler sind noch immer von Mourinho begeistert. Claudio Pizarro hält ihn für "einen der besten Trainer der Welt", Didier Drogba hätte sich für ihn "die Beine gebrochen". Größer kann die Ergebenheit eines Stürmers für seinen Trainer kaum sein. Wer Mourinho abseits öffentlicher Auftritte spricht, erlebt einen offenen und gar nicht arroganten Menschen. Auf Pressekonferenzen teilt er gern aus, attackiert Gegner, Schiedsrichter, Gott und die Welt - um seine Mannschaft zu schützen. Und er provoziert: "Bezeichnen Sie mich nicht als arrogant, aber ich bin ein europäischer Champion, und ich denke, ich bin etwas Besonderes", sagt er dann etwa. Und Reportern, die ihn angeblich nie verstehen, rief er mal zu: "Wahrscheinlich wollten Sie Trainer werden, aber dann hat es nur zum Journalisten gereicht."

Im persönlichen Gespräch jedoch ist er wie verwandelt, höflich und charmant. So erleben ihn auch die Fußballer. Sie will Mourinho entwickeln, er animiert sie im Training durch "geführte Entdeckung", wie er es nennt, zu eigenen Entscheidungen. Denn im totalen Fußball, findet Mourinho, müssen die Spieler auf dem Platz blitzschnell selbst entscheiden können. Wie zuletzt, als Inter während des Spiels von einem 4-4-2 zu einem 4-3-3 wechselte, den Gegner überraschte und gewann.

Mourinho selbst hat nicht gespielt.

Der frühere U18-Trainer von Vitória Setúbal war 1993 von Sporting Lissabon als Übersetzer, Scout und Assistenztrainer für Bobby Robson engagiert worden.

Da dieser auf Mourinhos "exzellente Arbeit" nicht verzichten wollte, kam er mit Sir Bobby 1996 zum FC Barcelona. Als Robson Barça 1999 verließ, war dessen Nachfolger Louis van Gaal.

Analyse, Emotion und Kommunikation als Geheimrezept

"Ich habe damals viel gelernt", sagt Mourinho, "und das hat mich von einem niedrigen zum höchsten Niveau gebracht, das man sich vorstellen kann." Er lernte bei den beiden nicht, was sie machten, sondern das, was sie ließen. Robson liebte die Arbeit auf dem Grün, Trainingspläne mochte er nicht - die bereitete Mourinho für ihn vor. Unter van Gaal das Gegenteil: Der heutige Bayern-Coach plante das Training bis ins kleinste Detail und überließ die Durchführung oft den Assistenten. Noch eine Wissensquelle waren Barças damalige Stars: Ronaldo, Rivaldo oder Luís Figo. Mourinho, damals 36, lernte dabei die emotionale Seite des Spieles, begann, Beziehungen zu knüpfen und geschickt zu kommunizieren.

Diese drei Elemente sind die Voraussetzungen für seinen Erfolg: Mourinho vereint analytische, emotionale und kommunikative Fähigkeiten. Die emotionale Intelligenz, die ihm viele unterstellen, erlaubt ihm, selbst unausgesprochene Bedürfnisse und Erwartungen anderer zu erfüllen oder für sich zu nutzen. Hinzu kommt eine Art dynamische Intelligenz. Sie ermöglicht ihm, Ideen zu produzieren, die helfen, jedes Spiel stetig zu verbessern. Und mittels seiner kommunikativen Kompetenz lehrt er seine Spieler, keine Angst zu haben. Inter hat in diesem Jahr "diese mentale Blockade zerstört", die die Mannschaft jahrelang lähmte, sagt Mourinho - und macht jetzt den Gegnern Angst.

Erfolg ist für Mourinho die logische Konsequenz einer Topleistung - die er in jedem Spiel erreichen will. Er definiert sich und andere über Leistung. Das ist ein programmiertes kulturelles Missverständnis in Italien, wo Menschen oft nicht für ihre Leistung, sondern in erster Linie für ihre Beziehungen bewundert werden. Mourinho sagt über Italiens Fußball: "Ich mag ihn nicht, und er mag mich nicht."

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

FTD

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