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stern-Gespräch

Werder Bremen: Claudio Pizarro im Interview: "Der Beruf verführt dazu, dass man abhebt"

Claudio Pizarro ist der älteste Torschütze der Bundesliga. Gerade hat er seinen Vertrag bei Werder Bremen um ein weiteres Jahr verlängert. Ein Gespräch über Spaß auf dem Platz und sein Rennpferd namens Merkel.

Claudio Pizarro ist seit über 20 Jahren Fußballprofi – ein Gespräch

Claudio Pizarro beim Interview vor Werder-Fototapete im Bremer Weserstadion

Die Bremer Fans würden ihm sofort ein Denkmal bauen: Claudio Pizarro, 196 Tore, davon 108 für den SV Werder Bremen. Dass er auch über den Verein hinaus einer der beliebtesten Spieler der Liga ist, liegt vermutlich weniger an seinen Toren als an ihm selbst: immer lässig, meistens gut gelaunt. Während innerhalb des Fußballapparats gern so getan wird, als sei der Sport eine hochkomplexe Angelegenheit und jedes Spiel mindestens so heikel wie ein Castor-Transport durchs Wendland, geht Pizarro einfach aufs Feld und spielt. Es macht ihm Spaß. Das sieht man. Gerade hat er seinen Vertrag nochmals um ein Jahr verlängert. Und ja – er ist jetzt über 40 Jahre alt.

Herr Pizarro, dass Sie ein "Schlawiner" sind, hat Uli Hoeneß ja schon vor Jahren festgestellt. Unter Trainer Florian Kohfeldt konnten wir Sie diese Saison als eine Art Geheimwaffe erleben: Der Moment, in dem Claudio Pizarro aufläuft, verändert die Stimmung im Stadion. Merkt man das auf dem Platz?

Klar, das merkt man. Sogar wenn wir nicht zu Hause spielen. Diese Energie gibt einen richtigen Schub.

Spüren das auch die Gegner?

Das müssen Sie die mal fragen! Ich bin ja schon ein bisschen gefährlich im Strafraum ...

... ein bisschen ...

Ich soll da Tore machen. Dafür bin ich da. Und das weiß natürlich auch die gegnerische Mannschaft.

Trotzdem sehen Sie auf dem Platz immer so aus, als könne Sie nichts aus der Ruhe bringen. Wie machen Sie das?

Konzentriert zu sein und dann schnell zu reagieren, das ist eine Begabung, die ich zum Glück habe, denke ich. Aber natürlich ist mittlerweile noch viel Erfahrung hinzugekommen. Dadurch lernt man sehr viel. Auch ich immer noch, bei jedem Spiel.

In seinem Geburtsland Peru nennen sie ihn "Bombardero des los Andes

In seinem Geburtsland Peru nennen sie ihn "Bombardero des los Andes

Was können Sie heute besser als früher?

Ich kann ein Spiel besser lesen. Und wenn man die Gesamtsituation im Blick hat und die Dynamik einer Partie, kann man sich genau überlegen, was man machen muss. Wenn es hektisch zugeht, versuche ich, die Stimmung zu beruhigen. Und wenn es zu lasch ist, mache ich auch mal ordentlich Dampf.

Geben Sie den jüngeren Spielern auch Tipps, wenn es um Stil geht oder darum, mit dem Ruhm umzugehen?

Wenn mich jemand um Rat fragt, helfe ich immer gern, egal, worum es geht. Aber ich finde, dass die Spieler heute in dieser Hinsicht alle ungemein professionell sind. Die wissen genau, was sie sich erlauben dürfen und was nicht.

Fast 20 Jahre sind Sie jetzt – bis auf kleinere Unterbrechungen – in Deutschland, seit 2018 haben Sie auch die Staatsbürgerschaft. Was an Ihnen ist so deutsch geworden, dass es nie wieder weggeht?

Ich erinnere mich noch, als ich hier ankam, war ich regelrecht geschockt davon, wie sauber alles ist. Die Straßen zum Beispiel. Das ist in Peru ein bisschen anders. Und auch die Disziplin. Die kannte ich zwar von zu Hause, weil mein Vater bei der Marine war. Aber außerhalb der Familie waren Ordnung und Organisation in Peru nicht so wichtig. Das sind alles Sachen, die ich inzwischen sehr mag. Verbindlichkeit und Disziplin – das hat mich als junger Spieler weitergebracht, und das sind Eigenschaften, die ich heute schätze.

Gab es bei Ihnen zu Hause manchmal Ärger, weil Sie lieber Fußball spielen wollten als Hausaufgaben zu machen?

Mein Vater hat es immer unterstützt, dass ich viel Fußball spiele. Weil er selbst gern gespielt hat und wegen seiner Arbeit aufhören musste. Aber es gab mal eine Zeit, da waren meine Noten in der Schule nicht so gut. Dann hat er mir Fußballverbot gegeben, sechs Monate lang. Das war für mich sehr hart. Aber dafür waren meine Noten nach sechs Monaten auch sehr gut.

Wäre Ihr Vater gern Fußballer geworden?

Ich glaube schon. Er hat ziemlich gut gespielt. Das sagt nicht er, das sagen seine Freunde. Und die Leidenschaft für den Sport steckt auf jeden Fall in unserer Familie. Mein Bruder Diego spielt ja in Peru. Und auch meine Schwester hat jetzt den Sport für sich entdeckt.

Auch Fußball?

Nein, sie hat vor fünf Jahren angefangen zu trainieren und ist jetzt begeisterte Bodybuilderin. Sie ist 38 und macht richtig viele Turniere mit.

Hatten Sie mal andere Pläne als den, Fußballer zu werden?

Gespielt habe ich immer. Aber als ich elf war, wurde mein Vater in den Norden Perus versetzt. Dort haben wir zwei Jahre gelebt, an der Grenze zu Ecuador. Alle drei Monate haben Kriegsschiffe der Marine angelegt, und ich bin jedes Wochenende an Bord gewesen. Da habe ich gedacht: Das ist toll, später gehe ich auch zur Marine. Als Jugendlicher habe ich außerdem viel Tennis gespielt. Aber mit 15 habe ich mich dann für den Fußball entschieden. Und das war, glaube ich, eine ganz gute Entscheidung.

Claudio Pizarro wird in Bremen "Pizza" genannt

Claudio Pizarro wird in Bremen "Pizza" genannt

1999 sind Sie von Lima nach Bremen gezogen. Sie wurden in diesem Jahr Bundesligaprofi, aber auch Ehemann und Vater. Welche dieser neuen Rollen war die schwierigste?

Um ehrlich zu sein: Das war natürlich alles sehr wichtig – aber mein Fokus lag auf dem Fußball. Meine Frau kam kurz nach mir nach Bremen, schwanger. Wir waren beide 20 Jahre alt, hatten sechs Monate zuvor geheiratet, und dann wurde hier unser Sohn geboren. So viel auf einmal. Ich wusste, ich darf mich nicht durcheinanderbringen lassen. Ich musste mich auf meinen Job konzentrieren, ich musste gut sein. Denn davon hing ja auch die Zukunft meiner Familie ab.

Hat Ihre Frau Karla sich in Deutschland schnell eingelebt?

Zum Glück ja. So jung in ein anderes Land zu gehen, dazu noch hochschwanger und all das ... das war wirklich nicht einfach für sie. Aber sie ist eine starke Frau. Sie hat das alles gut auf die Beine gestellt.

Ich muss fragen, weil es so schön romantisch ist: Karla war Ihre Jugendliebe ...

Wir kennen uns sogar schon aus der Kindheit. Zwischendurch hatten wir nicht so viel Kontakt, aber im letzten Schuljahr hatten wir viele gemeinsame Freunde, mit denen wir unterwegs waren. So sind wir dann zusammengekommen.

Sie waren als Profi viel auf Reisen. Dazu der Trubel, den die Prominenz mit sich bringt, und zu Hause ein kleines Kind – es ist ja nicht selbstverständlich, dass eine Beziehung das aushält. Wie haben Sie und Ihre Frau das geschafft? Haben Sie alles gemeinsam entschieden?

Natürlich haben wir vieles besprochen, aber entschieden habe dann meistens ich.

Ach?

Ich sage ja, am Anfang war das nicht einfach. Wir mussten ja auch erst mal mit einem anderen Land und einer anderen Kultur zurechtkommen. Das geht nur, wenn man an einem Strang zieht und sich unterstützt. Ich musste das machen, was ich konnte, nämlich Fußball spielen. Meine Frau kennt mich sehr gut, sie hat das genau verstanden und das mitgetragen. Das ist bis heute so.

Sie haben einmal gesagt, dass Fußballspieler sehr komplizierte Wesen seien, mit denen man es nicht leicht hat. Was meinten Sie damit?

Der Beruf verführt dazu, dass man abhebt. Da braucht man Leute in seinem Umfeld, die ehrlich sind. Die einem sagen: Ey, komm wieder auf die Erde. Wenn man die nicht hat, kann man sich in der Welt des Profifußballs leicht verlieren. Zum Glück hatte ich immer solche Leute an meiner Seite. Meine Eltern, meine Berater. Und vor allem meine Frau.

Claudio Pizarro kam 1999 von Alianza Lima an die Weser, spielte zwischendurch in München, Chelsea und Köln – kehrte aber immer wieder zu Werder Bremen zurück

Claudio Pizarro kam 1999 von Alianza Lima an die Weser, spielte zwischendurch in München, Chelsea und Köln – kehrte aber immer wieder zu Werder Bremen zurück

Welche Rolle spielen dabei die anderen Spieler?

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, wenn da jemand ist, der aus derselben Kultur kommt. Zum Beispiel Ailton. Als ich in Bremen ankam, saß er auf der Tribüne. Er war zu der Zeit gar nicht im Kader, er dachte darüber nach, die Mannschaft zu verlassen. Dann kam ich, der einzige andere Südamerikaner. Wir hatten gleich eine gute Beziehung und haben uns gegenseitig geholfen. Wir haben dann eine super Saison gespielt, er hat viele Tore geschossen. Das war für uns gut, aber auch für den Verein.

Ihre Familie lebt überwiegend in München, aber Ihre Kinder sind sehr international aufgewachsen. Ihr ältester Sohn Claudio ist gerade in England, Ihre Tochter Antonella wird bald volljährig. Ist es für einen Vater schwieriger, die Tochter ziehen zu lassen?

Ach, es ist echt nicht schön ... Aber ich bin bereit dafür, ich weiß ja, sie werden irgendwann weggehen. Ich vermisse meinen Sohn, wenn wir jetzt bei einem Familientreffen manchmal nur zu viert sind. Aber ich habe auch Glück. Unsere Kinder sind richtige Familienmenschen, die haben das wirklich im Blut. Sie kommen gern nach Hause. Das freut meine Frau und mich natürlich, weil uns der Zusammenhalt sehr wichtig ist. Weihnachten fahren wir meistens alle nach Peru, da sind dann noch die Großeltern, meine Cousinen und Cousins – richtig viele Leute.

Sind Sie ein strenger Vater?

Ja. Also, ich versuche es zumindest. Ich bin mit einem sehr strengen Vater aufgewachsen, ich kenne das so. Aber natürlich haben sich die Zeiten geändert, und ich erlebe, dass ich mich nicht so verhalten kann, wie ich es von meinem Vater gewohnt bin. Da lachen die Kinder mich aus und sagen: Warum sprichst du so mit mir? Und dann weiß ich manchmal gar nicht, was ich machen soll.

Interessieren sich Ihre Kinder für Fußball?

Der Kleine ja, er will Torwart werden. Meine Tochter ist Werder-Fan.

Und wer ist ihr Lieblingsspieler?

Ich! Hoffentlich ...

Sie dürfte es vermutlich auch nicht sagen, wenn sie Max Kruse besser fände ...

Nee. Aber sie ist eigentlich an anderen Sachen interessiert. Sie ist eher Künstlerin.

Sprechen Sie mit Ihren Kindern oft über Berufswünsche?

Wir sprechen darüber, aber ich lasse sie das machen, womit sie glücklich sind. Mein ältester Sohn studiert Physik. Meine Tochter möchte Filme machen. Und der Jüngste, Gianluca, will, wie gesagt, zurzeit Torwart werden. Das sind ganz unterschiedliche Sachen. Aber wenn sie glücklich sind, dann werden wir Eltern auch glücklich sein. Ich mische mich da nicht ein.

Hat Ihr Jüngster denn Talent als Torwart?

Och, es geht so. Aber er ist 13. Darum habe ich ihm nur gesagt, dass es jetzt darauf ankommt. Wenn er es ernst meint, muss er richtig trainieren. Und das macht er auch.

2018 bekommt Claudio Pizarro ein goldenes Reh für seine Karriere

2018 bekommt Claudio Pizarro ein goldenes Reh für seine Karriere

Einige Ihrer Kollegen kaufen schnelle Autos. Sie schnelle Pferde. Kommt diese Begeisterung auch aus Ihrer Familie?

Mein Opa hat sich für Pferde interessiert. Vor allem für Pferdewetten. Das fand meine Mutter recht bedenklich. Als ich mein erstes Geld als Fußballer verdient habe, hat sie mich deutlich davor gewarnt, und das habe ich mir zu Herzen genommen. Mein erstes Rennpferd habe ich gekauft, als ich in der Nationalmannschaft in Peru war. Jetzt habe ich dort ein Gestüt mit etwa 40 Pferden und züchte Vollblüter.

Reiten Sie auch?

Manchmal, aber nicht die schnellen Pferde. Eher so locker.

Ich habe gehört, dass eine Ihrer Stuten "Merkel" heißt, stimmt das?

Ja. Aber sie ist jetzt Mama in Peru. Sie läuft nicht mehr.

War sie schnell?

Merkel war okay. Ihr Bruder war sehr gut, darum habe ich sie gekauft. Aber letztlich war ihr Bruder besser.

Was fasziniert Sie denn so an Pferderennen? Das Wetten ist es ja nicht.

Ich liebe die Tiere. Rennpferde sind uns Fußballern sehr ähnlich.

Hochgezüchtet und nervös?

So nervös sind die gar nicht, wenn man sie gut behandelt. Außerdem sind sie wie wir, weil sie den Sport lieben. Sie trainieren wie wir, viel, jeden Tag. Und wenn sie auf der Bahn sind, geht's los. Der einzige Unterschied ist, dass sie leider nicht sagen können, wenn ihnen was wehtut.

Man merkt, dass Ihnen Peru sehr am Herzen liegt. War es eine der größten Enttäuschungen Ihrer bisherigen Karriere, dass Sie nicht bei der WM in Russland dabei waren?

Ja. Da war ich sehr enttäuscht.

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um?

So etwas passiert einfach, damit muss man klarkommen. Aber diese Enttäuschung war besonders. Weil ich mich sehr für das Land eingesetzt habe und lange dabei bin.

Und was sind nun Ihre künftigen Pläne? Sie haben ja schon gesagt: Trainer möchten Sie nicht werden, das ist Ihnen viel zu viel Arbeit.

Ja, ich wäre verrückt, wenn ich das machen würde. Das beinhaltet so viel. Ich möchte Zeit für meine Familie haben und für andere Sachen. Natürlich werde ich immer mit dem Fußball verbunden bleiben – wie genau, weiß ich noch nicht.

Die geschäftliche Seite des Sports haben Sie ja auch gut kennengelernt ...

Und die finde ich interessant. Auch in die Richtung könnte es gehen.

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