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Das Finale: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen..."

Die Rollen im WM-Finale von 1954 waren klar verteilt. Nie hatte es einen klareren Favoriten als Ungarn und einen krasseren Außenseiter als Deutschland gegeben. Doch es kam bekanntlich ganz anders.

Die Rollen waren klar verteilt. Nie hatte es in einem WM-Finale einen klareren Favoriten als Ungarn und einen krasseren Außenseiter als Deutschland gegeben. Was wollten und sollten die biederen deutschen Handwerker am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion gegen eine Jahrhundert-Elf wie die der Magyaren mit Puskas, Kocsis, Hidekuti, Czibor, Lorant und Co. ausrichten? Die Lage schien aussichtslos, zumal es nach dem erfolgreichen Auftakt gegen die Türkei (4:1) im Gruppenspiel gegen Ungarn ein 3:8 gegeben hatte.

Herberger Bluff beim Ungarn-Spiel

Doch Bundestrainer Sepp Herberger hielt unerschütterlich an Fritz Walter, Ottmar Walter, Horst Eckel, Werner Liebrich oder Werner Kohlmeyer fest und hatte sich eine ebenso einfache wie geniale Marschroute ausgedacht. Als Gruppen-Zweiter hinter Ungarn, aber vor der Türkei und Südkorea, wollte er ins Viertelfinale einziehen. Denn erstens könne man sich dann eine Niederlage gegen Ungarn leisten, und zweitens seien die Gegner leichter als die des Gruppensiegers. So war die Niederlage gegen Ungarn ein fast gewollter Betriebsunfall.

Die Rechnung ging auf. Deutschland kam durch Siege über Jugoslawien und Österreich ins Finale, während Ungarn mit Brasilien und Uruguay die ungleich höheren Hürden zu überwinden hatte. Wenn Herberger später von den besten deutschen Spielen sprach, nannte er zuerst das 6:1 im Halbfinale gegen Österreich. Zur Pause führte seine Elf durch Schäfer knapp mit 1:0, doch dann überrannte der ständig rochierende deutsche Angriff, angetrieben durch den überragenden Fritz Walter, die Österreicher. Zwei Tore, beides Elfmeter, steuerte der Regisseur selbst bei, zwei weitere sein Bruder Ottmar, das halbe Dutzend machte Max Morlock voll.

Bereits nach neun Minuten 0:2

30 000 deutsche Schlachtenbummler sorgten im Finale für die Atmosphäre eines Heimspiels. Auch der strömende Regen, Fritz Walters Lieblingswetter, kam dem Außenseiter zu Hilfe. Dass Ungarns Regisseur Ferenc Puskas trotz einer Knöchelverletzung spielte, sollte sich als dritter Pluspunkt erweisen. Zunächst aber schien der deutsche Traum vom Titel beim 0:2 nach neun Minuten ausgeträumt zu sein. Doch Morlock - förmlich mit dem großen Zeh drückte er einen Rahn-Pass über die Linie - und «Boss» Helmut Rahn glichen nach 18 Minuten aus.

Das Tor von Rahn machte Deutschland zum Weltmeister

Dann kam die legendäre 84. Minute, die Radioreporter Herbert Zimmermann bis heute unvergessen so dokumentierte: «Schäfer flankt nach innen - Kopfball - abgewehrt - aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Toooooor!!! Tooooor!! Toooor! Tor für Deutschland.» Es stand 3: 2 für Deutschland und sechs Minuten später war das Wunder geschehen. Das vom Krieg zerstörte und moralisch von der Welt geächtete Deutschland war Fußballweltmeister. Ein Wunder, dem wirtschaftlich und sozial weitere folgten.

Wann immer Hit-Listen des deutschen Sports erstellt wurden, dieser erste WM-Sieg eines deutschen Teams stand und steht ganz weit oben. Ein Sieg für die Ewigkeit

Andreas Bellinger, dpa / DPA

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