Der Rücktritt Anders Frisk


Warum sich der schwedische Unparteiische Anders Frisk dem Diktat der englischen Mobs beugte.

Er war der Herr mit dem Teint, der Mann der großen Gesten - aber auch der Mann der großen Spiele, neben Pierluigi Collina und Markus Merk der beste Schiedsrichter der Welt. Bis Anders Frisk, 42, überraschend zurücktrat. Chelseas Trainer José Mourinho hatte nach dem Champions-League-Match beim FC Barcelona behauptet, Frank Rijkaard, Barcelonas Coach, sei in der Pause in Frisks Kabine gewesen - und der spätere Platzverweis für Chelseas Spieler Drogba die Folge. Von da an stellten die aufgehetzten Fans des englischen Tabellenführers dem Schweden nach, schickten ihm Tausende Mails und Briefe, observierten seine Wohnung in Göteborg, beschimpften die Kinder am Telefon. Als er seinen Rückzug bekannt gab, wirkte der Sonnyboy geschockt. "Die letzten 16 Tage waren die schlimmsten in meinem Leben", sagte er.

Hunderte Morddrohungen habe er erhalten, am Ende seine Kinder nicht mal mehr den Briefkasten öffnen lassen. "Ich fühlte mich wie ein gejagtes Tier." Es endete erst, als er verkündet hatte aufzugeben. Doch als die UEFA ihn überreden wollte weiterzumachen, schwoll die Flut der Drohungen sofort wieder an. Frisk wusste dem von Mourinho entfesselten Hass nicht viel entgegenzusetzen, er hat eine harte Saison hinter sich: Im vergangenen September brach er ein Spiel des AS Rom ab, nachdem ihm ein Ehrengast eine Münze an die Stirn geschleudert hatte; die Wunde musste mit drei Stichen genäht werden. Dennoch dachte er niemals an einen Rücktritt - bis er auf den offenbar gewissenlosen Mourinho traf. Frisk, so erzählt es Thomas Tynander vom "Aftonbladet", ist ein freundlicher, offener Mensch. Wenn er einen Bekannten begrüßt, umfasst er mit beiden Händen dessen Rechte und lässt sie vor lauter Freude kaum mehr los. Nach 26 Jahren als Schiedsrichter widmet er sich jetzt seiner Versicherungsagentur und seinem Kinokomplex. Er wirkte wie befreit, als er sich zum Abschied durchgerungen hatte. "Ich werde den Fußball vermissen", sagte Frisk nur, "aber es gibt Wichtigeres im Leben." Seine vier Kinder, zum Beispiel.

Rüdiger Barth print

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