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Deutschland-Schottland: "Absolutes Herzblut ist angesagt"

Vor dem richtungsweisenden EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland heute abend in Dortmund (20.45) stehen Rudi Völler und seine Mannen unter enormen Druck.

Die Maßstäbe haben sie selbst gesetzt, auf dem Weg zum erhofften WM-Triumph in drei Jahren im eigenen Land aber stecken Rudi Völler und die deutsche Nationalelf derzeit im Stau. "Ich muss mit dem leben, was ich habe", verdeutlichte der Teamchef das personelle Dilemma. Von den 23 Akteuren, die vor 15 Monaten bis ins Weltmeisterschafts-Finale von Yokohama gestürmt waren, gehörten gerade noch zehn zum Aufgebot für das EM-Spiel gegen Schottland.

Völler muss gegen die Schotten gleich auf fünf nur schwer austauschbare WM-Stammkräfte (Dietmar Hamann, Torsten Frings, Christoph Metzelder, Jens Jeremies, Christian Ziege) sowie Jens Nowotny und Sebastian Deisler verzichten. Von den Nachrückern fiel auch noch Paul Freier aus, der vom schnellen Umbruch bisher profitieren konnte. "Ich habe immer bemängelt, dass wir ein dünnes Fundament von Spielern haben, die Rudi Völler zur Verfügung stehen", gestand sogar Chefkritiker Günter Netzer zu.

Wird die deutsche Mannschaft dem Druck am Mittwoch standhalten?

Personell pfeift Völlers Team inzwischen auf dem allerletzten Loch. Deisler hat sich wieder einmal verletzt. Ein Muskelfaserriss erzwang die frühzeitige Abreise nach München. Ein Fragezeichen bleibt bis zum Anpfiff des schwedischen Schiedsrichters Anders Frisk hinter der nötigen Fitness der beiden Leverkusener Carsten Ramelow (Oberschenkelprellung) und Oliver Neuville (Hüftprobleme).

"Die Moral ist intakt"

Im Sturm soll nach zwei Partien ohne Treffer der ehemalige Dortmunder Fredi Bobic gegen die Schotten den Torbann brechen. "Rudi Völler weiß, was er an mir hat, was ich rüber bringe. Ich bringe mich ein wie immer - dann wird er mich auch aufstellen", reklamierte der Berliner einen Startplatz für sich. Ansonsten stellt sich die Mannschaft, zu der nur noch 16 Feldspieler gehören, inzwischen praktisch von selbst auf. Bis auf wenige Ausnahmen müssen im laut Franz Beckenbauer "wichtigsten Spiel des Jahres" die Versager von Island wieder ran. Völler setzt nach intensiven Gesprächen im Quartier und auf dem Trainingsplatz auf eine Steigerung durch Selbstkritik: «Die Moral ist intakt. Die Mannschaft brennt und will es allen beweisen.»

Die breite Kluft zwischen dem hohen Anspruch des kritischen Publikums und den tatsächlichen Möglichkeiten hat die Brandrede Völlers ausgelöst. So die Vermutung vieler Beobachter. Er spüre dabei, "dass die Mannschaft die Erwartungshaltung derzeit gar nicht erfüllen kann», sagte beispielweise Hertha-Manager Dieter Hoeneß. "Das verlangt einfach Zeit."

"Absolutes Herzblut angesagt"

Zeit ist allerdings das Letzte, was Rudi vor dem heutigen richtungseisenden Spiel gegen Schottland noch hat. Der Teamchef schob dewegen auch alle personellen und taktischen Dinge zur Seite und beschwor am Dienstag auf zuvor nie erlebte Art den Geist des Ukraine-Spiels, als vor knapp zwei Jahren ebenfalls im Westfalenstadion mit einem denkwürdigen 4:1 das Ticket zur Weltmeisterschaft in Asien gelöst wurde. "Absolutes Herzblut ist angesagt", betonte ein erneut emotionaler Völler, der nach seinem Gefühlsausbruch in Island mit weiteren übersteigerten Beschwörungen förmlich zum letzten Mittel griff: "Jeder Spieler muss kapieren, warum er es verdient hat, geboren worden zu sein."

Obwohl rein von der Tabellenkonstellation her auch ein Remis gegen die Mannschaft von Ex-Bundesträger Berti Vogts noch alle Chancen auf Platz eins und die Direkt-Qualifikation für die EM- Endrunde 2004 erhalten würde, erwarten die 66 000 Fans in Dortmund vom Vizeweltmeister einfach einen offensiven, auf Sieg ausgerichteten Auftritt. "Ihr glaubt gar nicht, was ich hergeben würde, hier nochmals aufzulaufen. Das ist nicht mit Geld zu bezahlen", sagte Völler. Er selber wird heute abend auch auflaufen - aber nur als Trainer. Viele Fans werden das bedauern.

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