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Skandal um die WM-Vergabe 2006 Niersbachs Versagen in der DFB-Affäre

stern-Recherchen zeigen, dass DFB-Präsident Niersbach die Chance hatte, den geheimen Millionendeal gemeinsam mit Franz Beckenbauer und Theo Zwanziger aufzuklären - er hätte nur über seinen Schatten springen müssen.
Von Wigbert Löer

Kein DFB-Präsident stand jemals so schlecht da wie Wolfgang Niersbach. Am Samstag in der "Sportschau" muteten Szenen seiner Pressekonferenz an wie ein lustiger Beitrag aus der "heute-show": der "Ich-weiß-nicht"- Präsident, in etlichen Schnitten aneinandergereiht. Schulterzuckend. Armrudernd. Die Szenen, mit denen Niersbach zur allerbesten Fußballsendezeit zum Gespött wurde, hatte er selbst zwei Tage zuvor geliefert. Ein Albtraum für jeden Macher und Manager. Und noch ein bisschen mehr für Niersbach, der selbst so lange als Presse- und PR-Mann arbeitete.

Das Schlimmste für Niersbach ist, dass die ganze Auswucherung dieser inzwischen fast zwei Wochen alten Affäre wunderbar und leicht zu vermeiden gewesen wäre – durch ihn selbst.

Sein Vorgänger Theo Zwanziger hatte, so schilderte dieser es dem stern, erst 2012 die wahren Hintergründe des Millionentransfers verstanden. Damals las Zwanziger die Akte der Pleite gegangenen Sportrechteagentur ISL und stieß darin auf Schmiergeldzahlungen zwischen 1998 und 2000. Vorher dachte Zwanziger, dass es sich um eine "Provision gehandelt" habe. "Diese Provision wollte ich vor der Weltmeisterschaft nicht öffentlich machen", sagte er.

"Handlungsempfehlungen“ vom Anwalt

Zwanziger fragte sich 2012 nach Lektüre der ISL-Akte, ob er selbst noch Probleme bekommen könne. Deshalb beauftragte er seinen Anwalt, ihm ein Gutachten zu erstellen. Zwanziger zum stern: "Dieses Gutachten sollte mir klar machen, inwieweit mein eigenes Handeln bedenklich gewesen ist und inwieweit ich nach dem Ausscheiden als DFB-Präsident noch in der Pflicht war, dem DFB Dinge mitzuteilen. Ich bekam von meinem Anwalt Handlungsempfehlungen. Diese Handlungsempfehlungen habe ich mit Franz Beckenbauer und Horst R. Schmidt besprochen."

Horst R. Schmidt, das zur Erklärung, war früher Generalsekretär des DFB. Er und Zwanziger kennen und schätzen sich seit rund 20 Jahren – und vertrauten sich bis vergangene Woche. Zuerst telefonierten sie, trafen sich in Mainz. Dann aber machte Zwanziger, nach eigener Aussage, um sich zu schützen, ein Telefongespräch der Beiden im "Spiegel" öffentlich.

Im Sommer dieses Jahres empfing Zwanziger Franz Beckenbauer. Beckenbauer landete auf dem kleinen Flughafen Frankfurt-Egelsbach, von dort brachte ihn ein Fahrer nach Altendiez. In dem Dorf nahe Limburg wohnt Theo Zwanziger. Die beiden sprachen eineinhalb Stunden in Zwanzigers Wohnzimmer. Thema: die Altlasten aus WM-Tagen.

Der Kaiser als Wohnzimmer-Gast

Zwanziger schilderte dem stern den Ausgang des Treffens so: "Franz Beckenbauer und ich trennten uns in vollem Einvernehmen. Er wusste nun, worum es ging. Auch Horst R. Schmidt wusste, wie ich die Dinge sah." Als der "Spiegel" vorvergangene Woche alle Akteure von Beckenbauer bis Zwanziger mit dem Sachverhalt konfrontierte und Fragen stellte, hätten Schmidt und er die Fragen sogar noch per Mail ausgetauscht.

Volles Vertrauen herrschte also zwischen Zwanziger und Schmidt. Schmidt wiederum hatte keinerlei Probleme mit Niersbach und Beckenbauer. Es war eine Konstellation, die eine Chance bot: Jetzt hätte der DFB-Präsident den Skandal um die schwarze Kasse entschärfen können.

Wolfgang Niersbach hätte das Quartett der Wissenden einfach nur zusammenführen müssen. Alle an einen Tisch, um darüber zu sprechen, wie man gemeinsam möglichst wenig Schaden nehmen konnte an dem Millionentransfer aus der Vergangenheit. Beckenbauer, Zwanziger und Schmidt, auch Niersbach selbst: Sie alle waren ja betroffen. Sie alle drohten beschädigt zu werden. Für Niersbach, vor Kurzem noch von einen hohen DFB-Funktionär als nächster Fifa- oder Uefa-Chef in Position gebracht, konnte es besonders unangenehm werden. Die anderen hatten wenigstens keine hohen Ämter mehr inne.

Doch Niersbachs hatte ein Problem: Zwanziger war sein Feind. Und Zwanziger sollte sein Feind bleiben.

Kein cooler Krisenmanager

Der Präsident erwies sich nicht als cooler Krisenmanager, sondern als Schwarz-Weiß-Denker, wie ihn einst der Soziologe Carl Schmitt beschrieben hat: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Aus Niersbachs Sicht war Zwanziger zuletzt gegen ihn gewesen, weil er ihm verübelt hatte, als Präsident des DFB gleichzeitig eine stattliche DFB-Betriebsrente zu kassieren.

Wolfgang Niersbach hätte verdammt viel retten können in diesem Moment, wenn er den einen, kleinen Schritt auf Zwanziger zugegangen wäre. Er hätte sich dann nicht in eine unmögliche Mischung aus klaren Ansagen und konsequentem Nichtwissen verrennen müssen. Er stände nicht als jemand da, der die Unwahrheit sagt. Er hätte auch nicht erklären müssen, den Vorgang seit Sommer intern zu untersuchen, eine Behauptung, die bis heute niemand öffentlich bestätigt hat. Wolfgang Niersbach hätte einfach nur Zwanziger ins Boot holen müssen. Den Mann, den er während der Diskussion um seine hohe Betriebsrente öffentlich "in der Isolation" verortet hatte. Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident und in höchster Not: Er hätte nur über seinen eigenen Schatten springen müssen.

Es hätte nicht schlechter laufen können Wolfgang Niersbach tat das nicht, und so fügten sich die Dinge anders. Zuerst wurde aus dem potenziellen Quartett das Trio Schmidt-Beckenbauer-Niersbach, das aber dem Druck auch nicht stand hielt. Dann weigerte Beckenbauer sich, gemeinsam mit Niersbach vor die Presse zu treten. Niersbach erzählte daraufhin brühwarm, was "der Franz" ihm erzählt hatte. Er behauptete weiterhin, es gebe keine schwarzen Kassen und legte jenen unsäglichen Auftritt vor der Presse hin. Horst R. Schmidt wiederum widersprach Niersbach noch am selben Nachmittag, indem er klar machte, Niersbach habe schon vor der WM 2006 von der schwarzen Kasse gewusst. Zwanziger schließlich öffnete sich gegenüber dem "Spiegel“. Für Niersbach und für den DFB hätte es nicht schlechter laufen können.

Für die Entwicklung trägt der Präsident Wolfgang Niersbach die Verantwortung. DFB-intern, berichtet die "Frankfurter Allgemeine", werde längst nach einem Nachfolger für den Mann aus Düsseldorf gesucht. Niersbach hält weiter an seiner Aussage fest, es habe keine schwarze Kasse gegeben. Vielleicht glaubt er tatsächlich, dass er damit durchkommt.


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