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Ecuador: "Ja, wir schaffen es"

Die Ecuadorianer trotzen dem Skandal, der ihre Nationalmannschaft gerade erschüttert und sind frohen Mutes, eine erfolgreiche WM zu spielen. Wenn im Juni der Spielanpfiff ertönt, wird ein ganzes Land gebannt vor dem Fernseher sitzen.

Spätestens seit Franz Beckenbauer Quito im Februar besuchte, ist die WM-Begeisterung in Ecuador voll entbrannt. Der Skandal um den Nationalmannschafts-Koordinator Vinicio Luna hat die Stimmung zwar stark gedämpft. Doch das Selbstvertrauen, das in der Andenrepublik durch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft gewachsen war, ist geblieben. Im Juni wird der Fußball von allen Negativschlagzeilen des Landes ablenken. Glücklich kann sich schätzen, wer live dabei ist - eine Reise zur WM nach Deutschland kostet ein Vermögen.

"Ein historisches Ereignis" ist die erneute Qualifikation für den Leiter des Fanmagazins der Nationalmannschaft, Marco Salazar. Deshalb ist die WM landesweit in aller Munde. Über die Fernsehkanäle der Hauptstadt jubeln begeisterte Fans in den gold-blau-roten Farben der "Tricolor" in die Kameras. In abgelegenen Andentälern kicken derweil Indios bei der WM der amerikanischen Ureinwohner um eine Kopie des Fifa-Pokals. Es ist der Fußball, der die Spannungen im Land zumindest vorübergehend vergessen lässt.

Stolzes "Wir- Gefühl" im ganzen Land

Beckenbauer wurde von Staatspräsident Alfredo Palacios mit dem höchsten Sportorden des Landes ausgezeichnet. Ihm schlug in Quito eine Welle der Begeisterung entgegen, wie sie nur der Fußball auslösen kann. Nicht umsonst hält Ecuadors Fußball-Verbandspräsident Luis Chririboga Acosta die WM-Qualifikation für die "einzige Freude", die dem Land in letzter Zeit vergönnt gewesen sei. Als eines der 32 besten Teams der Welt in Deutschland dabei zu sein, und dann noch in der Gruppe A auf den Gastgeber zu treffen, löst ein stolzes "Wir- Gefühl" in dem politisch zerrissenen Land aus. Alle werden am 20. Juni nach Berlin blicken, wenn es im letzten Spiel der Vorrunde gegen die Deutschen wohl um Alles oder Nichts geht.

Doch auch die Wirtschaft des Landes profitiert vom Erfolg der "Selección". Fünf Hauptsponsoren haben sich um das Werbeprodukt Nationalmannschaft geschart und locken mit Gewinnreisen nach Deutschland. Im April soll die erste Fußballmesse Ecuadors die Euphorie noch steigern - und den Fußball als Kommerz-Produkt verkaufen. Jungunternehmer Fabiàn Borrero glaubt, dass die Veranstaltung als Begegnung von Unternehmen, Spielern und Fans gerade jetzt ein Erfolg wird und viele WM-Touristen anzieht.

Horrende Preise - ein Opfer für ein historisches Ereignis

Doch wer hautnah dabei sein will, muss Opfer bringen. Horrende Preise verbannen eingefleischte Fans in den heimischen TV-Sessel oder treiben sie in hohe Schulden. Denn die Tickets werden von den nationalen Agenturen nur mit Pauschalreisen angeboten. Mindestens 4000 Euro kostet der Trip, weshalb das Gros der Fans den WM-Traum vor Ort der betuchten Oberschicht überlassen muss. Die ist gerne bereit, bis zu 7000 Euro zu zahlen. Der monatliche Mindestlohn in dem kleinen südamerikanischen Land liegt bei 130 Euro. Also bleibt weniger Betuchten, die auf die Reise nicht verzichten wollen, nur, sich auf Jahre hinaus zu verschulden. Wer deshalb lieber zu Hause bleibt, investiert in einen Großbildfernseher, berichtet Marco Salazar.

Obwohl die Reiseagenturen schon 85 Prozent der WM-Tickets los sind, wartet die deutsche Botschaft in Quito noch auf den großen Ansturm. Von den geschätzten 8000 Einreisevisa wurden bisher nur wenige erteilt. Anders sieht das für emigrierte Ecuadorianer in Spanien und den USA aus. Jeweils 3000 Karten werden in diesen beiden Ländern vertrieben.

"Sí, se puede"

Die zuletzt schwachen Auswärtsleistungen der "Selección", die zuletzt in Japan mit.0:1 verlor, geben zwar Anlass für Zurückhaltung Ecuador, die zweite WM-Teilnahme kommt dennoch einem sportlichen Quantensprung gleich. Trotz der krassen sozialen Unterschiede und anhaltenden Proteste kann es deshalb im Juni der Fußball schaffen, die kontroversen Positionen zwischen Indios und wohlhabender Oberschicht für auf Zeit ins Abseits zu befördern. Das Motto "Sí, se puede" ("Ja, wir schaffen es") ist allgegenwärtig.

Allerdings ist noch unsicher, ob der Skandal um den in Haft sitzenden Luna nur ein persönliches Fehlverhalten darstellt, oder ob er Hintermänner im nationalen Fußballverband hat. Bisher schein lediglich klar, dass der Koordinator versucht haben soll, zwei Maurer als angebliche Mitglieder des ecuadorianischen Nationalteams in die USA einzuschleusen, gegen Honorar. Nun überprüft ein Gericht die letzten 48 Auslandsreisen des Teams, allein 14 davon führten in die USA.

Matthias Ebert/DPA / DPA
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