HOME

Stern Logo EM 2008

Der EM-Survival-Guide: Österreich für Anfänger

Sie freuen sich auf die EM in Österreich? Sie glauben, es reicht, einfach hinzufahren? Falsch! Gerade auf Deutsche lauern fiese Fallstricke, tiefe Fettnäpfchen und eine psychologische Kriegsführung, die als "Schmäh" getarnt wird. stern.de gibt Überlebenstipps für die EM - damit Sie nicht fremd unter Freunden bleiben.

Von Karin Spitra

Ein deutscher Historiker bemerkte einmal etwas spitz, die Bayern wären das fehlende Glied zwischen Österreichern und Menschen. Er vergaß, dass die Ur-Österreicher mehr oder weniger aus Bayern kamen - na gut, ein paar Alemannen mischten auch noch mit. Doch nicht nur gemeinsame Wurzeln und eine - fast - gemeinsame Sprache verbinden uns, auch sonst bleibt die Anziehungskraft der Nationen aufeinander ungebrochen. Ohne die Österreicher wäre die deutsche Medienlandschaft bedrückend teutonisch. Und noch immer fallen jedes Jahr Horden von Deutschen im Nachbarland ein, um sich dem modernen Dreikampf zu widmen: Ski fahren, wandern, Sex.

Und jetzt also die EM, welche bei manchen Besuchern die Disziplinen im Dreikampf höchstens in Fußball, saufen, Sex ändert. Wer allerdings auch jenseits der Stadien und Fanmeilen den Kontakt zu den Einheimischen sucht, ist hier richtig: Im Sinne der besseren Völkerverständigung haben wir allerlei Wissenswertes über dies bemerkenswerte Alpenvolk zusammengetragen. Damit Sie im Heimatland von Sigmund Freud den Österreichern und ihrer geheimen Kriegsführung, dem "Schmäh", nicht schutzlos ausgeliefert sind...

Viel Vergnügen!

Image

Viele Deutsche verbinden mit Österreich eine gewisse "Schlamperei", was die Einheimischen aber keineswegs als Schwäche empfinden. Diese leichte Unschärfe, die sich über alles legt, wird in der Alpenrepublik zur Kunstform stilisiert. Während Deutsche für klare und verbindliche Ansagen sind, lieben Österreicher das leicht Schwebende, das Unverbindliche. Akzeptieren Sie es, und Sie werden beschwingt durch die EM kommen. Akzeptieren Sie es nicht, und Sie werden endlos genervt sein.

Vermeiden Sie das Wort "Kellerverlies"

Der Glaube, dass Österreicher generell leicht inkompetent sind, dürfte hingegen historische Wurzeln haben: Die Armeen der Habsburger unterlagen mit geradezu ermüdender Regelmäßigkeit den preußischen Soldaten. Das hat sich Gott sei Dank geändert: Heute unterliegen die österreichischen Kicker mit geradezu ermüdender Regelmäßigkeit der deutschen Nationalelf. Seltene Ausnahmen werden gefeiert, wie in Usbekistan der Präsidentengeburtstag und graben sich tief in die Volksseele ein.

In jüngster Vergangenheit führten die Fälle Kampusch und Amstetten zu einer Allergie dem Wort "Keller" gegenüber. So unfassbar und monströs die jeweiligen Taten auch sind, sie zu verallgemeinern und als Verhaltensmuster auf alle Österreicher umzulegen wäre in etwa so, als würde man den Deutschen prinzipiell unterstellen, ungewollte Kinder als Leichen im Müll abzulegen.

Volks-Charakter

Was sich Ihnen heute als Österreich präsentiert, ist das Überbleibsel eines Jahrhunderte alten Vielvölkerstaates. Der Verlust der früheren Kronländer, der Monarchie und der einstigen politischen Macht nagt schwer am Selbstbewusstsein. Immerhin leben in ganz New York mehr Menschen als im heutigen Österreich mit seinen knapp acht Millionen Einwohnern. Außerdem gibt es keinen direkten Zugang zum Meer mehr. Dass dies auch für die Schweiz gilt, ist nun wirklich kein Trost. Kein Wunder, dass die österreichische Vergangenheit in der Gegenwart so präsent ist. Was Sie für Nostalgie halten, ist nichts anderes als die Sehnsucht nach der einstigen Größe. Haben Sie also Mitleid: Erwähnen Sie nicht, dass Kaiserin Sissi eigentlich eine bayerische Prinzessin war, Beethoven ein Deutscher und Hitler dafür Österreicher.

Leben in Parallelwelten

Ebenso legendär ist der Einfluss des historischen Vielvölkergemischs auf den Charakter der Österreicher - und den der Wiener im Besonderen. Während viele vom "goldenen Wiener Herz" schwärmen und sie für genialische, vergnügte Lebenskünstler halten, beschreiben sie andere als langsam, griesgrämig, verschlagen, ja oft sogar als bösartig. Beide Sichtweisen stimmen. Denn die Verschmelzung vieler Sprachen und Völker unter das K.u.k.-Kommando beschert den heutigen Österreichern einen unschätzbaren Vorteil: Sie sind es gewohnt in vielen verschiedenen Traditionen zu leben - und können deshalb problemlos und gleichzeitig völlig unterschiedliche Standpunkte vertreten.

Seit dem Biedermeier kultivieren Österreicher außerdem die Strategie der "inneren Emigration". Dies war ihre Überlebensstrategie unter dem von Fürst Metternich Anfang des 19. Jahrhunderts ausgeübten Zwang zur Angepasstheit. Mit dieser mittlerweile perfektionierten Technik können Österreicher jeden noch so unangenehmen Lebensumstand überleben. Sie verschwinden innerlich einfach in ein Paralleluniversum. Hinter dieser perfekten Fassade können aber auch Frust und Groll wie ein Krebsgeschwür wuchern. Dies ist übrigens die Wurzel für den zwiespältigen Umgang der Österreicher mit der Macht und den Mächtigen: Sie begegnen ihnen mit einer unnachahmlichen Mischung aus Unterwürfigkeit und Verachtung, die von Deutschen gerne als Charme missverstanden wird.

Schizophrenie als Lebensform

Das Erbe ihrer absolutistischen Staatsform hat Österreicher aber auch mit einer seltenen Form der Selbstironie gesegnet: Tief innen glaubt seither jeder, dass er deutlich talentierter und fähiger ist, als die Autoritäten, denen er sich unterordnen muss. Das macht Österreicher gleichzeitig vorhersehbar und unvorhersehbar, freundlich und bösartig, standhaft und unaufrichtig, selbstbewusst und zermürbt. Es ist die kultivierteste Form der Schizophrenie: alles geht und gilt - und zwar gleichzeitig!

Benehmen

Vorsicht: Österreicher sind Begrüßungspedanten. Händeschütteln ist eine Art Volkssport, Begrüßungsküsse werden freigiebig verteilt und sogar Handküsse sind noch nicht völlig ungebräuchlich. Wehe dem, der nicht grüßt - und wenn er nur eine Briefmarke kauft. Dabei muss es keinesfalls gleich das "Meine Hochachtung" sein. Ein schlichtes "Grüß Gott" oder "Servus" tut's auch. Nicht gegrüßt zu werden ist ein schwerer Affront und einer der schlimmsten Schnitzer, die man sich leisten kann.

Höflichkeit siegt

Das Erbe der Habsburger-Monarchie überlebt aber auch in anderer Form: Österreicher lieben gutes Benehmen. Höflichkeit ist Trumpf. Männer sind im Alltagsleben charmanter, als es deutsche Frauen gewöhnt sind. Türe aufhalten, in den Mantel helfen, in Bus und Bahn den Platz anbieten, die Rechnung übernehmen - die Selbstverständlichkeit, mit der dies immer noch praktiziert wird, dürfte ruhig abfärben...

(Haus-)Tiere

Der alte Mann und das Meer? In Österreich hieße es eher "Die alte Frau und der Hund". Die Liebe der Österreicher zu ihrem "Zamperl" ist legendär. Ebenso legendär ist eine andere Erkenntnis: In ganz Wien gibt es kein einziges trockenes Häusereck in den inneren Stadtbezirken. Oder diese: Mitte der 90er Jahre landeten jeden Monat 15 Tonnen Hundekot auf den Straßen der Hauptstadt. Wer unachtsam durch die Stadt tapert, ist selbst Schuld.

Wenn Sie übrigens dringend die Hilfe der Polizei benötigen, aber sie kommt und kommt nicht - treten Sie einen Hund. So schnell können Sie gar nicht schauen, dass drei aufmerksame Damen die Behörden alarmiert haben...

Verkehr

Sie glauben, Österreicher hätten Manieren, wären wohlerzogen und die letzten Gentlemen? Stimmt. Bis sie sich ans Steuer ihres Autos setzen. Dann wird aus Dr. Jekyll ein Mr. Hyde. Nirgends ist Österreich so sehr Balkan, wie beim Autofahren. Wahrscheinlich liegt es an dem kleinen Land (nur sechs ernst zu nehmende Autobahnen), der Geschwindigkeitsbegrenzung (Tempo 130 auf Autobahnen) und dem Schicksal ein Transitland zu sein.

Sie können nicht gewinnen

Machen Sie sich also eins klar: Sie haben auf jeden Fall verloren. Halten Sie sich an die Verkehrsvorschriften (z.B. die geltende Höchstgeschwindigkeit), dann jagt sie ein Österreicher mit aufgeblendetem Licht, sieben Zentimetern Sicherheitsabstand und vor Wut ins Lenkrad beißend ("Bist' nur zum Spazierenfahren hergekommen, du Trottel?"). Oder Sie passen Ihren Verkehrsstil den Einheimischen an, dann sind Sie eine willkommene Beute der Polizei und Gendarmerie (so hießt hier die Polizei auf dem Land). Tun Sie sich was Gutes. Lassen Sie das Auto stehen. Lassen Sie sich fahren - am besten von einem Österreicher.

Essen + Trinken

Schätzen Sie sich glücklich! Österreicher legen viel Wert auf gutes Essen, und zwar immer und überall. Dabei besteht die österreichische Küche aus mehr als Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Fiakergulasch und Salzburger Nockerln. Trauen Sie sich auch in einfache Gastwirtschaften ("Beiseln"), die Chance, dass Sie enttäuscht werden, ist gering. Natürlich gibt es in allen Großstädten das übliche urbane Wellness-Food. Leckere Salate, asiatisch angehauchte und perfekte regionale Küche. Aber machen wir uns nichts vor: Eigentlich steht die österreichische Küche für deftige Kost, große Portionen. Eine Art Soul-Food der Berge. Das sieht man den älteren Österreichern dann auch durchaus an. Und erfreulicherweise stehen sie dazu. Salat bleibt für sie eine Beilage und kein Hauptgericht. Das sollte schon etwas "Fleischernes" sein. Wo sonst sprechen intellektuelle Adipöse stoisch kauend vom "Selbstmord mit Messer und Gabel"? Eben!

"A Eitrige mit am Schoafem"

Lange vor der McDonaldisierung der Welt hat Österreich sein eigenes Fastfood entwickelt: die Würstlstände. Sie sind die Rettung nach einer langen Nacht, besser als belegte Brote und deftiger als in Deutschland üblich. Die Liste der Leckereien ist lang. Sie reicht von Käsekrainer (einer Wurst mit geschmolzenem Käse drin, deshalb auch sehr plastisch "Eitrige" genannt), Burenwurst ("Krampfader" oder "Burenhäutl"), Klobassen, Debreziner, Waldviertler, und und und. Wiener Würstchen heißen in Österreich übrigens Frankfurter. Und die besseren Würstelstände bieten neben dem normalen Leberkäse auch Pferdeleberkäse an (wenn auch nicht von den Lippizzanern). Dazu gehört standesgemäß Senf (süß oder scharf), Pfefferoni (eine sauer-scharf eingelegte Paprika-Art) und Brot oder Brötchen. Dazu gibt's Bier und Gespräche mit dem Nachbarn. Wer diese Art der Ernährung nicht gewohnt ist, sei vor lang anhaltendem Sodbrennen gewarnt - je nach Uhrzeit und Alkoholpegel beim Verzehr.

Nach Beisel und Würstelstand macht der Heurige das Lokalitäten-Dreigestirn komplett. Hier geht der Österreicher hin, um ungekünstelt zu essen und zu trinken. Meist in Gruppen sitzt man auf langen Holzbänken unter freiem Himmel und genießt "Gspritzte" (= Weinschorle). Die Heurigenweine pur zu trinken ist nicht unbedingt empfehlenswert. Schließlich ist das Hauptattribut eines ordentlichen Heurigen "resch", was nur sehr unzureichend mit "fruchtig" übersetzt werden kann. Manchmal würde "sauer" besser passen. Dazu holt man sich vom Büffet, was man will. Und diese Büffets präsentieren sich in der ganzen Bandbreite: Von sparsam bestückt bis zu triefender Opulenz. Immer aber unglaublich köstlich. In vielen Heurigen darf man auch noch selbst Mitgebrachtes verzehren - ein Relikt aus Kaiserzeiten, als die Heurigen in den Vororten lagen und man deren Besuch mit einer ausgedehnten Wanderung verband.

Es wird ein Wein sein...

Auf jeden Fall ist der Heurigenbesuch eine Art gruppendynamisches Riesenpicknick, und tatsächlich wird oft noch spontan gesungen. Im Winter spielt sich das dann halt alles mit einem Dach über dem Kopf ab. Getrunken wird aber genauso viel. Natürlich gibt es auch hier schon ordentliche Touristenfallen, die ungefähr so authentisch sind, wie Tatjana Gsell oder Victoria Beckham. Zu einem Österreich-Aufenthalt gehört ein Besuch in einem dieser Gastwirtschaften aber unbedingt dazu.

Die Vorliebe der Österreicher für süffiges Bier wird nur noch von ihrer Vorliebe für jungen, spritzigen Wein übertroffen. Dabei haben sie ihre eigenen Maßeinheiten, die sie als bekannt voraussetzen.

Ein Pfiff und ein Seidl

Beim Bier unterscheidet man zwischen "Pfiff" (= 0,2 Liter, die Kölsch-Menge), dem "Seidl" (0,3 Liter) und dem "Krügerl"( 0,5 Liter). Wein wird als Achterl (0,125 Liter) oder als Vierterl (0,25 Liter) serviert. Ein "G'spritzter" ist immer ein Achterl Wein mit einem Achterl Sodawasser.

Nicht unerwährt sollte auch die österreichische Kunst bleiben, jedes Obst zu destillieren und daraus umwerfende Schnäpse zu machen. Dennoch gilt auch in diesem lebenslustigen Land eine Promillegrenze von 0,5. Halten Sie sich unbedingt daran, die Strafen sind empfindlich hoch und die Exekutive kennt kein Erbarmen.

Kaffeehaus

Nicht draußen und auch nicht daheim - das ist das Kaffeehaus für den Österreicher. In diesem zweiten Wohnzimmer wird Kaffee getrunken, Zeitung gelesen, Leute getroffen, eine kleine Mahlzeit eingenommen, intrigiert, Hof gehalten, Geschäfte gemacht, Hausaufgaben erledigt, getratscht - kurzum gelebt. Denn im Kaffeehaus ist es durchaus üblich, sich stundenlang aufzuhalten - selbst, wenn man nur einen kleinen Schwarzen bestellt hat. Dazu wird vom Kellner obligatorisch ein Glas mit Leitungswasser serviert. Bei längerem Aufenthalt bringt der Kellner meist unaufgefordert Wasser nach. Der Kellner wird übrigens "Herr Ober" genannt. Seine Nennung beim Vornamen kann eigentlich nur durch ein intimes Verhältnis oder völlige Trunkenheit gerechtfertigt werden.

Ohne ordentliche Melange geht nix

In Kaffeehäusern wird eine atemberaubende Vielfalt des schwarzen Nektars kredenzt. Hier eine kleine Auswahl: Kleiner + großer Schwarzer (Mokka, entspricht einem Espresso), kleiner + großer Brauner (Mokka mit Milch), Schale Gold (Mokka mit Sahne), Verlängerter (ein kleiner Mokka mit der doppelten Menge Wasser), Melange (Verlängerter mit Milch und Milchschaum). Nicht zu vergessen den Einspänner, Franziskaner, Kapuziner, Kaisermelange, Mazzagran, Fiaker und und und.

Es gibt Literatencafés, Kaffeehäuser für Studenten, für die Leute aus der Nachbarschaft, fürs Marktpersonal, für Ministerialbeamte, für Bezirksoberrauchfangkehrer und auch für Touristen. Setzen Sie sich in so viele Kaffeehäuser wie möglich. Lesen Sie eine Zeitung, schauen Sie alten Männern beim Schachspiel zu. Oder Frauen beim Tratschen. Flirten Sie mit allem und jedem. Näher werden Sie der österreichischen Seele selten kommen.

Eine Spezialmischung im Morgengrauen

Eine Sonderform des Kaffeehauses ist übrigens der "Branntweiner". Diese Branntweinstuben ziehen sich durch die Vororte Wiens, man findet sie aber auch in allen anderen Großstädten. Sie öffenen meist gegen vier Uhr morgens und halten bis zum frühen Nachmittag offen. Das Interieur lässt sich am ehesten mit "rustikal" umschreiben, obwohl darauf niemand achtet. Das Licht ist niemals hell, und man wird gerne geduzt. Hier sammeln sich die Gestrandeten der Nacht und trinken ihre letzten Biere oder Spritzer. Und treffen auf Krawattenträger mit Aktentasche, die sich für ihren Arbteitstag mit der Spezialmischung fit machen: einem kleinen Mokka mit einer doppelten Portion Inländer-Rum. Wer sich dieses spezielle Geschmackserlebnis antun will, sei herzlich eingeladen. Ab wann der eigene Kreislauf dann wieder zur Kooperation bereit ist, muss jeder für sich selber herausfinden.

Sex

Die meisten Österreicher haben eine sehr zivilisierte und bodenständige Einstellung zur körperlichen Begegnung der Geschlechter. Die meisten ignorieren gekonnt die Vorgaben der katholischen Kirche was Verhütung und Abtreibung angeht. Humorvolle Menschen erzählen augenzwinkernd, dass sie ein Heiligenbildchen unter die Matratze legen - und so die Sünde des vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs mildern.

Sacher-Masoch und die Mutzenbacherin

Prüderie und Zimperlichkeit sind dem österreichischen Wesen fremd, die landläufige Meinung ist, dass Keuschheit denen vorbehalten bleiben sollte, die sich dafür aus Berufung entschieden haben. Nicht selten gipfelt diese Einstellung zu später Stunde - und natürlich auch unter dem Einfluss von Alkohol - in der ziellose Aufforderung: "Es g'hört viel mehr 'pudert..." ( = Man sollte viel mehr geschlechtlich verkehren). Und das tun diese lebenslustigen Menschen dann auch.

Wen wundert's, dass Leopold von Sacher-Masoch hier seine "Venus im Pelz" verfasste. Dass der wohl einzige deutsche pornographische Roman von Weltrang aus Österreich kommt: "Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne". Und dass auch Sigmund Freund hier die Wichtigkeit der Libido entdeckte. Vielleicht deshalb zeichnet Österreicher ein tiefes Verständnis für die zahllosen Klippen des zwischenmenschlichen Miteinanders aus. So sind sie viel entspannter, was Affären ("Pantscherl") und Liebschaften angeht, als liberale Nordlichter glauben mögen.

Lockere Sitten - Tourismus sei Dank

Hinzu kommt der Tourismus: Jede Saison werden zahllose feierfreudige Besucher ins Land gespült. Kein Wunder, dass junge Kärntner und Tiroler, Steirer und Vorarlberger, kurzum alle Österreicher, auf diesem Gebiet recht frühreif agieren. Public-Viewing und Fanmeilen dürften also auch in den kommenden Tagen die besten Singlebörsen des Landes sein. Sonst sind es halt Heurige, Badeseen, Kaffeehäuser... Und die Lust an der Lust zieht sich durch alle Altersstufen. Die Einstellung "a bisserl was geht immer" dominiert. Auch wenn mache jetzt schockiert sind, aber auf die Frage "Tamma heit pudern?" (= Wollen wir geschlechtlich verkehren) sollte jeder Österreich-Reisende vorbereitet sein.

Schmäh

Was Deutsche oft für Humor halten, ist in Österreich eine Lebenseinstellung. Nur sehr unzureichend mit Witz, Schlagfertigkeit übersetzt, ist der Schmäh der Kitt der österreichischen Gesellschaft. "Rennt der Schmäh", ist die Stimmung gelöst. Ist jemand "schmähstad" ist er ein humorloser Brocken - und grüßt wahrscheinlich nicht einmal. Mit Schmäh lässt sich alles ertragen - im Paralleluniversum, wie in der Realität. Es droht eine Niederlage? Mit Schmäh würde man das mit "die Situation ist hoffnungslos, aber nicht ernst" kommentieren. Jemand kommt mindestens 45 Minuten zu spät zu einem Termin? In Deutschland würde man mit Vorwürfen überschüttet werden. In Österreich heißt's lapidar: "Na, ist vielleicht die Oma g'storben?".

Es gibt auch die dunkle Seite

Aber lassen Sie sich nicht täuschen. Der Schmäh ist nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite ist ein aus tiefstem Selbsthass geborener, bitterer schwarzer Humor, den die Österreicher nicht unbedingt an Fremde verschwenden. Oder wie sagte der österreichische Dichterfürst Nestroy: "Ich erwarte von Jedem das Schlechteste, mich eingeschlossen. - Und ich werde selten enttäuscht."

Wissenscommunity