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EM-Ausrichter Österreich: "Zu Gast bei Verlierern"

Eine Wiener Zeitung hat die Ösis als manisch-depressives Fußballvolk beschrieben - angesichts der Leistungen des eigenen Nationalteams kein Wunder. Organisatorisch sind die Macher der Euro 2008 bestens gerüstet. Doch ob das Turnier ein stimmungsvolles Fest für die Gastgeber wird, bleibt fraglich.

Von Frank Hellmann, Wien

Man kann nicht behaupten, dass die Österreicher nicht einfallsreich sind. Jedenfalls haben es schon einige fachfremde Frauen verstanden, die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft zum guten Geschäft zu machen. Etwa Modedesignerin Stefanie Schöffmann. "Zu Gast bei Verlierern", steht auf T-Shirts, Jacken und sogar Unterwäsche. Das vorgebliche Motto der adretten Dame: Tiefstapeln ist besser als tief fallen. Das sagt sich auch Henriette Wursag. Die Wiener Psychologin bereitet in eigenen Seminar Interessenten auf mögliche EM-Niederlagen vor. Kostenpunkt 54 Euro. Gelehrt wird von der Referentin der Volkshochschule Wien der richtige Umgang "mit Sieg und Niederlage meiner Mannschaft." Der Zulauf ist beachtlich.

Spätestens nach der verschluderten 3:0-Führung im mit 3:4 verlorenen Testspiel gegen die Niederlande ist die Euro-Euphorie wieder einer Euro-Depression gewichen. "So ist die Lage der Nation - und damit müssen wir fertig werden", sagt Teamchef Josef Hickersberger, der wiederholt feststellte, dass seine jungen Auserwählten "über 90 Minuten nicht mit dem internationalen Niveau und Tempo mithalten können". Eine fatale Selbsterkennung eines Landes, das sich nach Dafürhalten des früheren Bundeskanzlers Bruno Kreisky doch deshalb als Nation versteht, "weil es eine Nationalbank und eine Nationalmannschaft hat".

Österreich ist ein manisch-depressives Fußballvolk

Dummerweise ist diese kaum gut genug für den Wettstreit mit den 15 besten europäischen Ländern, auch wenn der aktuelle Kanzler Alfred Gusenbauer beteuert: "Ich bin Berufsoptimist und gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir auch einen fußballerischen Beitrag zu dieser Jahrhundertveranstaltung leisten." Andere sind wenig hoffnungsvoll. "Es geht sich immer nicht aus", jammerte der Standard, der wie andere Tageszeitungen in seitenlangen Analysen das manisch-depressive Irresein des Fußball-Volkes beschrieb. Der inoffizielle EM-Song ("Hebt alle hoch den Schal - wir holen den Pokal") wird wohl erst tausendfach geträllert, wenn Österreichs Nationalteam tatsächlich in der Gruppe mit Deutschland, Polen und Kroatien überrascht. Selbst Alfred Ludwig, Generalsekretär beim Österreichischen Fußball-Bund, kündigt mit ironischem Unterton an, dass der Penny-Markt landesweit 200000 rot-weiß-rote Fähnchen zum Anstecken ans Auto ausgibt. "Wenn es mit uns nix wird, kann man die schnell wieder abnehmen."

Vielleicht ganz gut, dass immerhin Heinz Palme, Koordinator der Bundesregierung, unerschütterlich Optimismus vorgibt. Der Steyrer weiß aus eigener Erfahrung, dass sich die Vorfreude auf ein sommerliches Event in trüben März-Tagen mitunter in Grenzen hält - Palme war im Organisationskomitee der WM 2006 an den Schalthebeln der Macht. "Was war denn da vorher in Deutschland los?" fragt Palme und liefert die Antwort: "Man hat im März über die Stiftung Warentest diskutiert, dass die Stadien nicht sicher sind. Über das Ticketing, das die Gerichte beschäftigt hat. Und das DFB-Team, das im Tief steckte. Österreich ist bisher von solche Krisen verschont geblieben." Wenn die Alpenrepublik an den WM-Maßstäben gemessen wird, betont er gebetsmühlenartig: "Der deutsche Erfolg beruhte auf einer sehr guten Organisation und Glück. Das tolle Wetter, die gute Sicherheit und die eigene Mannschaft haben das Turnier in den Himmel gehoben."

Österreich und die Schweiz haben ein Platzproblem

Ein Problem negiert Palme für die Schweiz und Österreich nicht. "Kommen zu viele Menschen, haben diese Länder ein Platz- und Logistikproblem." Bisher weiß man nur, dass zu den Spielen rund 1,1 Millionen Stadionbesucher kommen, die Österreich Werbung geht vorsichtig von einer Million zusätzlicher Übernachtungen aus. Wie groß die Bandbreite an Besuchern sein könnte, zeigt sich an der Wiener Fanzone am Ring. "Wir haben den Mittelwert der Besucherzahlen in den Lissaboner Public-Viewing-Bereichen 2004 und jener in München bei der WM 2006 genommen", erläutert Anja Richter vom Wiener Organisationskomitee. Aber die Zahl schwankte zwischen 8000 und 80.000. So bleiben Fragezeichen: Überfüllte Areale schüren genauso Unmut wie verwaiste Zonen.

Dazu ist manch Problem noch hausgemacht: Da Mozart-, Kapitel- und Residenzplatz in Salzburg als Fanzone für rund 25.000 Zuschauer dienen, sind die Vorschriften äußerst streng, damit kein historisches Gut zu Schaden kommt. Zudem müssen zwei Einbahnstraßen in der Altstadt einen Gegenverkehrsbereich erhalten. Einfacher Grund: Der Erzbischof könnte sonst nicht aus der Fanzone, in der er wohnt, fahren. Koordinator Wolfgang Weiss kritisiert die Starrsinnigkeit der Behörden, die allen Ernstes bei der Veräußerung von Schnitzelsemmel auf einen Spuckschutz der Verkäufer bestehen oder in der Fanzone weder Gläser, Tassen, Aschenbecher, Stühle oder Tische dulden wollen. "So etwas ist nicht praktikabel", sagt Weiss, der bei den Beamten in der Mozartstadt dicke Bretter bohren muss. Ähnliches gilt für Wien, wo sich Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel lange gegen das Areal zwischen Rathaus- und Heldenplatz stemmte - weil die resolute Frau fürchtet, dass alte Bauwerke und Brunnen von urinierenden Fanmeuten geschädigt werden könnten.

Es bleibt die Sorge um die Sicherheit

Schöne Worte. Es bleibt die Sorge um die Sicherheit. Gerade für die deutschen Spiele am 8. und 12. Juni in Klagenfurt gegen Polen und Kroatien. "Klar ist, dass diese Spiele eine besondere sicherheitstechnische Herausforderung werden", sagt Günther Marek, der Sicherheitsbeauftragte vom Bundesministerium für Inneres. Die putzige Arena am Wörthersee, die sich wie ein gestrandetes gigantisches Ufo in der Landschaft zeigt, fasst nur 30.000 Zuschauer. Viel zu wenig für den Ansturm. Und Fakt ist, dass das dortige Public-Viewing-Angebot mit anderen Ausrichterorten nicht mithalten kann.

Während in Genf und Zürich großflächige Angebote für bis zu 100.000 Interessenten bestehen, in Wien das gesamte Stadtzentrum eingebunden ist, wird in Kärntens Landeshauptstadt improvisiert. Am Neuen Platz finden gerade 6000 Besucher einen Platz, unweit davon an der Messe sollen 22.000 Menschen aufgenommen werden. Aber reicht das, um Fanhorden mit Zehntausenden zu bändigen? Carlos Fernandez de Retana, der Koordinator Klagenfurts, spricht denn lieber von einer "Topauslosung aus touristischen Gesichtspunkten." Wenn der spanischstämmige Projektmanager auf Erfahrungen der Region mit Großereignissen verweist, muss er das Grand Slam Turnier der Beachvolleyballer oder den Ironman Austria bemühen. Doch eine Fußball-Europameisterschaft erfordert andere Vorplanungen. Beim nächsten Sicherheitsgipfel in Wien steht dann auch Deutschlands Innenminister Wolfgang Schäuble auf der Gästeliste.

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