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EM-Fernsehkritik, Tag 21: Leider kein Tonausfall bei Tom Bartels

Was kann Tom Bartels für die Niederlage der deutschen Mannschaft im EM-Finale gegen Spanien? Natürlich nichts. Aber seit wann ist schlechte Laune gerecht? Szenen eines Fußballabends, der einfach keinen Spaß machen wollte.

Von David Denk

Nichts für ungut, aber so ungefähr ab der 75. Minute hätte man Tom Bartels am liebsten geknebelt, und mit jeder Minute, die die Deutschen ihrer verdienten Niederlage im EM-Finale entgegeneierten, wollte man den Knebel fester ziehen. Doch Bartels war ja in Wien, Hunderte Kilometer weit weg, sodass man tatenlos zuhören musste, wie der ARD-Kommentator sein Phrasenköfferchen öffnete und mit dem Inhalt um sich warf wie mit Schmutzwäsche.

Er selbst würde das Gerede von einem Deckel, der irgendwo draufgemacht wird, von einem Türspalt, der sich vielleicht noch irgendwo öffnet und von Titeln, die aus den Händen gleiten, wohl als "Fazit" oder so ähnlich bezeichnen. Man wollte es einfach nicht hören. Man hat es ja schließlich gesehen - und das war schon schlimm genug. Am liebsten hätte man den Ton abgestellt, doch dafür hätte man hinter den Tresen klettern müssen. Denn natürlich hat man das Spiel nicht zu Hause geguckt. Man hatte ja gehofft, dass es anschließend noch was zu feiern geben würde.

Delling: Keiner ist gestorben

Nun ist die Euro 2008 Geschichte und Deutschland hat wieder keinen Titel geholt. "Es ist heute keiner gestorben", sagte Gerhard Delling nach dem Spiel. Wenn das ein Trost sein sollte, war es ein verdammt schwacher. Die Stimmung in der Kneipe nach dem Abpfiff als gedämpft zu beschreiben, wäre eine glatte Übertreibung. Jeder Gast trauerte anders: Manche sprangen gleich auf und verließen fluchtartig das Lokal, andere hängen wahrscheinlich immer noch wie gelähmt in ihren Stühlen. Geredet wurde kaum.

Im Gegensatz zum Fernsehen. Da banalysierten Gerhard Delling und Günter Netzer wieder um die Wette (ein letztes Mal fürs erste - was zumindest ein kleiner Trost war), und anschließend kam noch Waldi Hartmann mit seinem "EM-Club" (s. vorige Klammer), in dem er sich auf dicke Gäste spezialisiert zu haben scheint. Nach Reiner Calmund war am Finalabend Otti Fischer zu Gast. Offenbar neigt man in Waldis Stammtischredaktion dazu, dick mit gewichtig zu verwechseln.

Man wünschte sich einen Tonausfall

"Spanien wird gewinnen - 4:0 - weil wir die Besten sind", hat ein kleiner Junge im Spanien-Beitrag vor dem Spiel gesagt. Er erntete überhebliches Gelächter in der Kneipe. Nach dem Spiel, das dann doch nur 1:0 ausgegangen ist, bekommt diese Zahl einen bitteren Beigeschmack, denn 4 - in Worten: vier - das war die Anzahl der Torschüsse der deutschen Mannschaft - in 90 Minuten. "Das ist nicht genug, um Europameister zu werden", sagte Tom Bartels. Ach, nee! Wie gesagt: Man wünschte sich einen Knebel. Oder wenigstens einen Tonausfall.

Dass man sich auch einen Stilberater für Gerhard Delling wünschte, versteht jeder, der Augen hat. Nach der Tagesschau, in der unsinnigerweise Delling zugeschaltet wurde, der vorher schon ewig auf Sendung war und nachher sowieso, trug er plötzlich einen mit Fußbällen bedruckten Schlips, den selben, den er sich schon beim EM-Finale 1996 umgebunden hatte. Er sollte wohl Glück bringen. Und so war die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft wenigstens zu etwas gut: Es gibt keinen Grund mehr, den Schlips nicht sofort in die Altkleidersammlung zu geben.

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