Fußballfrust auf der Insel England sagt den Sommer ab


Auf der Insel geht die Angst um, die Angst vor einem inhaltslosen Sommer. Warum? Weil sich Beckham und Co. nicht für die EM jenseits der Alpen qualifizieren konnten. Tief sitzt der Frust, und auch wir werden die Engländer schmerzlich vermissen. Oder etwa doch nicht?
Von Oliver Trust, London

Es wird ein harter Sommer. Das steht heute schon fest. Für England wird es ein harter Sommer - so er überhaupt stattfindet. Zuerst meldete der Nachrichtensender "Sky", der Sommer 2008 sei nun offiziell abgesagt worden, obwohl aus Downing Street noch keine offizielle Bestätigung vorlag. Auch das Massenblatt "Sun" meldete ähnlich frustriert: "Sommer 2008 gestrichen". Es muss also stimmen, und man weiß deshalb nicht genau, ob man angesichts dieser Fakten in diesem Zeitraum Reisen auf die Insel wirklich empfehlen kann. Es gibt diverse Angebote. Entweder Sprachreisen oder solche, die in ein Fußballcamp für Jugendliche führen.

Warum aber, diese ketzerische Frage sei erlaubt, Eltern ihre Sprösslinge überhaupt zum "Fußball-Nachhilfeunterricht" ausgerechnet nach England schicken sollen, erklärt das "Deutsche Jugendferienwerk" nicht. Es fänden sich wohl keine besonders überzeugenden Argumente. Wer es noch nicht gehört hat, England hat nicht nur seinen Sommer abgesagt, England ist nicht bei der Europameisterschaft dabei. Zum ersten Mal seit 24 Jahren. Wir reden von der EM im Fußball. Demnach wird es ein Sommer ohne Inhalt. Leer wie eine alte Fish-and-Chips-Tüte. Mit 46 Prozent, das hat eine Untersuchung eines Meinungsforschungsinstituts ergeben, steht Fußball auf der Liste der beliebtesten Sportarten in England ganz oben. Rugby 21 Prozent, Cricket mit 17 und Darts (Pfeile werfen) sogar mit neun Prozent weit abgeschlagen und weit hinter Fußball. Und nun das. "Schwere Turbulenzen" seien zu befürchten machten die Zeitungen im ganzen Land aus. Und mancher bleibt ratlos zurück und fürchtet Tage und Nächte des Sommers mit gähnender Langeweile. Moritz Volz (24) ist zwar Deutscher, darf (oder muss) trotzdem in England beim FC Fulham Fußball spielen. Volz, diesmal ganz Engländer, jedenfalls sagte: "Ich weiß gar nicht, was ich da machen soll". Er meinte den "abgesagten" Sommer. Wem das als unerschütterlicher Beweis der englischen Fußball-Verzweiflung drüben auf der Insel noch nicht reicht, dem sei Garry Lineker empfohlen. Der sagte einmal, 22 dürften beim Fußball mitspielen, aber Deutschland gewinne am Ende immer. Jetzt schimpft der ehemalige Nationalspieler nicht mal mehr über Deutschlands Siegesserien. "Die Auswirkungen sind riesig. Es wird in England nächsten Sommer auf jeden Fall ziemlich langweilig", sagte der Stürmer. Man ist im Kollektiv am Boden.

"England in der Gosse"

Andernorts kann man die Schadenfreude nicht verbergen. Im Internet gibt es längst "Blogs" die "Ohne England fahr'n wir zur EM" heißen. Ein paar Fußballfreunde aber bedauern es, weil es immer so unterhaltsam gewesen sei mit den Engländern und ihren lebendigen Anhängern, die immer und überall für Aufsehen sorgten. Mal mit beeindruckenden Gesängen, mal dadurch, dass sie Straßencafes im Akkord zerlegten. Die deutsche "Sun", die "Bild" heißt, erklärte England nach der 2:3-Pleite gegen Kroatien zum "Fußball-Zwerg". Worauf wieder die "Sun" konterte und die versagenden Kicker mit allerlei Schmutz bewarf: "England in der Gosse". Man schickte die gesamte Nation anschließend in "Zwangsurlaub". In dem Zusammenhang erscheint es wie ein Wunder, dass England nach dem Rauswurf von Steve McClaren überhaupt einen neuen Trainer gefunden hat. Die Not war offenbar so groß, dass die ehrwürdige "Times" schrieb, man müsse nun einen "Retter des englischen Fußballs" finden ", auch wenn es ein Deutscher sei. Nun ist es Fabio Capello geworden. Ein Italiener und nicht der "Diver" Jürgen Klinsmann, der mal bei Tottenham Hotspur spielte. Capello aber ist wieder einer, der nicht aus England kommt. Man konnte sich schon mit Sven-Göran Eriksson nicht wirklich abfinden. Was man denn mit einem wolle, der aus einem Land komme, in dem das halbe Jahr Dunkelheit herrsche, fragte eine Zeitung. Eriksson ist Schwede.

Hotel ohne Fernseher

Es bleiben ein paar wenige Hoffnungsschimmer für die kommenden schweren Wochen. So standen mit Manchester United und dem FC Chelsea gleich zwei englische Mannschaften im Finale der Champions League und beeindruckten mit Fußball der Marke Weltklasse. Und vor allem, es bietet sich die Chance zur "Revanche". Kroatien ist wieder Gegner Englands. Diesmal in der Qualifikations-Runde zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.

Doch zurück zum Sommer 2008. Wer trotzdem unbedingt nach England will, es soll ja auch ohne Fußball sehr schön sein, dem sei das Fernsehprogramm von "Sky" empfohlen. Am 7. Juni (die Schweiz eröffnet gegen Tschechien an diesem Tag die EM) gibt es ab 18 Uhr das Testspiel USA - England zu sehen - im Rugby. Ach ja - Fußball wird allen Unkenrufen zum Trotz auch gespielt. Am 1. Juni trifft das trauernde Fußball-England in Port of Spain auf Trinidad und Tobago. Wer dafür nicht bereit stehe, polterte der neue Trainer Capello, habe kein Herz für England und sei kein Fußballer. Spötter meinen, Englands Verband habe vorsichtshalber ein Hotel ohne Fernseher ausgesucht, damit man beim Zappen nicht aus Versehen die Vorberichte zur EM aus Europa einschaltet und merkt, es gibt 2008 doch einen Sommer.


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