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Luis Aragonés: Der kauzige "Super-Opa"

Als Fußball-Fachmann unumstritten, als Mensch ein unbequemer Kauz: Spaniens Nationaltrainer Luis Aragonés polarisiert. Doch was andere über ihn denken, interessiert den 69-jährigen Dickkopf nicht. Er geht seinen Weg und scheut dabei auch keine unpopulären Maßnahmen.

Von Oliver Trust

Luis Aragonés ist noch 69 Jahre alt und nichts versetzt ihn mehr in Wallung als Fußball. Jeder einzelne Pass regt ihn auf. So sehr, dass man Sorge um seine Gesundheit haben muss. Er steht auf dem Trainingsplatz und schlägt sich unaufhörlich mit der Kordel seiner Pfeife auf den Oberschenkel, als müsse er sich in jeder Sekunde antreiben. Er brüllt und flucht, ist schlecht gelaunt, und verlangt in jeder Situation Perfektion. Man muss mit ihm umgehen können. Das Bemerkenswerteste am Nationaltrainer der Spanier: Sein Ruf interessiert ihn nicht die Bohne - egal wie der ausfällt.

Besonders nett klang es fast nie in den vier Jahren, seit er Nationaltrainer ist. "Kauz" nennen ihn die einen, oder "Abuelo", was "Opa" bedeutet und seinem Äußeren ziemlich nahe kommt. Einen "Rassisten" schimpften ihn wieder andere. Oft stand er kurz vor der Entlassung. Er blieb und setzte sich gegen Kritiker durch, die nicht verstanden, was er wollte. Er wollte ein Team formen, das eine wirkliche Mannschaft darstellt. Eine, in der Einflüsse von außen, regionale, politisch gefärbte aus Spaniens verschiedenen Ecken, nicht das Gesamtkonzept stören. Es wurde über seine Depressionen berichtet, die ihn in den Achtzigerjahren heimsuchten. Über seine Spielsucht, die ihn immer wieder in Versuchung führte und die heute Vergangenheit ist. Und es wurde über seine Schimpfkanonaden erzählt, die so legendär wie zweifelhaft sind, am Ende rau wirken, aber harmlos gemeint waren.

Kurzpassspiel à la "Tici-taca"

Der Architekt der spanischen Mannschaft, die nach 24 Jahren wieder ein EM-Finale erreichte und es gewinnen kann, legt es darauf an, mit kernigen Sprüchen im Rampenlicht zu stehen, dabei zählt für ihn nur der "reine" Fußball. Seine Begleitumstände verabscheut der ehemalige Profi, der mit seinen großen Ohren, Brille und grauen Haaren wirklich wie ein "kauziger Opa" aussieht. Dass sich hinter der Fassade ein Fachmann versteckt, bleibt verborgen. Der "Weise von Hortaleza" (ein Vorort von Madrid, in dem besonders viel geschimpft werden soll) müht sich nicht, sein wahres Gesicht zu zeigen. Eine Auswahl von Ereignissen zeigt, dass der, der die besondere Mannschaft der Kurzpass-Künstler schuf, die 20 Mal hin und her spielt, bevor der "tödliche" Pass kommt, selbst zu den besonderen Exemplaren des Fußballs gehört. Sein System der kurzen Pässe nennt er: Tici-taca.

2006 zur Begrüßung bei der WM in Deutschland erhielt er am Flughafen einen Blumenstrauß, der im nächsten Mülleimer landete. Solch weibisches Zeug sei bei ihm Fehl am Platze. So etwas könne man sich nicht mal in den "A…" stecken, meinte er. Der Strauss war gelb und Aragonés hasst gelb. Sie ist seine Unglücksfarbe. Vor zwei Jahren zeigte er einem seiner Spieler auf dem Trainingsplatz den "Stinkefinger", weil ihm dessen Trainingsleistung nicht gefiel. Aragonés war damals 67. "Ruben", brüllte er während der EM 2008 einmal auf dem Trainingsplatz, "bei der Mutter, die dich gebar". Vor einer Pressekonferenz nach einem Testspiel schrie er laut "Hurenmutter" weil er auf dem Weg zum Podium über Kabel der Beleuchter gestolpert war.

Rassistische Entgleisung als Motivationshilfe

2005 kam es noch schlimmer. Aragonés wurde vom spanischen Verband zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt. Die Strafe wurde in zweiter Instanz allerdings ausgesetzt. Was er seinem Stürmer Jose Reyes auf dem Trainingplatz genau zu rief, wird unterschiedlich wieder gegeben. Jede Version aber, die dem dunkelhäutigen Franzosen Thierry Henry zugedacht war, hatte es in sich. Einmal heißt es, er habe um Reyes zu motivieren gesagt: "Du bist besser als diese schwarze Scheiße." Dann wieder: "Zeig es diesem Scheiß-Schwarzen."

Aragonés hat viel Prügel einstecken müssen, weil Mikrofone seine Entgleisungen auffingen. Seine Art hat er nicht geändert. Er gibt zwar keine Kommentare dieser Güteklasse mehr ab, bleibt sich jedoch treu. Italiens Mittelfeldkämpfer Gattuso provozierte er mit der Aussage: "Wenn Gattuso eines von Italiens Aushängeschildern ist, dann bin ich ein Pfarrer. Gattuso ist ein großer Kämpfer, aber nicht mehr." Er scheut nicht vor unbequemen Maßnahmen zurück und bekommt dafür von seinen "Opfern" Respekt entgegengebracht. Das spanische Stürmerdenkmal "Raúl" fand keinen Platz in seinem Kurzpass-System und EM-Kader. Der Madrilene Raúl zeigte Verständnis und will sich nach der EM wieder anbieten. "Ich bin ein Fan der Mannschaft geworden", sagte Raúl. Und damit auch irgendwie ein Fan von Luis Aragonés.

Fluchend auf den Jakobsweg

Der hat übrigens elf Enkel. Wenn er schon ein "Opa" sein soll, ist er wenigstens eine Art "Super-Opa". Ein Bursche, der viel aushält. Das passt auch zur Tatsache, dass er früher als Stürmer bei Atletico Madrid spielte. 1973 unter dem deutschen Trainer Max Merkel, von dem er viel gelernt habe, wie er gerne kundtut. Sieht er nicht auch tatsächlich ein bisschen aus wie "unser Max", der "Max von Spanien"? Nach der EM übrigens, mit dann 70, geht Luis Aragonés das erste Mal ins Ausland. Er hat einen Zweijahresvertrag bei Fenerbahce Istanbul in der Türkei unterschrieben, für 6,5 Millionen Euro pro Saison. Er will dort als Europameister anfangen. Man hofft, er kommt überhaupt. "Wenn wir gewinnen, pilgere ich den Jakobsweg." Man wird seine Flüche bis weit ins Landesinnere hören können.

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