Deutschlands Finalgegner Achtung, die Spanier kommen


Aus dem ewigen Geheimtipp ist ein echter EM-Favorit geworden: Nachdem die "Selección" im Halbfinale die vermeintliche Übermannschaft Russland mit 3:0 demontierte, staunt die Welt über diese spanische Nationalmannschaft. Bleibt nur die Frage, wie Deutschland dem Team von Trainer Luis Aragonés beikommen will.
Von Frank Hellmann, Wien

Ob es Michel Platini fast ein bisschen peinlich gewesen ist, wie sich die beiden Adligen neben ihm gebärdeten? Zumindest hat der Boss der Uefa ab und an ein bisschen misstrauisch geschaut, wenn sich der spanische Herr und die Dame an seiner rechten Seite auf der Ehrentribüne in die Arme fielen. Genau wie König Juan Carlos beim Viertelfinalsieg gegen Italien machte auch Kronprinz Felipe mit seiner Gattin Letizia gar keine Anstalten, sich mit den Gefühlswallungen nach dem Halbfinaltriumph gegen Russland zurückzuhalten.

Warum auch? Nachdem den Überfliegern des Turniers zum zweiten Male überdeutlich die Grenzen aufgezeigt wurden, herzten sich Felipe und Letizia innig, kennt die Freude rund um die "Selección" keine Grenzen und keine Konventionen. Ähnlich wie das 4:1 in der Vorrunde im Tivoli in Innsbruck war das 3:0 im stimmungsvollen Ernst-Happel-Stadion von Wien ein echter Knalleffekt. Und das hatte noch nicht einmal damit etwas zu tun, dass in der Donaumetropole wieder einmal ein gewaltiges Gewitter niederging. Das spanische Spiel ähnelte einem einzigen Feuerwerk - so hinreißend herrlich, so aufregend überraschend zelebrieren die Iberer ein Kombinationsspiel auf höchstem Niveau.

Spanische Ballsicherheit ist unerreicht

Die allesamt fein herausgespielten Tore von Xavi Hernandez (50.), Daniel Güiza (73.) und David Silva (82.) waren das logische Produkt einer Ballsicherheit, die unerreicht ist. Und sogar die Protagonisten selbst ins Schwärmen brachte. "Das ist unglaublich, fantastisch. Die zweite Halbzeit war das beste, was wir bei dieser EM gespielt haben", sprudelte es aus Andres Iniesta heraus, einer der unberechenbaren Taktgeber und Individualisten. "Wir sind zu allem bereit - wir wollen diesen Titel unbedingt", verspricht Iker Casilla, der Torwart und Kapitän, der erstaunlicherweise ausgerechnet gegen die Mannschaft, die die meisten Torschüsse abgegeben und die schönsten Angriffe inszeniert hat, kaum gefordert war. "Wir haben alle einen perfekten Job gemacht", befand Iniesta.

Und wer beobachtete, mit welcher Hingabe die Ersatzspieler nach dem Schlusspfiff von Referee Frank de Bleeckere auf den regengetränkten Rasen rannten, um einen tanzenden und hüpfenden Kreis zu schließen, der ahnt, dass das Gerede vom spanischen Kollektiv kein hohles Gefasel ist. Die Freudenszenen auf dem Platz deckten sich mit den Bildern außerhalb des Praters.

"Viva Espana" tönte es allerorten

Ob in Madrid, in Wien oder anderswo: Selten haben spanische Anhänger einen Triumph mehr ausgekostet als nach dieser Demonstration der Stärke, die sich aus Selbstbewusstsein, Lust und Leidenschaft gleichermaßen speist. "Viva Espana" tönte es allerorten durch die Nacht - und erst am Sonntag soll diese Fiesta enden.

Bleibt nur die Frage, wie Deutschland eigentlich dieser Mannschaft beikommen will, die durch das Championat marschiert, als sei die Trophäe mit den Henkeln wie selbstverständlich für sie reserviert? Joachim Löw, der Bundestrainer, sagt ja bereits: "Spanien hat viele hervorragende Einzelspieler. Sie haben absolut überzeugt." Auch Guus Hiddink, der niederländische Job-Hopper im russischen Dienst, blieb nichts anderes übrig, als dem Gewinner zu gratulieren: "Wir haben nur eine Stunde mitgehalten. Doch dann waren die Spanier zu stark für uns - deren "one-touch-Fußball" ist einzigartig. Sie haben eine besondere Qualität." Auch für Fachmann Hiddink ist Spanien nun erster Anwärter auf die Krone.

Agragonés: Es gibt im Finale keinen Favoriten

Doch seinem Kollegen Luis Aragonés war das gar nicht recht. Wer Favorit im Finale sei? "Es gibt für Sonntag keinen Favoriten. Die deutschen Spieler haben auf jeden Fall mehr Erfahrung mit Endspielen." Dann blickte der bald 70-jährige Nationaltrainer mit seiner Brille finster zu Boden, so als habe ein Buchhalter gerade festgestellt, dass in der Monatsbilanz die Portokosten falsch verbucht wurden. Nein, dieser Spanier, den sie in der Hemat "El sabio de Hortaleza" rufen, der Weise aus Hortaleza, taugt nicht zur emotionalisierenden Symbolfigur. Aragonés weiß um dieses Defizit und spricht es vor dem Deutschland-Spiel auch unverblümt an: "Ich mag mich nicht so freuen und so aus mich herausgehen. Ich zeige das nicht. Aber glauben sie mir, dass ich glücklich bin: Eines meiner Enkelkinder ist hier und hat mich zum Weinen gebracht."

Eigentlich müssten ihm, dem zwischen Huelva, Oviedo, Sevilla oder Madrid wandernden Fußballlehrer auch Freudentränen kommen, wenn er sieht, wie sich die "Selección" unter seiner Ägide entwickelt hat. 37 Siege in 53 Länderspielen machen "El mister" zum erfolgreichsten Nationaltrainer Spaniens - und der scheidende Chefcoach hat allerbeste Aussichten, mit diesem Ensemble zum ersten Male seit 44 Jahren wieder einen Titel zu gewinnen. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass anno 1964 weit weniger Glanz und Gloria verbreitet wurde als aktuell 2008. Was oder wer kann die Spanier noch stoppen? "Vergessen wir nicht, dass Spieler mit 21, 22 oder 23 Jahren noch viel lernen müssen", erklärt Aragonés, "und wir müssen uns jetzt schnell erholen, denn wir haben einen Tag weniger Pause als Deutschland."

Cesc Fabregas, der begnadete Virtuose

Die aktive Regeneration werden die Iberer nun bei angekündigten schwülwarmen Tagen in Wien vollziehen, ihr vertrautes Quartier im Stubaital haben sie aufgegeben. Vor dem Endspiel sind eigentlich wenige Fragen offen, was die Besetzung der ersten Elf angeht. Nicht mal der Ausfall vom bislang besten Stürmer David Villa, der sich ohne gegnerische Einwirkung bei einem Freistoßversuch eine Zerrung zuzog, sollte die Spanier von ihrem Weg abbringen. Zumal dadurch ein Platz für Cesc Fabregas frei wird; jenen begnadeten Virtuosen, dem Arsene Wenger beim FC Arsenal London fast alle Freiheiten zugesteht und der nach seiner Hereinnahme auch das spanische Mittelfeld mit einer besonderen Note zu bereichern wusste. Der Traumpass des 21-Jährigen vor dem 2:0, ansatzlos aus dem Fußgelenk geschüttelt, steht für jene in jeder Spielphase offensichtliche spanische Leichtigkeit, die dem deutschen Fußball mit wenigen Ausnahmen derzeit abhanden kommt.


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