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Spanien - Italien: Die nationale Psychose besiegt

Der Fluch der Geschichte ist vertrieben: Erstmals seit 24 Jahren steht Spanien nach dem Sieg gegen Italien wieder in einem EM-Halbfinale. Während die Iberer damit ihr fußball-historisches Trauma überwunden haben, deuten sich bei Weltmeister Italien personelle Konsequenzen an.

Von Frank Hellmann, Wien

Als Cesc Fabregas in dieser schwülwarmen Wiener Nacht zum vielleicht letzten Elfmeter anlief, stockte den Anhängern der "Selección" der Atem. Würde der Jungstar des FC Arsenal London, bei dieser Europameisterschaft zum Reservisten degradiert, die Nerven bewahren? Als der Ball wie selbstverständlich den Weg am Welttorwart Gianluigi Buffon in die Maschen gefunden hatte, gab es kein Halten mehr. Fabregas rannte mit ausgebreiteten Armen in die Kurve, ehe ihn die Kollegen unter sich begruben. Feuerwerkskörper explodierten in der spanischen Fankurve, die Menschen hüpften, tanzten und sangen.

Es war der letzte und fünfte Elfmeter, mit dem die spanische Nationalelf schlussendlich den Weltmeister aus dem Turnier warf, nachdem auch David Villa, Santi Cazorla und Marco Senna sich nicht von Buffon hatten beeindrucken lassen, der nur gegen Daniel Güiza parierte. Vergeblich. Weil eben der nicht gerade als Elfmetertöter bekannte Iker Casillas prächtig gegen Daniel de Rossi und Antonio di Natale hielt. War es verwunderlich, dass der formidable Ballfänger und Kapitän dieser Mannschaft auch zum "Man of the match" gekürt wurde? Casillas nahm die Auszeichnung genau wie das Weiterkommen hinterher so gelassen hin, als habe er gerade ein bedeutungsloses Penalty-Schießen im Freundschaftskick mit Real Madrid auf Teneriffa entschieden. "Wir hatten viel Respekt vor Italien. Elfmeterschießen ist wie eine Lotterie. Diesmal hatte ich mehr Glück als sonst."

Enthemmte spanische Anhänger

Damit war nur unzureichend beschrieben, dass gleichzeitig ein Trauma der ganzen Nation endete, die seit der EM 1984 in Frankreich immer dann in schöner Regelmäßigkeit scheiterte, wenn ein Championat in seine entscheidende Phase trat. Nicht über das Viertelfinale hinaus zu kommen - sei es durch Elfemterschießen, umstrittene Schiedsrichterentscheidungen oder vermeintlich andere höhere Mächte - hatte unter Fußballfans der iberischen Halbinsel beinahe eine Psychose ausgelöst. "Viva Espana" schrieen die enthemmten spanischen Anhänger nun hinaus in die Nacht - und vertrieben lautstark den Fluch der Vergangenheit.

"Das ist jetzt vorbei und daher bin ich glücklich für mein Land", beschied Luis Aragonés, der selbst emotionale Fußballspiele wie diese zu analysieren pflegt, als würde ein Buchhalter gelangweilt über sein Tagwerk berichten. "Ich gratuliere meiner Mannschaft, sie hat große Anstrengungen unternehmen müssen." Auch für Aragonés soll das nur Zwischenstation gewesen sein - genau wie das Halbfinale am Donnerstag an selber Stelle im Ernst-Happel-Stadion gegen die russischen Überflieger. Dass Spanien gegen Russland in der Vorrunde bereits mit 4:1 gewonnen hat, mag der Nationaltrainer nicht gelten lassen: "Es wird komplizierter als beim ersten Aufeinandertreffen. Sie sind jetzt in ihrer besten Form und die Spieler sind mitten in der Saison. Aber wir sind gewillt, ins Finale zu kommen."

"Er war über alle Details informiert"

Dann rückte sich der Mann mit dem schlohweißen Haar die Brille zurecht und blickte zufrieden drein. Der 69-jährige Nationaltrainer verriet übrigens hernach auch noch, dass er volles Vertrauen in seinen allseits gefeierten Schlussmann gehabt hatte: "Ich war sicher, dass er die Strafstöße hält, denn genau diese Situationen haben wir mit unserem Torwarttrainer besprochen und uns die entsprechenden Videos angesehen. Er war über alle Details informiert." Doch brauchte Casillas im Gegensatz zum Kollegen Jens Lehmann keine Zettel, um die Elfmeter zu erahnen.

Wenig ertragreich, wenig ansehnlich

Der Nervenkitzel war erforderlich geworden, weil sich beide Kontrahenten auf nicht sehr ansehnlichem Niveau zwei Stunden lang neutralisierten. Dass dennoch die Spanier der einzig wahre und verdienter Sieger waren, stellte niemand in Abrede: Sie waren die aktivere von zwei taktisch geprägten Teams, sie hatten am Ende 58 Prozent Ballbesitz, 26:12 Torschüsse auf ihrer Seite und die beste Chance des Spiels: Denn als Marcos Senna aus der Distanz abzog, Buffon den Ball aber nicht zu packen bekam, trudelte dieser in Zeitlupentempo gegen den Pfosten. Mehr Glück geht nicht - und das hatten die Italiener mit der Szene in der 81. Minute auch aufgebracht. Wie glücklos der Weltmeister vor allem in der Offensive wirkte, demonstrierte der mittlerweile in der Squadra Azzurra seit 536 Minuten torlose Torjäger Luca Toni. Was der 31-jährige Bundesliga-Torschützenkönig auch anstellte - es wirkte wenig ertragreich, und wenig ansehnlich - genau wie sein merkwürdiger Oberlippenbart.

Der traurige Toni ist das Synonym dieser italienischen Mannschaft, die bei diesem Championat weder eine gescheite Spielidee vorzutragen noch eine andere inspirierende Duftnote zu setzen hatte. Alle drei erzielten Tore gegen Rumänien und Frankreich entsprangen Standardsituationen - einer Ecke, einem Elfmeter, einem Freistoß. "Es ist eine Enttäuschung, die Jungs haben gekämpft und alles gegeben. Ich bin stolz auf diese Mannschaft", konstatierte Roberto Donadoni, der explizit auf das Fehlen einiger Leistungsträger verwies - und damit auf den verletzten Fabio Cannavaro, die gesperrten Gennaro Gattuso und Andrea Pirlo anspielte. Nur: Auch mit dem Triumvirat hat dieses Ensemble nicht unbedingt beeindruckender aufgetrumpft, das sich seit dem Gewinn des WM-Titels nicht wirklich weiter entwickelt hat. Nur sich aufs defensive Tun zu verlassen, verheißt heutzutage keinen Erfolg mehr.

Lippi steht als Donadoni-Nachfolger bereit

Mit der Niederlage dürften auch die Tage von Italiens Nationaltrainer gezählt sein. Der Verband FIGC darf dessen Vertrag bis 2010 innerhalb von zehn Tagen kündigen, gegen eine Abfindung von 550.000 Euro. Marcello Lippi steht als Nachfolger schon bereit. Schon auf der Pressekonferenz drehten sich alle Fragen darum, ob Donadoni bleiben darf. Was er erwarte von der Verbandssitzung? "Ich erwarte gar nichts", beschied der 44-Jährige leicht genervt, "ich kenne meinen Kontrakt, ich kenne meine Klauseln. Ich bin sehr entspannt, was die FIGC entscheidet."

Bezeichnenderweise hockte sich nach Donadonis wirren Ausführungen sogleich FIGC-Boss Giancarlo Abete aufs Podium. "Wir werden uns treffen und das entscheiden, was zu entscheiden ist. Wir dürfen uns nicht von den Emotionen leiten lassen." Die Mundwinkel des Mannes hingen herunter, Abete hatte ja den Eindruck, "dass die Qualität der Spieler gut ist." Sollte wohl heißen: Signor Lippi, sind sie bereit?

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