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Fußball-Presseschau: "Wie eine Koronar-Sportgruppe"

Die Spanier entzaubern die russische Mannschaft mit ihrer Ästhetik. Die Russen enttäuschen mit lethargischem Fußball, sowas kannte man von ihnen nicht. Nun ist der Blick gebannt auf das Endspiel Deutschland gegen Spanien gerichtet. stern.de und "indirekter Freistoß" werfen einen Blick in den "Blätterwald".

Flurin Clalüna ("Neue Zürcher Zeitung") bestaunt die geschlossene Schönheit der spanischen Elf: "Die Iberer legten das russische Laufspiel lahm. Und die Russen akzeptierten es, einfach so. Keine andere Mittelfeldreihe versteht es, mit so viel taktischer Ruhe und gleichzeitig so schön und klug miteinander zu spielen, wie es diese Spanier können. Dass sich die Iberer so gut miteinander verstehen, ist nicht selbstverständlich. Früher, da waren die Clans im spanischen Nationalteam oft zerstritten, die Katalanen, die Basken, die Kastilier, die Galicier und andere, die sich alle nicht richtig mochten. Nur die Klubs zählten. Und man sagte deshalb, die politische Uneinigkeit des Landes spiegle sich auch in der Nationalmannschaft. Deshalb schweigen die spanischen Spieler auch, wenn die Hymne erklingt, weil sich die Regionen auf keinen Text haben einigen können. Zuletzt wurde ein Vorschlag von Schriftstellern verworfen. Aber mit dem Sieg gegen Russland haben die spanischen Fußballer zum elften Mal in Serie gewonnen. Und nun betonen sie alle die neue Einheit, die den Finaleinzug erst ermöglicht habe, selbst wenn nicht alle in der Heimat gleichermaßen begeistert sind. Als Spanien spielte, war die TV-Quote im Baskenland immer zwanzig Prozent unter der von Madrid. (…) Die spanischen Fußballer scheinen die inneren Grenzen aufgegeben zu haben."

Markus Völker ("tageszeitung") erläutert, warum von Russland so wenig zu sehen gewesen ist: "Gegen die Passgenauigkeit und das Feingefühl der Spanier hatte die russische Elf nichts auszurichten. Sie hatte sich im Turnierverlauf müde gespielt, in den bisherigen Partien zu viel investiert. Die Initiation des russischen Verbandes in den Kreis der europäischen Elite muss verschoben werden, weil sie verschwenderisch mit ihren konditionellen Reserven umgegangen sind. Die Initiation der Spanier liegt schon Jahrzehnte zurück. Doch im Jahre 2008 steht die Beglaubigung spanischer Klasse an."

"Süddeutsche Zeitung"

ergänzt: "Russlands Auswahl tuckerte übers Feld wie ein Rennmotor, dem versehentlich Diesel eingespeist wurde. Arschawins Mitwirken ging nach wie vor allein aus dem Spielmeldebogen hervor, und generell hat es kaum ein Nationalteam gegeben, das derart leidenschaftslos im Halbfinale eines großen Turniers agierte. Hatte vor Tagen erst Hollands Bondscoach die unglaubliche Regenerationsfähigkeit dieser Russen bewundert und als Schandmal für die Seinen bezeichnet, was für Wirbel in der Fußballwelt gesorgt hatte, so wirkten Hiddinks Jungs jetzt wie eine Koronar-Sportgruppe." Mit Blick auf Sonntag heißt es: "Unter fußballtechnischen Gesichtspunkten hat dieses Finale einen klaren Favoriten."

Roland Zorn ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") reibt sich die Hände: "Am Sonntag geht es um den großen Preis dieses aufsehenerregend guten Turniers, bei dem immer wieder andere Teams geglänzt haben. In der Vorrunde die Niederländer, die dann von den zauberhaften Russen nach Hause geschickt wurden. Am Donnerstag trumpften die Spanier auf, die Russland angstfrei, offen und in der zweiten Hälfte auch spielerisch deutlich überlegen begegneten. In dieser Form sind die Profis aus der Primera División und der Premier League auch gegen die Deutschen Favorit. Doch das muss, wie die Erfahrung dieser EM lehrt, nichts heißen. Die deutsche Nationalmannschaft muss sich also auf einiges gefasst machen - doch in der Rolle des Außenseiters hat sie sich ja schon gegen Portugal äußerst wohl gefühlt."

Ronald Reng ("Berliner Zetung")

betont das uneitle Auftreten des spanischen Nationaltrainers: "Luis Aragonés hat es in seinen vier Jahren als spanischer Nationaltrainer dem Publikum leicht gemacht, ihn zu verkennen. Zu oft erscheint er als alter Exzentriker. Bei der WM 2006 etwa warf er den Begrüßungsblumenstrauß in den nächsten Papierkorb, weil man einem Mann doch keine Blumen schenkt. Doch Spanien steht im Halbfinale. Nun kann es niemand mehr übersehen: Luis Aragonés hat eine Elf erschaffen. Er hat Spanien Kurzpassfußball verschrieben, als die Mode sagte, mit langen Pass-Staffetten könne man heute nicht mehr spielen. Er hat dazu das Mittelfeld bis zum Exzess mit lauter technisch feinen Spielern wie Xavi oder David Silva bestückt, als der Zeitgeist schrie, mit so kleinen, körperlich schwachen Spielern gewinne man nichts. Es ist sein Spanien. Es gibt nicht mehr als vier, fünf Nationalteams auf der Welt, deren Spiel ein Trainer derart perfektioniert hat. Er arbeitet nach modernstem Stand und ist doch in einer anderen Zeit leben geblieben, irgendwo in den Sechzigern, als Fußball nur auf dem Fußballplatz stattfand. Es ist noch immer das einzige, was ihn, bis zur Besessenheit, interessiert: nicht das Drumherum, nur das Spiel. (…) So eine Elf, so gut, so anders als alle anderen, konnte nur ein Kauz erschaffen."

Zorn fügt hinzu: "Dass es Aragones fertiggebracht hat, den Neidfaktor in diesem hochklassig besetzten Mannschaftsteil auf ein erträgliches Maß herabzustufen, ist vielleicht seine eigentliche Leistung. Denn jeder dieser besten spanischen Mittelfeldgrößen ist, von Santi Cazorla vielleicht abgesehen, ein internationaler Star. Im Nationalteam aber gilt die Referenzgröße 23, also der Grundsatz, dass der Kader wichtiger als der Einzelne sei."

Über das deutsche Team

Philipp Selldorf ("Süddeutsche Zeitung")

beschreibt die Wechselhaftigkeit eines Finalteilnehmers: "Das deutsche Team hat eine verwirrende Vielfalt seiner Fähigkeiten und Unfähigkeiten vorgeführt. Im Halbfinale gab es den Höhepunkt: eine Collage aus guten und schlechten Momenten, Gelingen und Versagen, strukturellen Mängeln und Stärken, die wild durch den Mixer geschüttelt und über die 93 Minuten Spielzeit geworfen wurde. In Basel wurde der deutsche Mythos demonstrativ belebt: durch die Effizienz, aus wenig viel zu machen; durch den störrischen Willen, sich zu behaupten, obwohl alles schiefläuft; und vor allem durch die Tatsache, am Ende doch zu gewinnen."

Jan Christian Müller ("Frankfurter Rundschau")

wagt keine Prognose: "Deutschland wurde von der Türkei zuweilen vorgeführt. Nur dreimal bugsierten deutsche Spieler den Ball aufs türkische Tor, dreimal lag der Ball danach im Netz: Der türkische Torwart Rüstü bekam null Bälle zu halten. Null! Das ist Ausdruck einer bemerkenswerten Effizienz, auch ein Zeichen von mentaler Kraft und Mut, nach dem Ausgleich kurz vor Schluss postwendend den Siegtreffer zu erzielen. Wenn die Türken ein Spiel auch erst verloren geben, wenn sie in den Bus steigen, so sind es am Ende doch wieder die Deutschen gewesen, die die Bustür geschlossen haben. Spielwitz und kompromisslosen Offensivfußball hatte Joachim Löw am Reißbrett entworfen. Das vorläufige Ziel wurde nun mit ganz anderen Mitteln erreicht. Mit einem guten Spiel (Polen), einem sehr guten Spiel (Portugal) und drei schwache Vorstellungen (Kroatien, Österreich, Türkei). Vermutlich präsentiert die Wundertüte Deutschland im Endspiel ein Feuerwerk der Fußballkunst."

Axel Kintzinger ("Financial Times Deutschland")

stellt Rückschritte und kleine Forschritte fest: "Erschreckend war nicht der Formabsturz einzelner Spieler, wenige Tage nach der Galavorstellung gegen Portugal. Entsetzen löste das Déjà-vu-Erlebnis aus, das die Betrachter erlitten. Auf dem Rasen erhob der alte deutsche Rumpelfußball, den man seit Jürgen Klinsmann und spätestens seit Joachim Löw überwunden geglaubt hatte, wieder sein hässliches Haupt. Er zeigte sich ja nicht zum ersten Mal bei dieser Europameisterschaft. Man hat es sich vor dieser EM nicht vorstellen können - aber die deutsche Nationalelf ist wieder da angekommen, wo sie vor vier Jahren bei der EM in Portugal aufgehört hat. Nur diesmal mit mehr Erfolg."

Claudio Catuogno ("Süddeutsche Zeitung")

schaut mit Sorgenfalten auf die deutsche Abwehr: "Das hatten auch die Turnierpropheten nicht erwartet: dass in der deutschen M&M-Abwehr nun Per Mertesacker zu wackeln beginnt. Christoph Metzelder hatte man das ja ohnehin zugestanden. Der Langzeitverletzte sollte die Vorrunde nutzen wie Roger Federer die erste Turnierwoche in Wimbledon: um sich einzuspielen. Doch nun, da das Finale ansteht, ist man sich nicht sicher, wer im deutschen Defensivverbund eigentlich wen stabilisiert, und wer wen destabilisiert. Im Grunde ist es fast ein Wunder, das Finale ohne intakte Innenverteidigung erreicht zu haben."

Andreas Lesch ("Berliner Zeitung")

nimmt einen Teil fürs Ganze: "Lahm hat die verrückteste Leistung seiner Laufbahn gezeigt. Er hat ein Spiel geboten, das absolut Lahm-untypisch gewesen ist. Er, der sonst so wendige, gedankenschnelle, zuverlässige Perfektionist, wurde in der Abwehr von den Türken Kazim Kazim und Sabri Sarioglu vorgeführt, als wäre er ein ungelenker Zwei-Meter-Mann. Er spielte, als wäre er Lukas Podolski: hinten grauenhaft, vorn grandios. Die Leistung Lahms ist das beste Beispiel für die irrationalen Leistungen der deutschen Mannschaft bei dieser EM. Die Spieler entziehen sich jeder Analyse. Sie agieren unberechenbar. Was sie machen, ist galoppierender Wahnsinn. Sie haben es mittlerweile selbst aufgegeben, ihre Schwankungen zu verstehen. Sie haben in den zwei K.o.-Spielen ein Torverhältnis von 6:4 erzielt, sie entwickeln sich zu den großen Unterhaltungskünstlern der EM. Sie sind sympathisch verletzlich - und Lichtjahre von der Panzerhaftigkeit entfernt, die deutschen Erfolgsmannschaften in Turnieren gern zugeschrieben wird."

Tobias Schächter ("Süddeutsche Zeitung") verbeugt sich vor den Türken: "Die türkische Nationalmannschaft hat ein Fußballspiel verloren, ein wichtiges, ein EM-Halbfinale gegen Deutschland. Doch die Spieler und ihr Trainer haben nach diesem turbulenten 2:3 bewiesen, dass auch türkische Fußballmannschaften ehrenvoll verlieren können. Noch im Stadion, als die deutschen Spieler in der Kurve mit den deutschen Fans den Finaleinzug feierten, schritt Fatih Terim die Schar der deutschen Offiziellen ab und gratulierte jedem einzelnen mit Handschlag - und so, als wollte er sie und ganz Deutschland am liebsten umarmen. Die Mannschaft der Türkei hat die sportlichen Erwartungen übertroffen. Doch es ist ihr mit ihrem Auftreten während des Turniers und ganz besonders nach der Niederlage gegen Deutschland auch gelungen, sich mit dem Weltfußball zu versöhnen."Peter B. Birrer ("Neue Zürcher Zeitung") schreibt: "Die Türkei, deren Leistungsfähigkeit schwer einzuschätzen war, hat fasziniert. Der Mut wird in Erinnerung bleiben, die Aufholjagden, die technische Versiertheit. Und, natürlich, das tobende, das zuckersüße, das pathetische Chamäleon Fatih Terim."

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