Very British Es ist Fußball, und keiner schaut hin


Es ist EM, und ganz Europa fiebert mit seinen Nationalteams – bis auf die Engländer. Weil ihre Mannschaft zu Hause bleiben musste, ist die Stimmung in der Heimat des Fußballs am Boden. Die Briten sind dermaßen niedergeschlagen, dass einige sogar beginnen, für Deutschland zu jubeln.
Von Cornelia Fuchs, London

Die Sonne scheint, es ist warm, die Pubs haben Fenster und Türen aufgerissen, und überall hängt der Geruch von gemähtem Rasen in der Luft. Es könnte alles perfekt sein in London in dieser Woche. Wenn nur dieser Fußball nicht wäre.

Wer durch die Straßen geht, vorbei an den Pubs mit ihren vielen Schildern vor der Tür, die alles ankündigen von der Quiz-Nacht bis zum Sonntagsbraten, der vermisst ers mal nichts. Doch dann nagt dieses Loch an einer Stelle, an der einmal etwas Wichtiges gestanden hat. Es ist ein komisches Gefühl, dieses Nichts, und dann trifft es einen wie ein Schlag vor den Kopf: Es ist doch fünf Uhr abends, es ist der dritte Tag der Europameisterschaft, und noch kein einziges Pub in meinem Viertel hat seine Flachbildschirme auf Höchstlautstärke eingestellt, kein Geschäft verkauft Euro-Sausages, aus keinem Park und keinem geöffneten Fenster klingen verzweifelte oder begeisterte Rufe wie "Vorwärts!" oder "Tor!"

Nur die Touristen sind im Fußballfieber

Es ist natürlich nicht so, dass gar kein Fußball stattfinden würde in der britischen Hauptstadt. Natürlich gibt es Pubs, die Fußball übertragen – der "Jolly Gardener" zum Beispiel, etwas abgelegen fast direkt gegenüber dem Parlamentsgebäude auf der anderen Seite der Themse. Die Inhaber kommen aus Köln.

Und es gibt natürlich die Fans, die durch die Innenstadt ziehen, sie tragen zum Beispiel deutsche Fahnen wie einen Schal um den Hals gewickelt. Und sind zum allergrößten Teil Touristen. Oder zumindest Zugezogene. Der englische Fan an sich scheint an diesen Anfangstagen des Turniers leise vor sich hin zu leiden. Die Sportseiten werden von dem dummen Auffahrunfall des Formel-1-Stars Lewis Hamilton in Kanada dominiert, dann gibt es Berichte über ominöse Kricket-Turniere und dann, auf den hinteren Seiten, geht es um das, was den Rest Europas interessiert: die Europameisterschaft.

Fußballreporter auf verlorenem Posten

Nur der Sender BBC und die Tagezeitung "Guardian" haben sich genau umgekehrt proportional zu dem zu erwartenden Interesse verhalten und im Falle der BBC beinahe Hundertschaften und im Falle des "Guardians" immerhin eine halbe Fußballmannschaft über die Alpen geschickt. Die Journalisten reportieren, moderieren und bloggen nun fleißig. Enthusiasmus kommt dennoch nicht auf.

Sie haben es wirklich versucht im Vorfeld der ganzen Geschichte, die Fußballreporter. Vor allem dem "Guardian" gebührt ein kleiner Orden der Fußballfan-Aufrichtigkeit – einer seiner Kommentatoren behauptete in seinem Blog sogar, dass kein richtiger Fan sei, wer sich nicht allein für die Europameisterschaft begeistern könne, egal, ob die eigene Mannschaft dabei sei oder nicht. Denn es gehe doch um das Spiel allein.

Jetzt mögen sie schon die Deutschen

Der "Guardian" rief tapfer zur Wahl der Mannschaft auf, die von Engländern mit gutem Gewissen anstelle der eigenen unterstützt werden könne. Und, man höre und staune, Deutschland kam dabei auf den dritten Platz – hinter den Niederlanden und Spanien und vor dem ganzen Rest von Europa. Argument der meisten Schwarz-Rot-Gold-Wähler: Seit der WM 2006 könnten sie Deutschland sogar Andreas Möller und sein Elfmeter-Gefeiere von 1996 verzeihen, der WM-Sommer sei einfach zu großartig gewesen.

Fürsprecher der Deutschen war dabei übrigens der selbst ernannte Humor-Botschafter Henning Wehn, in England bekannt geworden mit dem Spruch: "Ihr Engländer glaubt, wir Deutschen verstehen keinen Humor. Das finde ich überhaupt nicht witzig." Und auch das fanden die meisten Kommentatoren richtig gut, einige schrieben ihm sogar den besten Beitrag aller Verteidiger der jeweiligen Euro-2008-Kandidaten zu.

Bisher hat der "Guardian" noch nicht weiter erklärt, ob dieses Wahlergebnis die Tiefen der Selbstironie zeigt, zu denen die Engländer sich nun versteigen müssen, oder nur eine tiefe Resignation.

Erst der Fußball, dann der Humor

Sogar die ansonsten für ihre ironische Schärfe bekannten englischen Werbeanzeigen haben sich in der U-Bahn auf seltsam traurige Stimmungsbilder eingeschossen: Eine Cider-Marke wird auf Plakaten in der U-Bahn zum Beispiel mit einem Mann im England-Trikot beworben, der mit hochgezogenen Augenbrauen einen Korb Dreckwäsche trägt – vermutlich, aber da wird das Bild unscharf, in einem Waschsalon.

Der Spruch dabei, neben einer Cider-Flasche mit Zitronenscheibe: "Versauern sie sich diesen süßen Juni mit einem Schuss Zitrone." Himmel hilf, wenn die Engländer nach dem angeblich sicheren Platz im Fußball-Olymp jetzt auch noch ihren Humor verlieren.


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