Beenhakker-Interview "Schwer, Polen zu schlagen"


Nach Startschwierigkeiten hat Leo Beenhakker aus dem deutschen EM-Gegner Polen eine schlagkräftige Mannschaft geformt. Im vergangenen Jahr wurde der Niederländer in seiner Wahlheimat dafür sogar zum "Mann des Jahres" gekürt. Im stern.de-Interview warnt er davor, seine Elf zu unterschätzen.

Herr Beenhakker, Polen war in den letzten Wochen vor allem durch den Korruptionsskandal in den Schlagzeilen. Das macht unseren Job bei der Euro 2008 nicht gerade leichter, falls Sie das wissen wollten?

Wollen wir.

Ich kann nur sagen, das muss aufgeklärt werden, sonst hat der Fußball in Polen ein Problem. Für jetzt kann ich sagen, wir müssen versuchen, das auszublenden, auch wenn das schwer fällt.

Die Menschen in Polen lieben Sie. Sie waren "Mann des Jahres" und man hat Ihnen einen Orden verliehen.

Wenn man mit einer Nationalmannschaft Erfolg hat, hat das Einfluss auf das ganze Leben im ganzen Land. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass sich in Polen etwas geändert hat. Die Leute sind stolz bei der EM dabei zu sein, das Selbstwertgefühl ist gestiegen. Das tut einem Land mit der Geschichte Polens gut. Das ging dem Volleyballtrainer der Männer vor zwei Jahren genauso, er ist Vizeweltmeister geworden.

Man ist als ausländischer Trainer also ein bißchen mehr als nur Fußballtrainer?

Wir wollen mal keinen Diplomaten aus mir machen. Ein gestiegenes Selbstwertgefühl gab es auch bei der WM 2006 in Deutschland. Jeder hängt doch heute seinen individuellen Sorgen nach und es gibt wenige Dinge die alle Leute miteinander verbinden. Fußball ist so eine Sache.

Für welchen Stil steht der polnische Fußball?

Da gibt es schon Unterschiede zwischen der Liga und der Nationalmannschaft. Die Liga hat sicher kein so hohes Niveau, was vor allem finanzielle Gründe hat. Den typischen polnischen Fußball aber gibt es glaube ich nicht.

Wie sieht denn der aus, den Sie mögen?

Mein Schule ist die niederländische Schule, die von Ajax. Das versucht man dann mit der des Arbeitsplatzes in Einklang zu bringen. Man kann nun nicht hergehen und in Polen sagen, ab heute spielen wir holländischen Fußball.

Wieviel Holland steht denn schon in der polnischen Mannschaft? Wir versuchen Teile davon umzusetzen. Wir Holländer sind Controllfreaks, wir möchten das Spiel am liebsten immer unter Kontrolle haben und dirigieren. Dafür braucht man den Ball. Wenn wir ihn verlieren, wollen wir ihn gleich zurück. Das heißt, bei Ballverlust sofortige Versuche ihn zurückzuerobern. Man versucht das in Einklang mit den vorhandenen Spielern zu bringen oder solche zu suchen. Dadurch, dass man mit einer Nationalmannschaft arbeitet sind das kleine Schritte, die man gehen kann.

Ist die Qualifikation für die EM eine logische Folge der Fortschritte, die Sie erzielt haben?

Logisch war das nicht, denn wir hatten eine sehr schwere Qualifikationsgruppe. Portugal gehört zu den besten Mannschaften der Welt, eine sehr gute Mannschaft wie Serbien. Aber man kann sagen, dass wir in den zwei Jahren, die ich hier bin, Fortschritte gemacht haben. Ich bin sehr gespannt, was dabei heraus kommt, wenn wir drei Wochen vor der EM am Stück zusammen trainieren können.

Wo konkret hat Ihre Mannschaft aufgeholt?

Bei Ballverlust versuchen wir jetzt die Positionen zu halten und mit Pressing den Ball zurück zu bekommen. Es geht um Spieldominanz und Kontrolle.

Hat man in Polen Geduld gehabt, um Ihnen und der Mannschaft Zeit zur Entwicklung zu geben?

Geduld gibt es nirgendwo, auch in Polen nicht. Aber ich habe die Zeit bekommen, obwohl wir mit einer Niederlage in die Qualifikation gestartet sind. Das zweite war ein Unentschieden und dann ging es besser. Ich konnte den Präsidenten von diesem Weg überzeugen, er hat mir Vertrauen geschenkt.

Ist es als ausländischer Trainer besonders schwer, Vertrauen zu schaffen und glaubhaft zu intergrieren?

Die Nationalmannschaft gehört der Nation. In Polen ist nun das erste Mal ein Ausländer Nationaltrainer, da sind viele Emotionen im Spiel. Es gab zuerst viel Wiederstand und der Präsident musste seine Entscheidung verteidigen.

Aber es gibt bestimmte Erwartungen an Sie? Natürlich, das ganze Land erwartet etwas, die Fans, die Medien. Fans haben das Recht so zu sein. Wir als Mannschaft können das trennen. Wir gehen mit sehr viel Selbstvertrauen in das Turnier. Wir wissen auch, es ist eine schwierige Aufgabe, aber nicht nur für Polen. Ich weiß, es wird eine unheimlich schwere Aufgabe, Deutschland zu schlagen, aber - ich kann garantieren, es wird auch eine unheimlich schwere Aufgabe, Polen zu schlagen. Wir sind auf einer Höhe.

Fürchten Sie nicht, die gute Stimmung könnte bei einem Aus in der Vorrunde zusammenbrechen?

Wir können die gute Stimmung nicht mit ins Turnier nehmen und sie quasi als Reserve benutzten. Wir müssen uns vor dem Anpfiff davon lösen und nur das eine Spiel sehen. Das wird mein Job sein, die Mannschaft von all diesen Dingen zu trennen, die da im Umfeld wirken.

Bei den Wettbüros ist Polen einer der großen Außenseiter in der Gruppe?

Ich habe denen gesagt, dass sie das so machen sollen. Diese Rolle gefällt mir. Im Ernst, wir wissen, was wir können. Ob wir das am 8. Juni bringen können, weiß ich nicht. Das weiß auch Joachim Löw nicht, aber wir haben das Niveau um am 8. Juni um 20.45 Uhr mit Deutschland mitzuspielen.

Man hat im Ausland registriert, dass sich der deutsche Fußball auch weiter entwickkelt hat?

Sicher, dabei war viel der Arbeit von Jürgen Klinsmann zu verdanken und die führt Joachim mit seinen Ideen nun weiter. Der Fußball des deutschen Nationalteams ist sehr aufgefrischt worden.

Haben Sie sich gewundert, dass das so lange gedauert hat?

Jeder hat seinen Weg und seine Kultur. Aber, um es auf den Punkt zu bringen, es war auch Zeit. Deutschland ist mittlerweile wieder näher am internationalen Spitzenfussball, auch die Vereine.

Sie leben die meiste Zeit in Polen? Von zehn Wochen bin ich neun hier. Das ist mein Land jetzt und ich habe das Gefühl, ich sollte hier sein. Das ist auch für mein Gefühl wichtig, um eine Bindung zu meiner Mannschaft und dem Umfeld aufzubauen. Ich bin mit meinem Job ein Teil des polnischen Lebens.

Aber Sie haben eine Art Basis in den Niederlanden?

In diesem Berufs ist es immer besser, so etwas wie eine Basis zu haben, es kann manchmal schnell gehen. Meine Kinder leben in Holland und ich habe dort ein paar persönliche Sachen.

Von Niederländern heißt es, sie hätten keine Vorhänge?

Ich habe Vorhänge und wissen Sie warum?

Wir sind gespannt?

In meinem Beruf hat man immer viele Leute um sich herum, da muss man manchmal die Vorhänge schließen und privat zu sein. Ich kann allein sein und bin gerne allein, das gefällt mir. Man kann in Ruhe nachdenken und seinen Gedanken vertrauen. Man kann sehr gut mit sich selbst sprechen. Und manchmal muss man innerlich die Vorhänge zu machen und sich aus dem ganzen Geschäft raus nehmen.

Sie haben so viel erreicht, Sie denken nicht ans Aufhören?

Ich liebe das Leben und ich liebe meine Arbeit. Es macht mir unheimlich Freude, jungen Menschen zu helfen, damit sie sich verbessern, Karriere zu machen und ins Leben zu finden. Für mich ist die emotionale Seite meines Job sehr wichtig. Was das angeht, bin ich eigentlich kein Holländer, ich bin da eher Südeuropäer oder Südamerikaner. Emotionen und die richtige Chemie mit den Leuten, das ist das Schönste an meinem Job.

Haben Sie deshalb in so vielen Ländern gearbeitet?

Das klingt vielleicht etwas arrogant. Aber Holland ist ein kleines Land und irgendwann hat man alles gesehen, man hat gegen die Vereine dort schon tausend Mal gespielt, man hat alle aus dem Fußball getroffen. Fußball aber ist eine internationale Sache. Man kann ein paar kleine eigene Dinge einbringen und dafür die kleinen sozialen Unterschiede im normalen Leben kennen lernen.

Sie lernen leicht neue Sprachen?

Bis jetzt ging das ganz gut, nur beim Polnischen ist mir das noch nicht gelungen. Diese Sprache ist schwer für mich. Vielleicht gibt es auf der Festplatte in meinem Kopf keinen Platz mehr. Man kommt in Polen sehr gut mit Englisch aus.

Interview: Oliver Trust


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