Griechenlands EM-Aus Der Absturz des Altmeisters


Nach nur zwei Spielen ist der Titelverteidiger bei der EM ausgeschieden - die hellenischen Helden wirkten beim europäischen Spitzentreffen des Tempofußballs ziemlich deplaziert. Trainer Otto Rehhagel verstand es nach dem Aus immerhin, die Lacher auf seine Seite zu bringen.
Von Frank Hellmann, Salzburg

Antonios Nikopolidis schüttelte nur den Kopf. Der Keeper mit dem grauen Haupthaar, den seine Bewunderer nur die griechische Antwort auf George Clooney nennen, wollte es nicht fassen. Er biss in seine Handschuhe, stemmte die Hände in die Hüfte, dann schritt er auf und ab. Neben ihm hatte sich Sotirios Kyrgiakos auf den Naturrasen des Salzburger Stadions gesetzt, während Theofanis Gekas bereits ein Trikot in die Menge warf. Gespaltene Gefühle bei Griechenland. Mit einem 0:1 gegen Russland hat sich der Titelverteidiger bereits von dieser Europameisterschaft verabschiedet.

War für die EM-Helden von 2004 diesmal nicht mehr drin? Oder war das Championat 2008 nur der Beleg, dass sich diese Nationalmannschaft dringend erneuern muss? Man war am Samstagabend schon mittendrin in diesem furchtbaren Zwiespalt, erst recht der 36-jährige Tormann, der ja ursächlich das 0:1 und damit das vorzeitige Ausscheiden bei diesem Turnier verschludert hatte: Staunende Statisten waren die angegrauten Vertrauten des Altmeisters Otto Rehhagel nämlich beim Siegtreffer von Konstantin Syrjanow von Zenit St. Petersburg gewesen, der nach Flanke des überragenden Juri Schirkow und Fallrückzieher von Sergej Simak den Ball ins leere Tor bugsierte (33.). Eine bedauerliche Figur gab dabei eben Nikopolidis ab: Er lief derart unmotiviert und orientierungslos durch den Strafraum, dass eine griechische Grunderneuerung auch auf dieser Position unumstößlich erscheint.

Die ehemals gefeierten Helden haben ihren Zenit überschritten

Der behäbige Ballfänger, an der Algarve noch einer der gefeierten Helden, ist nur einer von vielen, die ihren Zenit unter Rehhagels Regie überschritten haben. Europameister, die nicht mehr mithalten können im Hochgeschwindigkeitsfußball gegen ein erfreulich engagiertes Ensemble mit Guus Hiddinks Handschrift. Genau wie Nikopolidis sind auch ein Traianos Dellas, ein Angelos Basinas oder ein (diesmal nur eingewechselter) Georgios Karagounis als tragende griechische Kräfte der Vergangenheit nun mit der Gegenwart überfordert gewesen.

Gewiss, sie haben sich gewehrt, gekämpft, aber sie blieben im Abschluss glücklos - allen voran Charisteas, der Torgarant von 2004. "Wir schießen leider keine Tore", sagte Rehhagel, "das ist nicht erst seit heute bekannt." Und deshalb ist diese Europameisterschaft bereits passé, ehe sie denn überhaupt wirklich begonnen hat. Während die Russen sich die Option offen halten, am Mittwoch in Innsbruck durch einen Sieg gegen Schweden noch ins Viertelfinale einzuziehen, ist für Griechenland das Turnier vorbei.

Spiel gegen Spanien eine Frage der Ehre

Das Spiel gegen Spanien ist lediglich noch eine Frage der Ehre; der Europameister hatte es besonders eilig, aus dem Turnier zu scheiden. Die griechische Presse wird sich bestürzt äußern - insgeheim hatte man von einer Mannschaft, die immerhin in der Qualifikation stolze 31 Punkte sammelte und nach Ansicht des EM-Helden von vor vier Jahren, Angelos Charisteas, "stärker als die in Portugal" war, mehr erwartet.

Nur Otto Rehhagel nicht. "Natürlich wollten wir hier besser abschneiden. Nur insbesondere ich als Fachmann habe gewusst, dass wir nicht dreimal 3:0 gewinnen. Wir haben an einem europäischen Fußball-Festival teilgenommen. Mit hat die unglaubliche Leidenschaft gefallen, die meine Mannschaft im zweiten Spiel gezeigt hat. Andere haben schon bittere Niederlagen erlebt und werden auch noch ausscheiden. Italien oder Frankreich, die kriegen vier Stück, scheiden noch aus - und die sind auch noch besser als wir."

Rehhagel wurde fuchsig

Als der 69-jährige Nationaltrainer diese Worte in der Pressekonferenz sprach, wirkte er ruhig und gefasst - er sagte ein, zwei Sätze auf Deutsch und ließ sodann den Dolmetscher sein Werk tun. Doch von Minute zu Minute verlor der Altmeister seine Beherrschung - und es kam zu einer der skurrilsten Runden dieser Art. Schon die Frage nach der verpassten Titelverteidigung machte "Rehakles" ganz fuchsig: "2004 hat es Wunder gegeben. Dass Griechenland Europameister wird, geschieht nur alle 30 Jahre. Deshalb heißt es ja auch Wunder - wenn es alle 14 Tage wäre, wäre es keines."

Als tatsächlich jemand wagte, den Altmeister nach seinen Perspektiven und Schlussfolgerungen für die Qualifikation zur WM 2010 zu befragen, mutierte der Fußballlehrer zum Oberlehrer, der von nun an den Übersetzter kurzerhand überflüssig machte und gar nicht mehr eingreifen ließ: "Bevor Sie es ausgesprochen haben, weiß ich, was Sie denken: Ich bin viel älter als Sie. Alles was Sie im Kopf haben, weiß ich längst." Es murmelte im Saal - Rehhagel unter Hochspannung. Der sodann die "Ottokratie" in seinen Fußball-Reichen erläuterte: "In Griechenland ist die Demokratie erfunden worden. Zum Glück herrscht die auch in Deutschland. Da kann jeder sagen, was ich will. Ich sage auch, was ich will." Schlussendlich etwas ganz Grundsätzliches: "Ich werde gleich gehen. Die Akropolis steht seit 3000 Jahren. Wenn wir alle in 200 Jahren nicht mehr sind, steht die immer noch da. Okay, das war's für heute." Dann stand er auf und ging tatsächlich zur Glastür und zum Mannschaftsbus. Unter anhaltendem Applaus und großen Gelächter. "König Otto" hatte die Audienz zum Abschied zum Theater gemacht.

Immerhin sind ihm zwischendurch auch etliche lobende Worte über den Gegner entfleucht, schließlich waren die Russen giftiger, spritziger, schneller als die Seinen, forscher, frecher, angriffslustiger. "Ich habe oft gegen russische Mannschaft gespielt - das sind alles Sprinter und glänzende Fußballer. Die Russen sind super", erklärte Rehhagel, "Bayern München und Bayer Leverkusen können das bestätigen." Bei der von Kollege Hiddink glänzend eingestellten russischen Mannschaft, so empfand Rehhagel, "lacht einem das Herz, das sind super Jungs, da werden sich auch andere noch umgucken." Vielleicht schon Mittwoch die Schweden?


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