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EM-Tagebuch, Tag 11: Pocher, Du Dieb!

Was macht man auf stundelangen, öden Autofahrten quer durch die Alpen? Radiohören. In Österreich bereitet das unserem EM-Reporter fast körperliche Schmerzen. Ein Lied aus Deutschland wird von den Ösis allerdings boykottiert, das freut den Mann an der Front.

Von Klaus Bellstedt

Wenn man den ganzen Tag auf österreichischen Autobahnen unterwegs ist und Radio hört, wird man wahnsinnig. Die Österreicher haben einfach keine Radiokultur. Informationssender zu finden, ist beinahe unmöglich. Dafür regiert das Privatradio. Auf meiner Fahrt von Wien nach Basel bin ich vor Wut fast in die Leitplanke gefahren. Man drückt und drückt und drückt den Sendersuchlauf und findet einfach kein halbwegs vernünftiges Programm. Dafür Werbeblocks - alle zehn Minuten.

Und zwischendurch? EM-Songs! Die kenn' ich jetzt tatsächlich alle. Wenn wir Deutschen denken, wir hätten schon genug davon, dann kommen Sie mal über die Alpen. Welche EM-Lieder kennen wir aus Deutschland? Spontan fallen mir die drei schlechtesten ein: Eltons Kracher "Allemann". Das "Bringt ihn heim"-Sauf- und Mitgröllied vom abgebrochenen Oliver Pocher (dazu später mehr!) und die billige Sportfreunde-Stiller-Kopie von "54, 74, 90, 2006", gesungen von Revolverheld mit dem Titel "Helden 2008" - immerhin und aus mir unerklärlichen Gründen der offizielle DFB-Fansong, was immer das heißen mag.

Dann fallen mir natürlich noch die unvermeidlichen "Höhner" aus Köln ein, die ebenfalls sau einfallsreich waren und ihren Handball-WM-Song "Wenn nicht jetzt, wann dann?" 1:1 und lediglich mit einem neuen, auf die EM gemünzten Text, aufgenommen haben.

Und die Ösis? Was haben die zu bieten? Aber mal locker das Dreifache! Ich erspare Ihnen die Aufzählung, erzähle Ihnen nur, dass das Spektrum von Christina Stürmers "Fieber" bis zu (und jetzt bitte aufpassen) Mario Langs "Bring ihn heim" reicht. Bei meinen stundelangen Fahrten durch die Alpen dachte ich zunächst, dass ich etwas an den Ohren hätte. Bis, ja bis mir das ganze Dilemma klar wurde. Der Pocher schreckt auch vor nichts zurück. Passend zum Anlass und zum Austragungsort hat er sich einen Song ausgesucht, der in der Schweiz schon bei der Weltmeisterschaft 2006 (!!!) ein Superhit war - den Titel "Bring en hei" des Schweizer Casting-Superstars Baschi. Österreichs Barde Mario Lang hat den Song dann für sein Land und für die EM kurzerhand kopiert, Pocher ist sozusagen der Drittverwerter. Die Radiostationen der beiden EM-Austragungsländer boykottieren so gut es geht Pochers dreiste Kopie. Und das macht sie für mich dann doch wieder ein Stückchen erträglicher - trotz Christina Stürmer.

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