HOME

EM 2012: EM-Viertelfinale - Vorschau, Teamcheck, Taktik - Deutschland - Griechenland

Eilmeldung: Da Griechenland der FC Chelsea der Ländermannschaften ist, hat Jogi Löw alle Bayern-Spieler zurück nach Hause geschickt. Unsere Vorschau auf das Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland sagt, was am Chelsea-Vergleich dran ist und zeigt die Stärken und Schwächen der Griechen auf.

"The trend is your friend", mögen die Griechen sagen. Die bisherigen Beobachtungen der Gruppenphase dieser EM weisen durchaus Vorteile für die reaktiveren Teams aus. Warum Griechenland trotzdem nicht mit Chelsea zu vergleichen ist und Jogi Löw die Bayern-Spieler nicht auf die Bank verbannen, geschweige denn nach Hause schicken muss, verrät unsere Vorschau auf das Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland.

Zahlen und Fakten zu Deutschland - Griechenland:

"Football is playing on Saturday, eleven against eleven“, sagte Berti Vogts einst. Wir bitten um Entschuldigung, dass wir es nicht bei dieser zumindest inhaltlich trefflichen Beschreibung belassen wollen. Die DFB-Elf holte in der Gruppenphase neun Punkte aus drei Spielen und erzielte dabei sechs Treffer, bei zwei Gegentoren. Die Griechen holten vier Punkte, erzielten drei Tore und mussten drei Treffer hinnehmen.

Geht man etwas tiefer in die Materie, wird der Außenseiter-Status der Griechen untermauert. Im Schnitt aller Teams wurde bei dieser EM 32,38 mal auf das Tor geschossen (Datenquelle: sky.de/Opta). Die Deutschen liegen mit 27 Schüssen knapp , die Griechen mit 17 Schüssen pro Spiel deutlich unter dem Schnitt. Doch beide Teams erreichten die KO-Runde.

Das griechische Team konnte aus den wenigsten Chancen aller EM-Teams immerhin drei Tore und aus diesen drei Toren vier Punkte generieren. Das erinnert doch stark an Chelsea. Zur Erinnerung, Chelsea hatte in den Spielen gegen Barcelona und Bayern in der Champions League folgende statistischen Werte: 4 Schüsse (1 Schuss auf das Tor) im Hinspiel gegen Barca, 7 Schüsse (3) im Rückspiel in Barcelona, 9 Schüsse (3) im Endspiel gegen Bayern. Die Gegner kamen in diesen drei Spielen zu 24 (6) + 23 (6) und 43 (7) Torschüssen. Zurück zur Euro: Die Griechen konnten beim 1:0-Sieg gegen Russland 5 Schüsse (2 aufs Tor) – die Russen dagegen 25 (10) Torschüsse verbuchen.

Erst einmal untermauert diese Statistik den taktischen Trend, dass die optische Überlegenheit, Dominanz und Ballkontrolle nicht das Entscheidende ist, sondern die Qualität der Torchancen. Gemeint ist damit, dass gerade spielerisch unterlegene Teams den Gegner durchaus zu Chancen kommen lassen, aber kontrollieren, wo der Gegner zu Chancen kommt (Fernschüsse, Halbfeldflanken) und so die Qualität der Möglichkeiten niedrig halten.

Die Griechen scheinen genau jenem Trend, der Roberto Di Matteo gegen Barca und Bayern bestehen ließ, nachzueifern. Warum das griechische Team dennoch nicht mit Chelsea zu vergleichen ist, werden wir in diesem Artikel noch thematisieren.

Das griechische Spiel

Das antike Griechenland wird als die kulturelle Wiege Europas begriffen und auch die olympischen Spiele der Antike haben ihren Ursprung in Griechenland. Die Wiege des modernen Offensivfußballs findet man im sonnigen Athen dagegen wohl nicht. Deshalb ist der "Hellas“-Stil aber noch lange nicht als griechisch-römisch abzutun. Das Team von Trainer Fernando Santos spielt nominell im 4-3-3-System, was sich realtaktisch eher als 4-4-1-1 ausweist.

Die zwei Viererketten stehen dabei meist tief und eng, es wird größtenteils äußerst passiv verteidigt. Dadurch entsteht die für unterlegene Teams leider geile "Hinhalte-Taktik zur Chancenqualitäts-Entschärfung“ (spielverlagerung.de). Die Stärken der Griechen liegen in ihrem robusten physischen Spiel, im guten Flankenspiel und die Kopfballstärke lässt sie bei Standardsituationen zur Gefahr werden. Auch Jogi Löw sah Griechen, die einen "dynamsischen und defensiv sehr guten Eindruck gemacht haben", und zudem "gefährlich kontern".

Die individuelle Klasse der Griechen

Die Abwehr der Griechen ist vor allem in der Zentrale gut besetzt, der Schalker Kyriakos Papadopoulos (sportal.de-Noten: 3/3/2,5) wirkt immer sicherer. Sokratis von Werder Bremen ist ebenfalls ein sehr verlässlicher Innenverteidiger (4/3,5). Kostas Katsouranis ist in der Defensive flexibel einsetzbar, Giannis Maniatis (3/4,5/ 3,5) ist ein lauf- und zweikampfstarker Abräumer vor dem Strafraum.

Die Schwächen liegen bei den Defensivqualitäten der beiden Außenverteidigern. Vor allem auf der linken Abwehrseite sind die Griechen schwach besetzt. José Holebas ist geperrt und auch Georgios Tzavellas hat seine Schwächen in der Defensive. Der ehemalige Frankfurter mit dem feinen Freistoßfüßchen gilt als langsam und zweikampfschwach. In der Offensive überzeugte Giorgios Samaras durch seine Dynamik und Durchsetzungsfähigkeit, er hat jedoch Schwächen im Torabschluss und in der Rückwärtsbewegung.

Die Russen hatten große Probleme mit Giorgos Karagounis. Der zentrale Mittelfeldspieler fehlt allerdings gelbgesperrt. Jogi Löw ist darüber nicht unglücklich: "Karagounis ist sicher einer, wenn nicht sogar der Ideengeber in ihrem Spiel. Er spielt die entscheidenden Pässe in die Spitze und ist das Bindeglied zwischen der Defensive und den drei Stürmern. Dass er nicht mitspielen kann, ist für sie ein schmerzhafter Ausfall.“

Die Fehler der Russen: Deutschlands Chancen auf den Sieg

Die DFB-Elf sollte einen Blitzstart wie die Tschechen erwischen, oder sowohl geduldiger als auch handlungsschneller als die Russen sein. Die Sbornaja ließ vor allem in der zweiten Spielhälfte die Geschwindigkeit in ihren Kombinationen vermissen. Die deutschen Offensivspieler müssen sich extrem beweglich zeigen und zwischen den Abwehrschnittstellen die Räume beackern. "Wir müssen schneller spielen, mehr in die Tiefe gehen und hinter die Abwehr kommen", sagte Philipp Lahm vor dem Spiel. Löw will, dass seine Mannen "viel laufen, hohes Tempo spielen und die Griechen ständig fordern".

Die linke Abwehrseite der Griechen ist eine Schwachstelle und hier könnte die deutsche Mannschaft, ähnlich wie gegen die Niederlande, durch das sogenannte "Überladen" der Seite mit Spielern wie Mesut Özil, Thomas Müller - dazu Jerome Boateng oder einen der zentralen Mittelfeldspieler - zum Erfolg kommen. Die tschechische Mannschaft verstand es, die griechische Defensive durch zwei schnelle Angriffen aus den Angeln zu heben und das Spiel sehr früh, bevor sich die Defensive finden und Kompaktheit entwickeln konnte, zu entscheiden.

Gelingt den Deutschen kein schnelles Tor, dann ist viel Geduld angesagt. Mit Hektik im letzten Drittel des Feldes, wird man keine hochkarätigen Chancen kreieren können, mit Handlungsschnelligkeit und klugen Laufwegen allerdings schon. "Die Griechen werden mit neun Spielern im eigenen Strafraum stehen", so Löw, "dann kann man nicht mehr vertikal spielen, weil der Raum nicht da ist. Da braucht man Geduld."

Die Griechen sind im Kopfballspiel stark, die deutsche Mannschaft sollte ihre Chancen durch das gute Kombinationsspiel suchen, nicht durch Verzweiflungsflanken aus dem Halbfeld. Miroslav Klose wäre als guter Kombinationsspieler und perfekter Doppelpasspartner für Mesut Özil eine Option auch schon für die Startelf. Auf den Außenpositionen könnte Marco Reus die nötige Handlungsschnelligkeit ins Spiel bringen, allerdings empfehlen wir, nicht den taktisch klugen und mitspielenden Thomas Müller heraus zu nehmen, ggf. müsste Lukas Podolski weichen.

Fazit zum Viertelfinalspiel Deutschland - Griechenland:

Wenn die Griechen das Chelsea der Ländermannschaften sind, dann haben sie wohl eine gute Chance, Deutschland aus dem Turnier zu nehmen, so könnte man annehmen. Vielleicht reicht ja ein Eckball und ein wuchtiger Kopfball der Hellas-Hünen bedeutet das Aus für Jogis Jungs. Wir glauben aber nicht an das griechische Team, denn der Vergleich der beiden Mannschaften hinkt daran, dass Chelsea ein qualitativ starkes Team auf Augenhöhe aufbieten konnte. Bei zwei gleich starken Mannschaften mag der Trend zum reaktiveren Team weisen. Wir sehen Deutschland in puncto individuelle Klasse aber deutlich vor den Griechen.

Michel Massing

sportal.de / sportal

Wissenscommunity