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EM 2012: Fünf Fragen zum Viertelfinale England – Italien

Seit 1978 wartet England auf einen Pflichtspielerfolg gegen Italien. Im EM-Viertelfinale soll Roy Hodgson den Bann brechen, am besten so ganz ohne italienische Hilfsmittel à la Fabio Capello. Wir stellen in den Fünf Fragen die möglichen deutschen Halbfinalgegner vor und sagen, wer besser zum deutschen Team passt.

Gesucht wird der deutsche Halbfinalgegner: Mit England und Italien treffen zwei Teams aufeinander, die bei der letzten WM frühzeitig die Segel streichen mussten, seitdem aber eine erstaunliche Entwicklung genommen haben. Die deutschen Spieler geben sich in der Frage des leichteren Gegners bewusst gelassen, groß ist das Selbstvertrauen nach dem 4:2-Sieg gegen Griechenland.

Wir versuchen trotzdem zu klären, welches Team denn besser zum DFB-Team passt und stellen in den Fünf Fragen zum letzten Viertelfinale beide Teams vor. Wie groß ist der italienische Einfluss auf die Three Lions und können die Engländer mit Joe Hart gleich zwei Flüche besiegen?

1) Wie viel Capello steckt noch im englischen Team?

Auf italienischer Seite herrscht Einigkeit: England steht auch, oder vor allem wegen Fabio Capello im Viertelfinale der Euro 2012. "Capello hat im englischen Team Spuren hinterlassen", urteilt beispielsweise Robert Mancini, Trainer von Manchester City. "Die Engländer spielen wie früher die Italiener", findet auch Juves Verteidiger Leonardo Bonucci, "Sie sind in der Abwehr viel besser geworden." Und auch für Gianfranco Zola steht fest: "Dank der italienischen Trainer haben die Engländer gelernt zu verteidigen."

Ist das denn wirklich so? Capello, im Februar zurückgetretener Ex-Coach der Three Lions, als Vater des Erfolgs? Roy Hodgson, sein Nachfolger, wirkt bei diesem Thema leicht genervt. "Ich brauche Capellos Ratschläge nicht, um Italien zu schlagen", sagte Hodgson vor dem Aufeinandertreffen mit der Squadra Azzurra.

Tatsächlich ist es nicht so einfach, wie Capellos Landsleute es gerne darstellen. Unter dem Mister spielten die Engländer bis zur WM 2010 das auch von Hodgson bevorzugte 4-4-2. Im Achtelfinale gegen Deutschland gab es eine vernichtende Niederlage und Capello stellte danach sein System um. So wurde die EM-Qualifikation souverän bestritten, ohne großen Glanz zu verbreiten.

Hodgson ist bekannt für seine akribische Arbeit und vollzog in der Vorbereitung die taktische Rolle rückwärts wieder hin zum 4-4-2. Die Abläufe, vor allem in der Defensive, wurden lange und ausgiebig trainiert, die Handschrift des 64-jährigen Trainers ist deutlich zu erkennen. Was sich Hodgson aber wirklich auf die Fahne schreiben darf, ist ein Stimmungswechsel innerhalb des Teams. Wayne Rooney schwärmt von der "besten Stimmung", die er bisher im Nationalteam erleben durfte. Für Rooney waren auch die Sprachprobleme mit Capello ein Grund für die ausbleibenden Erfolge: "Wir wussten manchmal einfach nicht, was der Trainer von uns wollte."

2) Beendet Joe Hart Englands Elfmeter-Fluch?

Die Liste der Alptraum-Torhüter im englischen Team ist fast so lang wie die der ausländischen Torhüter, die in den vergangenen Jahren die Premier League geprägt haben. Da wären David Seaman, Paul Robinson, Scott Carson, Robert Green oder David "Calamity" James. Jedes Mal war die Hoffnung groß, an die Zeiten eines Gordon Banks anknüpfen zu können, die Enttäuschung kam aber immer schnell.

Mit Joe Hart hat England nun aber einen Keeper zwischen den Pfosten, der von Lob überschüttet wird. Seit zwei Jahren ist Hart Stammkeeper bei Manchester City, wurde in der Zeit zwei Mal zum besten Torhüter der Premier League gewählt. Für Italiens Welttorhüter Gianluigi Buffon kann Hart sogar "einmal der beste Torwart der Welt werden".

In der EM-Vorrunde konnte Hart die Vorschusslorbeeren bereits bestätigen, neben dem dauerbeschäftigten Shay Given aus Irland zeigte Hart die meisten Paraden. Nun geht es aber in die Ko-Runde und dort kann es zum anderen englischen Albtraum kommen: Elfmeterschießen. Doch selbst bei dieser Übung gibt sich Hart gelassen. "Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und weiß, wo alle Italiener ihre Elfmeter hinschießen", gab der Keeper zu Protokoll. "Ich würde auch einen der ersten fünf Elfmeter selbst schießen, wenn man das von mir verlangen würde, hundertprozentig", ergänzte Hart selbstbewusst.

3) Stellt Prandelli wieder auf Dreierkette um?

Es war die Überraschung des Turniers: Italiens Trainer Cesare Prandelli stellte im ersten Gruppenspiel gegen Spanien von der gewohnten Viererkette auf die in der heimischen Serie A von einigen Teams bereits praktizierten Dreierkette um, was sich als richtige Maßnahme gegen die passsicheren Spanier erwies. Der besondere Kniff war Daniele de Rossi zum freien Mann in der Mitte zu befördern und im Rückzugsverhalten die Dreier- zur Fünferkette zu machen.

Gegen Irland rückte Prandelli von seiner neuen Taktik wieder ab, auch weil die Iren – wie Viertelfinalgegner England – im 4-4-2 auflief. Prompt geriet das italienische Spiel ins Stottern, es war das deutlich schwächste Gruppenspiel der Squadra Azzurra.

Die Rückkehr zur Dreierkette gilt deshalb als ausgemacht, auch weil Abwehrspieler Giorgio Chiellini verletzt ausfallen wird. In italienischen Medien ist die Systemfrage allerdings etwas offener, aus taktischer Sicht ist eine Viererkette gegen den Zwei-Mann-Sturm der Engländer eigentlich besser geeignet. Prandelli muss sich also entscheiden: Psychologische Rückkehr zur Dreierkette oder Orientierung am Gegner? Wenn es keinen italienischen Maulwurf gibt, wird die Frage erste eine Stunde vor Anpfiff beantwortet.

4) Wer hat den ausgeglicheneren Kader?

Es gibt viele Gründe, warum Deutschland immer mehr zum Topfavoriten der Euro 2012 avanciert. Gegen Griechenland kam ein weiterer hinzu, denn die drei Neuen in der Startelf gaben die Gewissheit: Das DFB-Team verfügt über eine bärenstarke Bank.

Im Halbfinale könnte es sein, dass sowohl die Engländer als auch die Italiener genau diese Option benötigen. Beim Weltmeister von 2006 sind insgesamt acht Spieler von einer Gelbsperre bedroht, darunter Torhüter Buffon, Abwehrchef de Rossi und Stürmerstar Mario Balotelli. Bei den Three Lions sind es fünf Akteure, eine Sperre für Kapitän Steven Gerrard oder Linksverteidiger Ashley Cole dürfte besonders Probleme bereiten.

Dabei wirkt der italienische Kader nicht nur wegen der verletzungsbedingten Absagen von Gary Cahill, Frank Lampard und Gareth Barry auf englischer Seite wesentlich ausgeglichener. Prandelli setzte bisher nur zwei Feldspieler nicht ein, in allen Mannschaftsteilen ist die Squadra Azzurra ausgeglichen besetzt. Bei Namen wie Martin Kelly, Jordan Henderson oder Phil Jagielka ist die Hoffnung auf englischer Seite dagegen sehr groß, dass es keine Gelbsperren geben wird.

5) Welcher Gegner passt besser zum deutschen Team?

Rein statistisch ist diese Frage leicht zu beantworten. Seit der Final-Niederlage bei der WM 1966 verlor Deutschland nur noch ein weiteres Turnierspiel gegen England (EM 2000), dem stehen fünf Sieg und zwei Unentschieden gegenüber. Gegen Italien ist die Bilanz deprimierender, noch nie konnte das DFB-Team gegen die Italiener bei einem großen Turnier gewinnen.

Dem deutschen Team ist es gleich, wer in Warschau der Gegner sein wird. "Egal gegen wen wir spielen, wir sind eine gute Mannschaft", sagte Reus beim Pressetermin im deutschen Quartier. "Ich glaube, England hat sich gesteigert und mit Rooney einen wichtigen Spieler dazugewonnen, aber wir sind trotzdem die bessere Mannschaft." Freund André Schürrle ergänzte: "Italien hat überrascht, aber wenn wir unsere Leistung bringen, hat es jede Mannschaft schwer gegen uns. Wir wissen um unsere Stärke, haben bisher alle Spiele verdient gewonnen."

Die Engländer dürften trotzdem das leichtere Los sein. Defensiv zwar gut organisiert, kassierten die Three Lions trotzdem schon drei Gegentore und spielen einen leichter auszurechnenden Fußball mit vielen langen Bällen, die bei Mats Hummels und Holger Badstuber gut aufgehoben sein dürften. Die Squadra Azzurra dagegen ist taktisch wesentlich besser geschult, kann verschiedene System spielen und hat beim 1:1 gegen Spanien gezeigt, auch gegen große Teams funktionieren zu können. Diesen Nachweis blieben die Engländer bisher noch schuldig.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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