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EM 2012 Taktikvorschau - Wer siegt im EM-Finale?


Die Spanier galten als Schönspieler, Italien als Defensivkünstler. Wenn im EM-Finale die beiden besten Mannschaften aufeinander treffen, ist plötzlich alles anders. Oder doch nicht? sportal.de hat die Stärken der Teams analysiert und sagt, wer Europameister wird.

Es ist nicht bekannt, ob und wo die deutschen Nationalspieler heute das EM-Finale zwischen Spanien und Italien verfolgen werden. Sicher ist aber, dass der Schmerz über die 1:2-Niederlage gegen die Squadra Azzurra nochmal geballt zurückkommen wird. Zu groß war die Sehnsucht nach einem Titel, zu tief sitzt die Erkenntnis, gegen starke Italiener verdient ausgeschieden zu sein.

Dabei wird es auch kein Trost sein, dass zum vierten Mal in Folge das Aus gegen den späteren Titelträger möglich ist. Hält diese Serie, heißt der logische Europameister also Italien. Aber mit der Logik haben wir es ja nicht so. Trotzdem erwartet uns ein total offenes Finale.

Wir haben uns die Leistungen der beiden Mannschaften in dem Turnier angeschaut und ziehen die Lehren für das EM-Finale, ein Schwerpunkt ist das direkte Duell im ersten Gruppenspiel. Ist Spanien überhaupt schlagbar? Was ist das Geheimnis von Italiens Erfolg? Und am Ende sagen wir dann auch, wer den Pokal in die Höhe stemmen darf.

Die Lehren des Gruppenspiels

Schon am Tag nach dem ersten Spiel der beiden Team bei dieser EM waren wir voll des Lobes, ob der taktischen Leistungen beider Mannschaften. Und auch am Ende des Turniers hat die Aussage noch Bestand, dass es eines der besten Spiele beim Turnier in Polen und der Ukraine war.

Besonders interessant waren die taktischen Kniffe, mit denen die Trainer Cesare Prandelli und Vicente del Bosque auf die Anforderungen des Spiels reagiert hatten. Prandelli stellte in der Abwehr auf eine Dreierkette um, del Bosque verzichtete auf einen gelernten Stürmer und lief faktisch nur mit Mittelfeldspielern auf. Beide Maßnahmen sorgten im weiteren Turnierverlauf immer wieder für Diskussionen.

Auf spanischer Seite wurde die Frage nach der Idealbesetzung in der Sturmmitte bis heute nicht beantwortet. Del Bosque ist immer noch von seiner Lösung mit dem falschen Neuner überzeugt, die Nominierung von Alvaro Negredo im Halbfinale gegen Portugal wirkte fast schon ein wenig trotzig ob der Debatte im Land des Welt- und Europameisters. Im Grunde ist es aber auch nicht wichtig, wer an der Seite von Andres Iniesta und David Silva aufläuft, Ballbesitz und die defensive Null stehen an erster Stelle.

Italien machte dagegen bei Spaniens Ballbesitz aus der Dreier- eine Fünferkette, trotzdem hatte das Spiel nichts mit Catenaccio zu tun. Die Squadra Azzurra suchte immer wieder den Weg nach vorne, sehr flexibel variierten die beiden Außenspieler Christian Maggio und Emanuele Giaccherini ihr Betätigungsfeld. Vor allem Spaniens starker linker Seite mit Jordi Alba und Iniesta wurde so die Gefährlichkeit genommen. Insgesamt fanden die Italiener mit ihrer Formation die perfekte Mischung zwischen reaktivem Spiel und eigener Angriffslust.

Dreier oder Viererkette?

Trotzdem darf man wirklich gespannt sein, ob Prandelli erneut auf die Dreierkette mit Daniele de Rossi im Zentrum setzt oder er es bei der Viererkette belässt, die in den K.o.-Spielen gegen England und Deutschland so hervorragend funktioniert hat.

Wir gehen wie die meisten Experten davon aus, dass Prandelli nicht erneut umstellen wird, sondern den Schwung aus den letzten beiden Spielen mitnehmen will. Zudem hatte der italienische Coach auch zu der taktischen Variante gegriffen, weil er sich durch die Verletzung von Andrea Barzagli dadurch gezwungen sah. Seit dem dritten Gruppenspiel gegen Irland ist der Juve-Verteidiger wieder fit und damit der Block des italienischen Meisters wieder komplett.

Die Lehren aus Portugals Leistung im Halbfinale

Portugal hat im Halbfinale vieles, aber eben nicht alles richtig gemacht. Durch das hohe Verteidigen, zeitweise standen nur die beiden portugiesischen Innenverteidiger nicht in Spaniens Hälfte, wurde die Furia Roja über weite Strecken zu einem untypischen Spielaufbau gezwungen. Xavi, Xabi Alonso und Sergio Busquets wirkten einerseits müde, andererseits stellte das portugiesische Mittelfeld viele Passwege zu. Auch die Viererkette stand gut, Spanien kam nur ganz selten zu guten Torchancen.

Es gibt demnach verschiedene Möglichkeiten, das spanische Spiel zu stören. Was das Halbfinale aber gezeigt hat, ist die Tatsache, dass ein Sieg gegen Spanien nur mit eigenen offensiven Ambitionen möglich ist. Klar, wer in einem EM-Halbfinale mit einem Stürmer namens Hugo Almeida antreten muss, ist arg gebeutelt. Aber Paulo Bento wurde ja nicht zu diesem Schachzug gezwungen, besser wäre es sicher gewesen, Cristiano Ronaldo in die Sturmmitte zu ziehen.

Diese Sorgen hat Italien nicht, Mario Balotelli ist mittlerweile in Bestform, Antonio Cassano an Schlitzohrigkeit kaum zu übertreffen und mit Antonio di Natale steht auch noch ein erstklassiger Joker zur Verfügung, der im Gruppenspiel gegen Spanien das Führungstor erzielen konnte.

Spaniens Trumpfkarten: Die Defensive und der starke Kader

Ist Spaniens Spiel nun schön oder langweilig? Kann man sich an 70 Prozent Ballbesitz und der hohen Passquote erfreuen? Über das Spiel der Spanier wird derzeit viel gestritten, für die Freunde des Spektakels bietet der Titelverteidiger einfach zu wenig. Aber es gibt auch die Kehrseite, denn Spanien ist seit neun (!) K.o.-Spielen bei Welt- oder Europameisterschaften ohne Gegentor.

Del Bosque hat den von Vorgänger Luis Aragones eingeleiteten Prozess weitergeführt und das spanische Spiel verändert. Auch wenn dieser Satz nicht zu seinem Sprachschatz gehört, so könnte del Bosque im Duktus eines Huub Stevens mit voller Überzeugung sagen: "Die Null muss stehen." Er sagt es aber anders: "Wenn unsere Verteidiger gut spielen, werden wir dem Titel näher kommen, denn Chancen kreieren werden wir immer."

Gegen Portugal stimmte das zwar nur bedingt, aber mit der Breite in seinem Kader kann del Bosque während eines Spiels in viele Richtungen reagieren. Beginnt er mit Fabregas, kann er im Sturm mit Fernando Torres, Alvaro Negredo und Fernando Llorente jederzeit nachlegen. Will er das Spiel über außen forcieren, kann er Jesus Navas oder Santi Cazorla bringen. Und auch Pedro kann als Joker jederzeit für Belebung sorgen.

Italiens Trumpfkarten: Pirlo und der Zwei-Mann-Sturm

Deutschland ist im Halbfinale auch gescheitert, weil sich Bundestrainer Joachim Löw zu sehr an Italien orientiert und mit der Sonderbewachung für Andrea Pirlo die Balance aus dem deutschen Spiel genommen hat. Dabei kann man Löws Idee durchaus verstehen, Pirlo ist der vielleicht beste Spieler der EM. Oder wie es del Bosque ausdrückt: "Pirlo ist der Busen, an dem sich ganz Italien nährt."

Das spanische Spiel ist ohnehin nicht darauf angelegt, sich an den Stärken des Gegner zu orientieren, sie sollten es aber auch besser lassen. Pirlo versteht es wie kaum ein anderer Regisseur, sich seine Freiräume zu schaffen, auch wenn er eng gedeckt wird. Pirlo kommt aus der Tiefe, ist deshalb schwer zu fassen. Vor dem 1:0 im Halbfinale wurde Pirlo zunächst von Mesut Özil attackiert, der Italiener zog sich in die eigene Hälfte zurück und spielte aus dieser Position den vorentscheidenden Pass auf die linke Seite. Für Spanien wird es wichtiger sein, Pirlo so wenig Passoptionen wie möglich zu schaffen.

Mit Antonio Cassano und Mario Balotelli Pirlo, EM-untypisch, sogar zwei Anspielstationen im Angriff. Alle europäischen Topteams bauen auf einen Ein-Mann-Sturm, nur Prandelli ist von dieser Regel abgerückt und lässt konsequent zwei Stürmer spielen, die zudem auch noch wenig Disziplin im Defensivverhalten zeigen - eigentlich eine Blasphemie im modernen Fußball. Das Mittelfeld ist damit zwar zu mehr Laufarbeit gezwungen, Balotelli und Cassano können sich so aber auf ihre Stärken konzentrieren. Mats Hummels und Holger Badstuber werden sich erinnern.

Fazit

Italien hat es selbst in der Hand. An der taktischen Disziplin in der Defensive hegen wir ohnehin kaum Zweifel, der Schlüssel zum EM-Titel wird die eigene Offensivleistung sein. Gepaart mit dem Selbstvertrauen aus den letzten beiden Spielen ist Italien für sportal.de der leichte Favorit. Aber je länger der Titelverteidiger ohne Gegentor bleibt, desto stärker wandert die Erfolgsnadel in Richtung Spanien, denn Italien hatte nur zwei Tage Regeneration und war laut Prandelli schon nach den 90 Minuten gegen Deutschland stehend K.o.

Marcus Krämer

sportal.de sportal

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