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Fußball-EM 2012: Deutschlands Gegner im Halbfinale: Italien, der ewige Prüfstein

Bei großen Turnieren konnte Deutschland noch nie gegen die Squadra Azzurra gewinnen. Im Halbfinale der EM ist Italien der erste echte Pfrüfstein. Für Löw und die DFB-Elf schließt sich ein Kreis.

Von Felix Haas

Es war einer dieser Abende, an denen selbst die ärgsten Feinde zusammenstehen. Zusammenstehen mussten. Uli Hoeneß war es, der tief in der Nacht das Wort für seinen Intimfeind ergriff und Sätze sagte, die den deutschen Fußball nachhaltig prägen sollten: "Es war kein gutes Spiel. Aber es macht keinen Sinn, reinzuschlagen. Die Nationalmannschaft braucht einen Schulterschluss. Jürgen Klinsmann muss seinen Weg geradeaus und konsequent weitergehen." Und dann fügte der Bayern-Manager und damalige Vorsitzende des "Arbeitskreises Nationalmannschaft" das Wichtigste hinzu: "Neue Namen zu diskutieren, bringt nichts. Auch ein Christian Wörns hätte es nicht besser gemacht."

Dieser Abend in Florenz am 1. März 2006 ging als eine der schwärzesten Stunden in die deutsche Fußball-Historie ein. Das Team, das doch bei der Heim-WM die Massen begeistern sollte, hatte mit 1:4 gegen Italien verloren. Es war eine Bankrotterklärung. Wer weiß schon, wie es heute um den deutschen Fußball bestellt wäre, wenn Klinsmann damals aus der Panik heraus gefeuert worden wäre. So kam es nicht und im Rückblick wird vor allem klar, dass diese Niederlage gegen Italien etwas Positives hatte. Aus heutiger Sicht markiert sie das Ende des alten deutschen Rumpelfußballs. Spätestens das Spiel in Florenz machte klar: Der deutsche Fußball braucht eine tiefgreifende Erneuerung, eine, die längerfristig angelegt ist – auch über die WM 2006 hinaus.

Klinsmann, Löw und die Rundum-Erneuerung

Jürgen Klinsmann und sein damaliger Assistent Joachim Löw gingen ihren Weg weiter. Sie verjüngten die Mannschaft und spielten eine begeisternde Weltmeisterschaft - bis wieder der Prüfstein Italien im Halbfinale wartete. Das deutsche Team steckte noch mitten im Umbruch, Italien war auf der Höhe seines Könnens. So verloren die alten Kämpfer Michael Ballack, Torsten Frings und Co. im Halbfinale mit 0:2. Deutschland bewies wieder einmal, dass es bei einem großen Turnier einfach nicht gegen Italien gewinnen kann. Dieser Stand gilt noch heute. In sieben Endrundenbegegnungen hat es vier Unentschieden und ganze drei Niederlagen in K.o.-Spielen gegeben.

Doch 2006 fing die eigentliche Entwicklung des neuen Fußballstils erst an. Klinsmann ging. Löw blieb und hievte die Mannschaft taktisch auf ein neues Niveau. Weg vom 4-4-2, weg von taktisch unklugen Fouls in der eigenen Hälfte, hin zu Leichtigkeit und cleverem, gut organisierten Defensivverhalten. Deutschland spielte sich von Jahr zu Jahr mehr zurück in die internationale Fußball-Elite.

DFB-Team hat Italien seit 2006 überholt

Das DFB-Team hat Italien in den letzten sechs Jahren überholt. Während Deutschland bei der EM 2008 und der WM 2010 begeisterte, rutschte der Weltmeister von 2006 nach dem Titelgewinn in eine Krise. Die defensive Spielausrichtung von einst zog nicht mehr, nach der enttäuschenden WM in Südafrika vollzog die Squadra Azzurra einen ähnlichen Wandel wie das deutsche Team zuvor: Kaderverjüngung, taktische Runderneuerung, offensiverer Spielstil.

Jetzt, im Halbfinale der EM 2012, kommt es erneut zum Duell der beiden Fußball-Großmächte. Für DFB-Kapitän Philipp Lahm ist der Rückblick auf die WM 2006 obligatorisch: "Da denkt man dran. Das war das letzte wichtige Spiel gegen Italien." Doch Lahm sagt auch: "Da waren wir noch nicht so weit wie jetzt." Die Frage wird also sein, welche Mannschaft in der Erneuerung schon weiter ist. Joachim Löw glaubt an ein Duell auf Augenhöhe. "Es entscheiden Kleinigkeiten, man darf sich keine groben Schnitzer leisten", betont er.

"Die Geschichte interessiert uns nicht"

Für die deutsche Nationalmannschaft könnte sich am Donnerstag in Warschau ein Kreis schließen. Der alte Prüfstein Italien, der mit seinem Schützenfest aus dem März 2006 maßgeblich zur Rundumerneuerung des deutschen Fußballs beitrug, wird zum neuen Prüfstein über die Entwicklung der Mannschaft. Deutschland ist längst wieder in der absoluten Weltspitze angekommen, das haben auch die ersten Spiele dieser Europameisterschaft gezeigt. Aber um die Entwicklung der letzten Jahre zu krönen, braucht das Team den ersten Sieg gegen Italien bei einer Endrunde.

Spielmacher Mesut Özil jedenfalls geht gedanklich schon einmal voran. Bei der Pressekonferenz in Danzig erklärt er, dass die ganzen Statistiken ihn nicht kümmern würden: "Die Geschichte interessiert uns nicht. Wir schauen nach vorne und wollen das Spiel gewinnen, das ist das einzige, was zählt. Wir wollen ins Finale." Dort im Endspiel könnte dann der zweite, wichtige Prüfstein der fußballerischen Erneuerung warten, der, an dem sich ein Großteil der deutschen Entwicklung seit dem vernichtenden Märzabend im Jahr 2006 orientiert hat: Spanien.

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