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Portugal vs. Holland: Das Martyrium des Gockels

Bislang glänzt bei Superstar Ronaldo lediglich das Gel in den Haaren, dennoch steht das Team zu seinem egozentrischen Kapitän - und will am Abend Holland aus dem EM-Turnier werfen.

Von Tim Schulze

Cristiano Ronaldo ist ein Mann der Extreme. Die Leistungen des portugiesischen Superstars sind so außergewöhnlich wie seine Egozentrik und sein Narzissmus. Selbstverständlich provoziert so ein Typ auch die heftigsten Reaktionen unter Gegenspielern und Fans. Die einen halten ihn für einen Fußball-Gott, die anderen hassen ihn für seine Eitelkeit und sein Gehabe auf dem Platz, wenn er sich etwa bei einem Freistoß in Pose wirft wie ein eitler Gockel. Man kann nur für ihn oder gegen ihn sein. Dazwischen gibt es nichts.

Den Portugiesen ist das Gockelgehabe egal gewesen - so lange er für Tore sorgte. Doch bei der EM hat der Mann, der in dieser Saison allein in der Primera Division 46 Tore in 38 Spielen für den spanischen Meister Real Madrid schoss, trotz einiger Großchancen immer noch nicht getroffen. Gegen Dänemark vergab er zwei riesige Torchancen kläglich. Seit dem gilt Ronaldo als Fall für den Psychiater. Diagnose: Akutes Nervenversagen vor dem Tor. Ausgerechnet er, die lebende Tormaschine. Und heute Abend steht das entscheidende EM-Spiel gegen Holland an (ab 20.45 Uhr im stern.de, in dem Portugal auf die Schützenhilfe Deutschlands angewiesen ist, um das Viertelfinale zu erreichen.

"Ein verzweifelter innerer Kampf"

"Die Siegesbesessenheit ist zu Ronaldos ärgstem Feind geworden", analysierte die seriöse Zeitung "Público" nach dem Dänemarkspiel auf dem Titel. Der Grund für seine Formkrise läge an einem "verzweifelten inneren Kampf", um erstmals seit 2008 zum Weltfußballer gewählt zu werden", mutmaßte das Blatt weiter. "Ronaldo ist extrem konkurrenzorientiert. Er kann mit Niederlagen sehr schlecht umgehen, selbst wenn er im Tischtennis gegen Nani verliert", urteilte Sportpsychologe Jorge Silveiro über die Formkrise des Stars.

Ronaldos schwache Auftritte bei der EM sind auch für die gegnerischen Fans und alle, die ihn nur für einen eitlen Pfau halten, ein gefundenes Fressen. Sie verhöhnen Ronaldo mit "Messi"-Rufen –die Provokation ist mittlerweile ein Standard. Sie reiben ihm unter die Nase, dass Messi weltweit höhere Anerkennung genießt. Der Argentinier wurde in den vergangenen drei Jahren zum Weltfußballer gewählt. Messi ist der bodenständige, einfache, gute Junge. Nicht so selbstverliebt und gelglänzend wie Ronaldo.

Seine Teamkollegen in der Nationalmannschaft reagieren mittlerweile genervt auf die Hysterie um ihren Mannschaftskapitän in der Heimat. "Wir zählen nur auf diejenigen, die uns unterstützen wollen", sagte Offensivkraft Nani dem Sportblatt "O Jogo". Trainer Paulo Bento hat die Diskussionen satt. "Alle reden immer nur über Ronaldo", lästerte er und bemerkte trotz aller berechtigter Kritik beinahe trotzig: "Aus unserer Sicht hat er zwei gute Spiele gemacht. Alle von uns freuen sich nun auf Holland."

Das Leiden einer Randfigur

Bento weiß natürlich, dass Ronaldos Leistungen im Nationaldress seit jeher nicht so brillant sind wie im Club. Seine Torquote in der abgelaufenen Saison bei Real Madrid betrug sagenhafte 1,1 Treffer pro Spiel, in der in der Nationalmannschaft bislang 0,54 Treffer. Die ist zwar auch nicht schlecht, aber natürlich wird sie ihm in der Heimat vorgehalten. Er ist schließlich der Star, an dem alle Hoffnungen hängen. Da wachsen Ansprüche ins Unermessliche. Bento sieht es dagegen nüchtern. Schon vor dem Turnier betonte er: "Cristiano Ronaldo ist ein absoluter Ausnahmespieler, aber trotzdem dürfen wir nicht erwarten, dass er all unsere Probleme im Alleingang löst."

Wenn Ronaldo nach dem Siegtreffer gegen die Dänen durch Silvestre Varela nicht zu seinen Mitspielern läuft, sondern stattdessen auf den Rasen sinkt und tief durchschnauft, als sei er, und nur er allein von einer großen Last befreit worden, dann ist das typisch Ronaldo. Man kann das so oder so nehmen. In diesem Moment war es aber das Leiden einer Randfigur. Das ist das Schlimmste für einen wie Ronaldo – und provoziert maßlos. Da ist er wieder, der Egozentriker, der immer alles nur auf sich bezieht.

Beistand kommt auch von der Kirche

Das befeuert die Kritiker. Dass da ein Team geschlossenen aufgetreten ist und einen wichtigen Erfolg gefeiert hat, wird zur Nebensache. Stattdessen bricht in der Heimat wegen Ronaldos vergebener Torchancen eine Hysterie aus. Das ist die andere Seite des Phänomens Ronaldo. Es ist schnell vergessen, dass er mit zwei Toren maßgeblich zum 6:2-Sieg der Nationalmannschaft gegen Bosinien Herzegowina im entscheidenden Playoff-Spiel beitrug und Portugal erst die EM-Teilnahme ermöglichte.

Es ist nicht ja nicht so, dass er immer grottenschlecht spielt, wenn er im Nationaldress auf dem Platz steht. Aber einer wie Ronaldo wird eben nicht an Einsatz und Laufbereitschaft gemessen. In der Mannschaft ist das - zumindest nach außen - kein Problem. Torschütze Varela stellte sich nach dem Dänemarkspiel demonstrativ vor seinen Teamkollegen: "Cristiano ist ein exzellenter Spieler und Kapitän. Er muss niemandem etwas beweisen", sagte der 27-Jährige.

Beistand kommt auch von der Kirche. Der Sprecher der portugiesischen Bischofskonferenz, Manuel Morujão, bat um Nachsicht: "Er kann nicht immer glänzen. Ein Team besteht aus elf Spielern." Und so haben mit Gottes Beistand bisher andere die Tore geschossen. Damit muss Ronaldo leben. Und die anderen auch.

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