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EM-Aus: Rücktrittswelle der "verlorenen Generation"

Hollands Trainer Dick Advocaat nahm verklausuliert seinen Abschied, die Spieler redeten Tacheles und forderten den radikalen Umbruch.

Noch in den Katakomben des Stadions José Avalade begann in Lissabon nach der erschreckend einfallslosen Halbfinal-Vorstellung gegen EM-Gastgeber Portugal der Zerfall der niederländischen Fußball- Auswahl. "Es wird in der nächsten Woche eine Stellungnahme des Verbandes geben. Es gibt gute Gründe zu gehen und gute Gründe zu bleiben", sagte der in der Öffentlichkeit wegen seiner Taktik und seinen Personalentscheidungen in der Dauerkritik stehende Advocaat am Mittwochabend zu seiner Zukunft, die er für sich längst entschieden hat: "Ich weiß, was ich tun werde."

Ohne jeden Kontakt zu seinen Spielern und ohne den obligatorischen Handschlag für Portugals Coach Luis Felipe Scolari war der Bondscoach nach dem Schlusspfiff von der Trainerbank schnurstracks in die Umkleidekabine geflüchtet. Dass sich Advocaat noch zum Aussitzen seines bis 2006 datierten Vertrages entscheiden könnte, erwartet in den Niederlanden niemand mehr. Der 56-Jährige ist nicht nur für die Medien ein rotes Tuch, sondern vor allem bei den jüngeren Spielern unten durch. Bis zum bitteren Ende hatte Advocaat im Zweifelsfall immer seinen Routiniers vertraut und beim 1:2 gegen Portugal eine im Durchschnitt fast 30 Jahre alte Oldie-Truppe aufgeboten.

"Ich klage den Trainer an, dass ich keine Minute gespielt habe", wetterte deshalb Hollands Rekordtorschütze Patrick Kluivert, der als einziger Feldspieler zu keinem EM-Einsatz kam. Auch Ajax Amsterdams Mittelfeld-Juwel Rafael van der Vaart ließ seinem Frust freien Lauf. "Für mich war das Turnier eine große Enttäuschung, weil ich nur einmal gespielt habe", sagte der 21-Jährige und prophezeite: "Es wird jetzt einen Generationenwechsel geben."

Die Rücktrittswelle setzt ein

Der ist unvermeidlich, die Rücktrittswelle setzte sich noch in Portugal in Gang. Kapitän Frank de Boer (34), der wegen einer Knöchelverletzung auf Krücken das EM-Aus mit ansehen musste, sowie Abwehr-Hühne Jaap Stam (31) und der nach der Ausmusterung vom FC Barcelona nach einem neuen Arbeitgeber suchende Marc Overmars (31) stehen der Oranje-Auswahl künftig nicht mehr zur Verfügung. Andere denken über einen Rücktritt nach oder stehen zwangsläufig vor der Ausmusterung durch Advocaats Nachfolger: Dazu gehören Paul Bosvelt (34), Philip Cocu (33), Michael Reiziger (31) oder Stürmer Pierre van Hooijdonk (34), der nicht den ersten Schritt machen will: "Man tritt vom Fußball zurück, nicht aus der Nationalmannschaft." Auch Keeper Edwin van der Sar (33) will sein Tor nicht freiwillig räumen.

"Es ist eine verlorene Generation", urteilte Altmeister Johan Cruyff über seine Erben, die in der Tat mit leeren Händen abtreten. Wie schon bei den EM-Endrunden 1992 und 2000 sowie der WM 1998 war im Halbfinale das Ende. "Heute war das erste Mal, dass wir das Endspiel auch nicht verdient hatten", übte de Boer Selbstkritik. Die war Ruud van Nistelrooy dagegen fremd. Der Torjäger von Manchester United, von Abwehr-Ass Jorge Andrade praktisch abgemeldet, stempelte stattdessen Schiedsrichter Anders Frisk zum Sündenbock, der an der Niederlage aber nicht schuld war. "Der war ein richtiger Heim-Schiedsrichter. Im Zweifelsfall hat der immer für die Portugiesen gepfiffen", schimpfte er auf den Schweden, den auch Cruyff mit deftigem Vokabular bedachte. Frisk sei ein "Miststück erster Klasse", urteilte er im Fernsehen.

Oliver Hartmann und Gerd Münster/DPA / DPA

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