Enke-Nachfolger Florian Fromlowitz "Ich weiß, er schaut von oben zu"


Auf dem Weg zurück in die Normalität bei Hannover 96 muss Florian Fromlowitz eine Aufgabe bewältigen, die unfassbar erscheint: Er ist derjenige, der statt Robert Enke im Tor stehen wird. Wer ist dieser junge Keeper aus Kaiserslautern?
Von Frank Hellmann, Hannover

Es ist der Ball, der am Samstag auf Schalke rollen wird. Weiß mit blauen Punkten. Ist irgendwie ein krasser Kontrast zu dem hellgrünen Jersey, das Florian Fromlowitz in diesen trüben Novembertagen trägt. Aber ist es nicht ein gutes Zeichen, dass der Torhüter, den ab sofort die Leerstelle des verstorbenen Torwarts Robert Enke füllen muss, beinahe jeden Ball sicher fängt, dem ihm Jörg Sievers auf die Handschuhe schmettert?

Fromlowitz und Sievers, der Torwarttrainer bei Hannover 96 machen das, was eine Profimannschaft vor dem nächsten Bundesligaspiel tun muss. Trainieren. Und funktionieren. Welch perfekte Maskerade.

"Wieder Ordnung, wieder Ordnung", ruft Fromlowitz im Trainingsspiel. Und: "Fuß vor, super Ball, komm’ Rosi!" Die Kommandos klingen klar, da will und muss sich einer schon in den Übungseinheiten Gehör verschaffen. 50 Augenpaare am grünen Stahlzaun, an dessen Eingang durchnässte rote Rosen hängen, sind vor allem auf ihn gerichtet. Wie schultert diese junge Tormann nur die unmenschliche Last?

Indem er sich den Tunnelblick zulegt. Nach dem Training tritt Fromlowitz vor die Mikrofone und Kameras. "Die Mannschaft hat den Schock und die Trauer hinter sich gebracht. Es muss weitergehen. Wir können wieder lachen. Und uns dem Sport widmen, den auch Robert so geliebt hat."

"Für mich war er wie ein Lehrer"

Fromlowitz, 23 Jahre, Rückennummer 27, muss den Torwart Enke ersetzen, dessen Nummer eins womöglich bei Hannover 96 nie mehr vergeben wird. Den Torwart ersetzen. Allein das. So wie er es seit 2008 in 16 Bundesligaspielen teils sehr überzeugend gemacht hat. Fromlowitz war nicht in die Erkrankung Enkes eingeweiht.

Nun beteuert er: "Für mich war er wie ein Lehrer. Wir haben nicht viel geredet, aber ich habe viel von ihm gelernt. Ich habe keinen Konkurrenten, sondern einen Freund verloren." Was auffällt in den ersten Trainingseinheiten und dem schwierigen Weg zurück in die Normalität: Sievers, den Fromlowitz nur "Colt" nennt, wirkt besonders nachdenklich.

Wenn er beim Abschlussspielchen aufs Abseits aufpassen soll, scheint er fast geistesabwesend. Er, der vor Enke als die 96-Ikone zwischen den Pfosten galt, redet vor dem Torwarttraining, zu dem auch Morten Jensen (22) gehört, jeweils lange mit Fromlowitz. Die Auslöser der Fotografen klicken im Sekundentakt. Sievers und Fromlowitz hatten im Alltag am meisten mit dem Verstorbenen zu tun.

"Ich spiele auch für Robert"

Der eine feuert nun die Bälle aufs Tor, der andere fliegt, fängt und faustet. Fromlowitz wirkt konzentriert und fokussiert. "Robert wird immer die Eins sein. Ich spiele auch für Robert – ich weiß, er schaut von oben zu", sagt er nun. Wie er sich artikuliert, wie er sich gibt, wie er auftritt – der zweifelt nicht daran, dass Fromlowitz die Herkulesaufgabe bewältigt. Aber wie viel davon ist Maskerade?

Die Frage nach Angst? Fromlowitz: "Auf gar keinen Fall. Ich habe viele Drucksituationen erlebt. Wir müssen das ausblenden und wir werden das schaffen." Nur: Was hatte Pfarrer Heinrich Plochg am Sonntag bei der bewegenden Trauerfeier für den Selbstmörder gesagt? "Die nächsten Spiele und Trainingseinheiten werden nicht leicht sein – ganz besonders für den Spieler, der zwischen den Pfosten steht."

Fromlowitz kommt aus der Ehrmann-Schule

Fromlowitz ist ein echter Pfälzer, geboren in Kaiserslautern, ab dem sechsten Lebensjahr beim FCK, ab der D-Jugend von Gerald Ehrmann trainiert. Einer aus Tarzans Torwartschule, wie es so schön heißt – genau wie seine Kollegen Tim Wiese oder Roman Weidenfeller.

Ehrmann, immer noch Torwartausbilder des 1. FC Kaiserslautern, sei bis heute Ansprechpartner und Vertrauensperson, sagt Fromlowitz, "eine Mischung aus Vaterfigur und Freund." Es ist kein Zufall, dass er nach dem Suizid seines vertrauten und doch so entfremdeten Ballfänger-Kollegen erst einmal in die Heimat fuhr. Um bei der Familie und Freundin Helene zu sein, aber auch um sich mit Ehrmann auszutauschen. Und Kraft zu tanken.

Einer von Gerrys Grundsätzen lautet: "Sieger zweifeln nicht, und Zweifler siegen nicht." Fromlowitz beschritt zuletzt – auch auf Anraten von 96-Torwarttrainer Jörg Sievers – die goldene Ehrmann-Enke-Mitte und schaute sich vom Nationaltorwart in anderthalb gemeinsamen Jahren einiges ab. "Ich habe von Robert die Ruhe und die Souveränität gelernt, ohne meinen Stil zu verändern", erklärt er.

"Für Florian wird es am allerschwierigsten"

Wie die beiden sich schätzten und wie unterschiedlich doch die Torhüter tickten, wird an der Episode deutlich, als Fromlowitz von der U 21-EM heimkehrte und Enke ihm diesen Sommer gratulierte. "Schön als Europameister einen Glückwunsch vom Vize-Europameister zu bekommen." War natürlich nur als Spaß gemeint, aber der eine war halt eher introvertiert, der andere ist eher extrovertiert. Es könnte ein kleiner Vorteil, dass Fromlowitz diese Saison schon sechs Bundesligaspiele bestritten hat – genauso viele wie Enke und eigentlich auch fast genauso gut.

Gleichwohl glaubt Klubpatron Martin Kind: "Für Florian wird es am allerschwierigsten." Fromlowitz aber insistiert mit einem unsichtbaren Schutzschild um sich, dass er sich die Worte des Seelsorgers Michael Hartlieb zwar angehört habe, aber keinen Psychologen konsultiert habe Auch sein Manager Michael Serr, ebenfalls ein Ex-Keeper, erklärt, dass Fromlowitz kein "spezielles Programm" benötige. Weil er glaubt: "Es wäre auch Roberts Wunsch gewesen, dass wir am Samstag wieder gegen Schalke spielen."


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