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Champions League Als eine Cola-Büchse Gladbach die große Sensation gegen Inter Mailand verdarb

Günther Netzer während des Büchsenwurfspiels
Günther Netzer während des legendären Büchsenwurfspiels zwischen Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand im Oktober 1971. Im Hintergrund Schiedsrichter Dorpmans, der die Büchse als Souvenir mitnahm.
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Wenn Gladbach heute auf Inter Mailand trifft, geht das nicht, ohne dass Erinnerungen wach werden. An eines der ungewöhnlichsten Europacup-Spiele überhaupt. Vor 49 Jahren ereignete sich nicht nur eine Fußball-Sensation, eine Cola-Büchse spielte eine entscheidende Rolle.

Es gibt Sachen, über die wächst einfach kein Gras. Das Europacup-Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand vom 20. Oktober 1971 gehört dazu. Wenn an diesem Mittwoch die beiden Clubs in der Champions League wieder aufeinander treffen, ist das Geschehen von vor 49 Jahren unvergessen. Die Erinnerung an eines der skurrilsten Europapokal-Matches überhaupt "ist natürlich immer noch voll präsent. Da würde ich lügen, wenn ich was anderes behaupten würde. Das wird auch mein ganzes Leben lang so bleiben".

Der, der das sagt, heißt Rainer Bonhof. Der 68-Jährige ist heute Vize-Präsident des Bundesligisten vom Niederrhein, gehörte 1974 zum deutschen Weltmeisterteam und ist einer der ganz großen Spieler, die die Borussia hervorgebracht hat. 1971 war Bonhof der 19-jährige Youngster in der Mannschaft, die sich als Fohlen-Elf einen Namen machte. Angeführt von Günther Netzer, Berti Vogts und Jupp Heynckes waren die Gladbacher zur zweiten Meisterschaft gestürmt. Nun wollte die Truppe aus der Provinzstadt auch in Europa für Furore sorgen. Und das sollte auch so kommen, wenn auch ganz anders als gedacht.

Gladbacher Underdogs vermöbeln die Inter-Stars

Als im Oktober 1971 Inter Mailand als Gast ins Bökelbergstadion kam, war das ein Treffen David gegen Goliath. Inter war ein europäischer Gigant, was sollten die kleinen Gladbacher gegen Weltstars wie Mazzola, Facchetti oder Boninsegna schon ausrichten? Die Italiener nahmen das Team aus der für sie unaussprechlichen Stadt offenbar kein bisschen ernst. Meistertrainer Hennes Weisweiler ließ die Fohlen los - und die überrannten das Star-Ensemble nach Belieben. Schon zur Halbzeit stand es 5:1 für die Gladbacher, der junge Günther Netzer, der "Rebell am Ball", zeigte sein ganzes Können, am Ende stand ein unfassbares 7:1.

Gleich nach dem rauschenden Fußballfest war eine Szene des Spiels schon fast in Vergessenheit geraten. Mitte der ersten Halbzeit lag der Mailänder Roberto Boninsgena, der in der 19. Minute noch das zwischenzeitliche 1:1 erzielt hatte, auf dem feucht-kalten Rasen des Bökelbergs - niedergestreckt von einer Cola-Dose, die aus dem Publikum geworfen worden war. Der Arzt der Italiener ahnte offenbar, was auf seine Mannschaft zukommen sollte, reagierte geistesgegenwärtig, Boninsegna blieb "bewusstlos" liegen und ließ sich schließlich vom Doktor in die Kabine bringen. Inter nutzte die Chance, gegen die Wertung des Spiels zu protestieren, und die 1:7-Blamage aus den Annalen zu tilgen.

Die Cola-Dose ist zurück in Gladbach

In und um Gladbach wollte man in den Tagen danach natürlich nicht wahrhaben, dass der grandiose Sensationssieg nicht zählen sollte. Stattdessen solle Boninsegna für seine schauspielerische Leistung doch einen Oscar bekommen, lästerte man. Geschichten wurden erzählt, dass ein Fan sich vom neben sich fahrenden Auto aus mit Cola-Dosen habe bewerfen lassen, um zu beweisen, dass man nicht bewusstlos werden könne, wenn man davon getroffen werde. Es nutzte nichts. Ein Arzt stellte bei Boninsegna eine durch den Dosentreffer verursachte schwere Prellung fest, die Uefa annullierte das Spiel, belegte Gladbach mit Geldstrafe und Platzsperre, das Rückspiel in Mailand ging 2:4 verloren und das Wiederholungsmatch im weit entfernten Berliner Olympiastadion endete 0:0. Gladbach war ausgeschieden.

Cola-Dose im Museum Fohlenwelt von Borussia Mönchengladbach
Die Cola-Dose, die die Europacup-Sensation zunichte machen, ist jetzt im Museum Fohlenwelt von Borussia Mönchengladbach zu sehen
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Das 7:1 wurde trotzdem zur Legende - zu begeisternd war das Spiel der Borussen. Es ging als "Büchsenwurfspiel" respektive als "La Partita della Lattina" in die Fußballgeschichte ein. Und es hatte sogar noch ein sehr spätes Nachspiel. Denn das Corpus Delikti, die Cola-Büchse von 1971 - es gibt sie noch. Der niederländische Schiedsrichter hatte die Getränkedose seinerzeit als Erinnerung an dieses besondere Spiel mitgenommen. Viele Jahre bewahrte sein Heimatverein, Vitesse Arnheim, die berühmte Büchse auf. Aus Anlass des 40. Jahrestages des Büchsenwurfspiels fand sie den Weg zurück nach Mönchengladbach. Im Juni 2012 wurde sie feierlich dem Borussia-Vorstand überreicht. "Ich glaube, dass sie für den Verein viel, viel mehr wert ist als für mich", war auch Dorpmans sehr damit einverstanden, dass das Stück Blech mit dem berühmten Aufdruck nun ein Museumsstück ist - zu bewundern im vereinseigenen Museum "Fohlenwelt".

mit Material von DPA

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