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FC Bayern in der Champions League: Nie mehr "Schweini"

Ribéry fummelt im Puff, Robben schießt tolle Tore, aber die spektakulärste Entwicklung beim FC Bayern nimmt Bastian Schweinsteiger. Er ist jetzt erwachsen - und heiß umworben. Am Abend im Champions-League-Halbfinale in Lyon muss er beweisen, dass er ein großer Spieler ist.

Von Thomas Becker

Es war einer dieser lausig kalten Novemberabende im Münchner Olympiastadion. Das letzte, bedeutungslose Gruppenspiel der Champions-League-Saison 2002/03. Der FC Bayern hatte wie sein Gegner an diesem Abend, der RC Lens, längst die Qualifikation für die nächste Runde verpasst, sodass sich Trainer Ottmar Hitzfeld zu einem Experiment hinreißen ließ. In der 76. Minute holte er Mehmet Scholl vom Feld und brachte einen nur den Fans der Bayern-Reserve bekannten 18-jährigen Blondling, dessen Namen man durch den Lautsprecher kaum verstand. Der Jüngling führte sich prima ein: Vernaschte an der rechten Seitenlinie Kameruns Rekordnationalspieler Rigobert Song, dass es nur so eine Freude war. Nach der Partie ließ man sich den Namen noch mal genau buchstabieren: Bastian Schweinsteiger.

Viele wechselhafte Jahre später war Fußballdeutschland wieder voll des Lobes über ihn. Der DFB-Sportdirektor Matthias Sammer meinte gar: "Ich sehe Bastian Schweinsteiger bereits auf internationalem Spitzenniveau." Der Münchner könne sogar einmal Michael Ballack nach dessen Karriereende als Leitfigur ersetzen: "Er ist in der Lage, der Nationalmannschaft in Zukunft einen Stempel aufzudrücken. Ich sehe nicht nur eine enorme Entwicklung seiner sportlichen Leistungen", lobte Sammer auch die Persönlichkeitsentwicklung Schweinsteigers.

Es war ein langer Weg bis zu diesen warmen Worten. Wenn der FC Bayern am Dienstag bei Olympique Lyon um den Einzug ins Champions-League-Finale kämpft, ist Schweinsteiger nicht nur dabei, sondern mittendrin. Er ist eine schwer verzichtbare Größe im Zentrum des Bayern-Spiels. In der Bundesligapartie gegen Borussia Mönchengladbach hatte er die meisten Ballkontakte: 119. Gladbachs Bester kam gerade mal auf 52.

Schweinsteiger hat seine Mitte gefunden

So geht das mit Schweinsteiger schon seit Wochen. Unübersehbar wurde seine gewachsene Präsenz in den letzten beiden Partien, als Kapitän Mark van Bommel wegen Gelbsperren fehlte und Schweinsteiger wie selbstverständlich die Kontrolle über das Spiel an sich riss. Vorbei die Zeiten an der rechten oder linken Seitenlinie, wo sein Können sich nur selten entfaltete. Mit Louis van Gaals Königsrochade - Schweinsteiger neben Mark van Bommel auf die Doppelsechs - scheint auch der Spieler selbst seine Mitte gefunden zu haben. Man sieht es ihm sogar an: Er hat die Haare nicht mehr schön. Sondern: schön kurz und zweckmäßig.

Die Frisur von Schweinsteiger war in der Tat ziemlich lange Bestandteil der Berichterstattung über Schweinsteiger. Der Bash Club in Münchens Sendlingerstraße fand sich so oft in der Sportpresse wieder wie sonst kein Friseurladen in der Republik. Bei Schweinsteiger gesellten sich diese und ähnlich halbseidene Schlagzeilen (juristischer Ärger mit Beratern sowie ein nächtliches Bad im FC-Bayern-Whirlpool samt Damenbegleitung) zu denen auf dem Fußballplatz. Talent: klar, aber große Karriere? Uli Hoeneß wusch ihm mehr als einmal den Kopf. Dann kam das Sommermärchen mit Poldi & Schweini als Prinzenpaar. Danach der Katzenjammer: Poldi versank, Schweini stagnierte. Als sich ihre Wege trennten, bedauerte das keiner mehr.

Oliver Kahn versuchte sich teamintern lange als Ersatzerzieher. Heute schwärmt er: "Was mich an Bastian schon immer fasziniert hat: Er war einfach ein guter Junge mit einem tollen Charakter. Jemand, der besser werden wollte. Was noch fehlt, ist, dass er noch torgefährlicher agiert. Aber die Saison, die er spielt, ist erste Sahne!"

Real Madrid und der FC Chelsea zeigen Interesse

Das hat Kahn nicht exklusiv. Angeblich zeigt Real Madrid Interesse. Allerdings schreckt die "Königlichen" die hohe Ablösesumme - die Bayern wollen angeblich mindestens 60 Mio. Euro. Die Sportzeitung "AS" wiederum will wissen, dass Real die Spieler Mahamadou Diarra und Rafael van der Vaart als Dreingabe mitgeben will, um die Ablösesumme zu drücken. Schon im März drang das Interesse des FC Chelsea nach Deutschland. Schweinsteiger sagte: "Heutzutage ist vieles möglich. Was in England sehr interessant ist, ist die Atmosphäre im Stadion." Doch schon im nächsten Satz fing er sich sozusagen selbst wieder ein: "Aber ich habe bei Bayern einen Vertrag bis 2012. Deswegen gehe ich davon aus, dass ich hier weiter spielen werde."

Schweinsteiger wäre schlecht beraten, zu diesem Zeitpunkt die Bayern zu verlassen. Die Tage von van Bommel und Ballack dürften gezählt sein, und dann fällt ihm die Chefrolle fast automatisch zu. Schon jetzt, mit 25, hat er bereits 73 Länderspiele absolviert. In Krawatte und Klubanzug sagte er am Montag vor dem Lyon-Spiel staatstragend: "Unsere Stärke ist unser Wille." Er hätte auch "meine Stärke" sagen können.

Die charakterliche Festigung des Mannes, der nicht mehr "Schweini" sein will, wird fortschreiten. Die Liaison mit dem Model Sarah Brandner erweist sich seit drei Jahren als dauerhaft, und den roten Partyteppich brauchen die beiden auch nicht mehr so oft. Und wenn doch, dann darf er auch mal wieder die Haare schön haben.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

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