FC Bayern München Ein Sieg, "auch für den Trainer"


Nach dem deutlichen 5:1-Sieg der Bayern über Hannover 96 scheint der stärkste Druck zunächst von den Schultern Jürgen Klinsmanns genommen zu sein. Viele Bayern-Spieler sagten, auch für ihren Coach gewonnen zu haben. Doch die Diskussionen sind längst nicht zu Ende.
Von Michael Neudecker, München

Fußballer bekommen Rhetorikschulungen, das ist kein Geheimnis, sie lernen dabei den korrekten und andauernden Gebrauch von Floskeln, aber auch, wie in Krisenzeiten der Sprachgebrauch gegenseitig anzupassen ist. Einigkeit demonstrieren, Zusammenhalt, das ist in schlechten Zeiten wichtig. Und weil der FC Bayern gerade eine ziemlich miese Zeit durchmacht, ist die Angleichung des Vokabulars gerade ganz besonders deutlich, so auch am Samstagabend, nach dem Spiel gegen Hannover 96. "Wir müssen jetzt nachlegen", sagte Trainer Jürgen Klinsmann. "Wir sollten jetzt nachlegen", sagte Manager Uli Hoeneß. Und Torwart Michael Rensing ergänzte, man müsse nun "zusehen, dass wir nachlegen". Es war eine beeindruckend einträchtige Vorstellung der Bayern im Nachspiel, in den Katakomben der Münchner Arena.

Die Vorstellung davor war allerdings auch beachtlich: Es war ja zu erwarten, dass diese Partie eher kein müdes 0:0 werden würde, schließlich hatte der FC Bayern noch in keinem Heimspiel dieser Saison ein Zu-null geschafft und war mit Hannover die Mannschaft mit den zweitmeisten Gegentoren der Liga angereist. Es fielen dann sechs Tore, München gewann 5:1.

Zwar war Hannovers Jiri Stajner nach 15 Minuten das etwas überraschende 1:0 gelungen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass Hannover in der Defensive zwar den Nationaltorhüter Robert Enke hat, aber sonst, nun, sonst eigentlich niemanden. Die abwesende Abwehr Hannovers machte es den Münchnern einfach, Tor um Tor zu erzielen, was nacheinander Daniel van Buyten (20.), Miroslav Klose (25.), Hamit Altintop (34.), Lukas Podolski (73.) und Martin Demichelis (89.) ausnutzten. Und jedes Mal jubelte und sprang und schrie Jürgen Klinsmann ein bisschen mehr.

Schlüsselspiel für den Trainer

Für ihn, den Trainer, war diese Partie zu einer Art Schlüsselspiel geworden: Weil der FC Bayern schon in der gesamten Saison, aber besonders in der Rückrunde einfach nicht zu dem FC Bayern werden will, den der Vereinsvorstand und die Fans sehen wollen, stand zu befürchten, dass Klinsmann im Falle einer erneuten Niederlage sein Projekt an der Säbener Straße vorzeitig abbrechen muss. So ist es wohl zu verstehen, wenn Michael Rensing nach dem Spiel sagt: "Ich bin froh, für ihn und für uns, dass wir gewonnen haben." Dann fügte er an: "Ich für meine Person stehe voll und ganz hinter dem Trainer."

Ob andere Personen das anders sehen, wollte er nicht mehr sagen, ebenso wenig, was genau denn nun bei jener Mannschaftssitzung besprochen worden war, die ein paar Tage vor dem Spiel stattgefunden hatte, wie wenige Minuten zuvor Verteidiger Daniel van Buyten verraten hatte. "Ach", antwortete Rensing und grinste schelmisch, "das ist schon so lange her, das weiß ich gar nicht mehr."

Nach der Niederlage gegen Leverkusen hatte zudem Manager Uli Hoeneß eine Ansprache vor der Mannschaft gehalten, Hoeneß wird dabei deutliche Worte gefunden haben. "Wir waren heute noch konzentrierter als sonst", stellte van Buyten fest.

Der daraus resultierende Sieg war auch ein Sieg für den Trainer: Weil die Münchner nun in der Tabelle punktgleich mit Hoffenheim Dritter sind, sind weitere Diskussionen um Klinsmann vorerst vertagt. Wie lange, das allerdings ist ungewiss - von einer Wende jedenfalls mochte am Samstagabend niemand sprechen. "Ob dies das Ende der Diskussionen war, das werden wir in den kommenden Wochen sehen", sagte etwa Torwart Rensing.

"Wir sagen jetzt gar nichts mehr"

Uli Hoeneß wurde dann noch gefragt, ob er sagen könne, dass Jürgen Klinsmann auch am 34. Spieltag noch auf der Trainerbank des FC Bayern sitze, und Hoeneß antwortete: "Wir sagen jetzt gar nichts mehr. Wir schauen nur von Spiel zu Spiel, wir schauen, dass wir den Abstand nach oben kontinuierlich verkleinern." Bedingungslos hinter dem Trainer stehen klingt anders.

Aber Hoeneß wäre auch unglaubwürdig geworden, hätte er nach diesem Spiel Lobeshymnen auf den Trainer angestimmt. Schließlich hat auch er nicht übersehen, dass die beiden hohen Siege gegen Lissabon (5:0) und nun gegen Hannover zwar zum einen durchaus anerkennenswert, andererseits aber eben auch dank allzu schwacher Gegner zustande gekommen sind. Daniel van Buyten, zuletzt im Konflikt mit Klinsmann, unterstrich zwar, sein Tor "auch für den Trainer" erzielt zu haben, aber in Wahrheit waren es vor allem Lissabon und Hannover, die Jürgen Klinsmann in der Krise zu Hilfe kamen.

Am Dienstagabend steht bereits das nächste Spiel auf dem FC-Bayern-Kalender (ohne Hamit Altintop, der sich gegen Hannover wohl einen Muskelfaserriss zuzog) - die nächste Gelegenheit für Klinsmann, Argumente für seine Art der Projektführung zu sammeln. Dienstagabend ist das Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales: gegen Sporting Lissabon.


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