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Bayern verschenkt Sieg gegen Turin: Nur 60 Minuten überragend: Bayerns verpasster K. o.

Nach dem unnötigen 2:2 im Champions-League-Spiel bei Juventus Turin bemüht man sich beim FC Bayern München um Zufriedenheit. Dabei kann ein Gegentor im Rückspiel jetzt die Saison zerstören.

Von Felix Hutt, Turin

FC Bayern München gegen Juventus Turin: Pep Guardiola (r.) mit seinem Assistenten Domenec Torrent

Ein Aus gegen Juventus Turin und seine Zeit beim FC Bayern München bliebe ungekrönt:: Pep Guardiola (r.) mit seinem Assistenten Domenec Torrent.

Philipp Lahm kam als erster nach dem Spiel in die Mixed Zone. Die Haare geföhnt, in der einen Hand eine Tüte, die andere in der Hosentasche, an den Füßen die neuesten Yeezy-Sneaker, gestaltet von Kanye West. Lahm wirkte so entspannt, als habe er gerade die Juventus-Turin-Erlebniswelt besucht, und nicht in seinem 100. Champions-League-Spiel eines der bittersten Unentschieden seiner Karriere über sich ergehen lassen müssen. An ihm allein lag es nicht, an ihm liegt es selten, aber das würde er natürlich nie sagen.

Stattdessen sagte Lahm, was man als Kapitän in so einer Situation sagen muss. Selbstverständlich seien die zwei Gegentore unnötig gewesen, aber man habe trotzdem eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel. Außerdem habe man gegen einen großen Gegner gespielt, der 15 Mal in Folge nicht verloren hat. Und schuld an den Gegentoren habe nicht einer (Kimmich), sondern da habe die ganze Mannschaft schlecht verteidigt. Stimmt wahrscheinlich alles, dennoch mutet das Unentschieden an wie ein Boxkampf, bei dem der eine Gegner schon auf den Brettern lag und nur dank seines zaghaften Kontrahenten nun wieder aufrecht im Ring steht. Juventus Turin wäre nicht die erste italienische Mannschaft, die auswärts ein Tor erzielt und das dann über die Runden mauert. Die Bayern muss es zudem schmerzen, eine der besten taktischen Leistungen unter Pep Guardiola nicht mit einem Sieg gekrönt zu haben.


FC Bayern München griff früh an und dominierte

Guardiola setzte Xabi Alonso auf die Bank und brachte Arturo Vidal. Der Chilene habe ihn in den letzten zwei Partien überzeugt, er sei physisch stark und kenne die Atmosphäre aus seiner Zeit bei Juventus, sagte Guardiola hinterher. Vidal spielte gut, alle Bayern spielten anfangs gut. Guardiola wollte die Italiener von seiner Zwergenabwehr fernhalten, das gelang. Die Bayern griffen Juventus früh an, hielten sie in ihrer eigenen Hälfte, dominierten sie. Aus Mangel an Alternativen wählte Juventus die Taktik, mit der der FC Chelsea 2012 in München die Champions League gewonnen hatte: Beton, Konter, Beton.

Aber damit kamen sie nicht weit. Müller hatte bald eine Groß-Chance, die er normalerweise in den Reitstiefeln seiner Frau Lisa versenkt. Dafür traf er in der 43. Minute. Nach der Halbzeit belohnte sich Arjen Robben für eine grandiose Leistung mit einem Arjen-Robben-Tor. Ruhe im Juventus-Stadion. Dann kam, was Guardiola später eine "schlechte Episode" nannte. In 13 Minuten schenkte Bayern die Führung her, erst Paulo Dybala und dann Stefano Sturaro trafen. Das Stadion, eine wunderbare Fußball-Arena mit steilen Rängen und leidenschaftlichen Fans sehr dicht am Geschehen, tobte. Ein Spektakel für die Tifosi, ein Albtraum für Pep Guardiola. Nichts hasst er so sehr wie Kontrollverlust.

Kurzer Einblick in Guardiolas Seelenleben

Auch er versuchte nach dem Spiel, die Bedeutung des Unentschieden herunterzureden. Er lobte seine Mannschaft, den Gegner, die Juventus-Historie. Nur direkt nach dem Abpfiff gewährte er einen kurzen Einblick in sein Seelenleben, als er sich verärgert auf den Oberschenkel schlug. Guardiola ist ein Perfektionist, ein Großmeister, der seine Figuren optimal angeordnet hatte, obwohl ihm hinten eine Dame fehlte, ein Innenverteidiger von der Statur und Klasse eines Jerome Boateng. Er ist mit einem großen Handicap in die Partie gegangen und hat sie trotzdem bestimmt, am Ende ohne Belohnung.

Seit Bekanntwerden seines Abschieds wird Guardiola ständig gefragt, ob seine Zeit bei Bayern München eine erfolgreiche gewesen sein könne, ohne Champions-League-Sieg. Er verzieht dann immer seinen Mund, wird sauer, will das aber nicht zeigen. Die Champions League sei ihm nicht so wichtig, auf die konstanten Leistungen in der Bundesliga sei er am meisten stolz. Glück sei für ihn seine Familie, sagte Guardiola am Abend vor dem Spiel in Turin, er brauche den Champions-League-Sieg nicht um glücklich zu sein.

Aber beim FC Bayern München kumuliert alles in Spielen wie diesem gegen Juventus Turin. Man will auf der Weltbühne gegen die Besten gewinnen, zu einseitig ist der Ligaalltag, zu gewöhnlich eine Meisterschaft für die verwöhnten Fans. Ein Aus gegen Juventus Turin und die Saison wäre eine zum Vergessen, die Zeit von Guardiola beim FC Bayern München eine ungekrönte. Und auch wenn Guardiola das anders sieht: Er will das unbedingt verhindern.

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