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Eröffnungsspiel Ein Publikum auf Klassenfahrt


Es war nett und putzig, aber Atmosphäre fehlte. Der Auftakt in Berlin zeigt, dass die Frauen-WM eher den Charakter von Picknick oder Klassenausflug als den eines Fußballfestes hat.
Von Alexandra Kraft und Klaus Bellstedt, Berlin

Die Eröffnungsfeier der Männer-WM 2006 war ein gigantisches Fest. Mit Superstars wie Pele oder Claudia Schiffer. Die Berliner Band "Seed" rockte das Stadion. Die Eröffnungsfeier der Frauen-WM wirkte dagegen kläglich. Wie die Eröffnung eines Turnfestes. Stars Fehlanzeige. Stattdessen tanzten ein paar Jugendliche zu lustiger Musik vom Tonband auf dem Feld und der angrenzenden Tartanbahn. Und gegen Ende kurvten noch ein paar Erwachsene auf Segways, eine Art Elektroroller, um den Mittelkreis. Was das mit Fußball zu tun hat? Weiß der DFB. Vielleicht war es einfach nur ein ungewollt ironischer Ausblick auf die WM 2033, wenn die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland dramatisch angestiegen sein wird.

So enttäuschend die Feier, so ernüchternd für Fußball-Fans die Stimmung auf den Berliner Rängen. Sicher, es wurde gejubelt, auch an den richtigen Stellen. Aber die Begeisterung fehlte. Wo bei den Männern tausende Fans im Chor singen und für Gänsehaustimmung sorgen, reichte es beim ersten Spiel der Gastgeber nur für ein müdes wie stupides "Deutschland, Deutschland". Bei der Nationalhymne war das Publikum fast so stumm wie Stürmerin Birgit Prinz, nur dass die sich auf das Spiel konzentrieren wollte. Während der 90 Minuten gegen Kanada dann prägten Familien, Frauengruppen und Mädchen auf Klassenausflug die Stimmung. Das ist sicher das Publikum, das der DFB für den Frauenfußball gewinnen will. Nur ist es eben halt kein Publikum, das für die großen Fußballmomente auf den Rängen sorgt - sondern eher für Atmosphäre wie auf Leichtathletikfesten.

Immer wieder Stille

Immer wieder gab es Phasen totaler Stille. Auf der Pressetribüne waren gar die Kommandos von Bundestrainerin Silvia Neid zu hören. Doch wo soll die Support-Kultur auch herkommen? Der Frauenfußball hat in Deutschland keine Fantradition. Bei Bundesligaspielen schauen im Schnitt etwa 900 Menschen zu. Zu den Experten in Sachen Frauenfußball kann sich also in Deutschland nur ein kleines Häuflein zählen. Kein Wunder also, wenn es auf den Rängen zu Szenen wie dieser kommt: "Da haben wir es den US-Mädels aber gezeigt", sagt ein Familienvater zu seiner Frau - nach dem Spiel gegen Kanada. Auch pfiffen die Zuschauer teilweise an vollkommen unangebrachten Stellen.

Nach dem Spiel ging es fröhlich und gelassen zu. Von großer Fußballparty allerdings keine Spur. Gleich nach Abpfiff setzt die große Massenflucht aus dem Olympiastadion ein. Beobachter rieben sich verwundert die Augen, wie schnell sich eine Versammlung von mehr als 70.000 Menschen auflösen kann. Und an den Ausgängen: keine Gesänge, aber auch kein Gedränge. Picknick-Stimmung beim Fußball - die Frauen-WM macht es möglich. Und in der Stadt? Ob Heerstraße in der Nähe vom Stadion, Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor oder Potsdamer Platz - keine Spur von Sommermärchen, von Fußballfest, von Freudentaumel. Dabei war's die einzige Chance für die Haupstadt. Die WM-Karawane machte nur für ein Spiel Station in Berlin. Nächste deutsche Sommermärchenstunde: Donnerstag in Frankfurt.


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