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WM-Auftakt des DFB-Teams: Sommer ja, Märchen nein

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft hat ihr WM-Auftaktmatch gegen Kanada mit 2:1 gewonnen. Das Ergebnis stimmte, mehr aber nicht. So wird es schwer mit der Titelverteidigung.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Horst Hrubesch wollte sich auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions gar nicht mehr einkriegen. Das ehemalige Kopfballungeheuer des HSV, beim DFB mittlerweile verantwortlich für die U-19-Nationalmannschaft, klopfte sich auf seine Schenkel und zeigte sichtlich amüsiert immer wieder mit der flachen Hand auf seine Stirn, so als wolle er seinen Sitznachbarn sagen: "Seht her, so wie ich früher, so hat die Garefrekes das eben gemacht." Hrubeschs kleine Jubelarie hatte durchaus seine Berechtigung.

Garefrekes, die nach dem 2:1-Sieg von der Fifa sogar zur Spielerin des Spiels gewählt wurde, hatte das im deutschen WM-Eröffnungsspiel gegen Kanada in der zehnten Minute wirklich ansehnlich gemacht. Vor der Rekordkulisse von beinahe 74.000 Zuschauern stand sie nach einer perfekt getimten Flanke von Babett Peter gefühlte fünf Sekunden in der Luft und wuchtete schließlich den Ball ins Netz. Weil auch die Temperaturen in Berlin am Sonntagabend zur Anstoßzeit endlich schön mollig waren, würde dem Beginn eines neuerlichen Sommermärchens nach diesem Traumstart für die deutsche Mannschaft wohl nichts mehr im Wege stehen – dachten die Zuschauer im Olympiastadion. Sie ließen nach dem Führungstreffer die La-Ola-Welle durch die Arena kreisen. Irgendwie wollte das Familienausflugs-Publikum damit während der gesamten 90 Minuten gar nicht mehr aufhören. Das lag aber nicht am Spiel. Denn das war enttäuschend. Und natürlich lag das vor allem an der deutschen Mannschaft.

Gehemmter Spielfuss


Die wirkte gehemmt von der Kulisse. Den Spielerinnen sah man selbst aus großer Entfernung die Nervosität an, mit dieser derartig großen Aufmerksamkeit ein WM-Eröffnungsspiel im eigenen Land bestreiten zu müssen. Die Lust auf das Match war am Sonntagabend um Punkt 18.03 Uhr zur Last geworden. Nicht mal das Hrubesch-Tor von Kerstin Garefrekes änderte daran etwas. #Link;http://www.stern.de/sport/silvia-neid-90251736t.html;Bundestrainerin Silvia Neid# fasste hinterher gleichsam nüchtern wie treffend zusammen: "Wir haben überhaupt nicht Fußball gespielt." Wohl wahr: Birgit Prinz und ihre Teamkolleginnen vergaßen vor allem das Kombinieren. Sie löffelten die Bälle reihenweise in die Hälfte der Kanadierinnen und liefen der Kugel im Rudel hinterher. Und hinten wackelte der Defensivverbund wiederholt bedenklich. Das war nicht das Spiel, für das Birgit Prinz und Co. normalerweise stehen. Flüssiges Passen, eine gute Raumaufteilung und kaum unnötige Ballverluste: Von all dem war im ersten WM-Spiel der DFB-Frauen nur ansatzweise etwas zu beobachten.

Neid sprach auch von einem "verrückten Spiel". Aber nicht im positiven Sinne. Sie wunderte sich mehr über den Auftritt ihrer Mannschaft: "Wir wollten anders spielen, standen nicht kompakt genug – und haben trotzdem zwei Tore in der ersten Hälfte erzielt." Dass es dazu kommen konnte, lag, apropos verrückt, auch ein bisschen an Silvia Neid selbst. Die Bundestrainerin hatte mit ihrer Aufstellung für ein kleines Erdbeben gesorgt. Sie ließ die erfahrene Sturmführerin Inka Grings zunächst auf der Bank und bot dafür Celia Okoyino da Mbabi auf. Die 22-Jährige dankte es ihrer Trainerin mit dem 2:0 kurz vor der Pause, das sie im Stile einer Klasse-Stürmerin mit viel Übersicht und sehr abgezockt erzielte.

Das Spiel sollte eine Warnung sein


Zwei Tore, zwei Highlights. Aus deutscher Sicht war es das. "Wir müssen uns gewaltig steigern. Es ist noch viel Luft nach oben", bilanzierte Kerstin Garefrekes, die auch die Vorlage zum 2:0 geliefert hatte. Es ist natürlich noch viel zu früh, das Unternehmen Titelverteidigung für die deutschen Fußballfrauen abzuschreiben. Aber der Auftritt gegen die Kanadierinnen, die mit Christine Sinclair, der Torschützin zum 1:2, nur über eine Spielerin von internationalem Format verfügen, sollte allen eine Warnung sein. Im Vorbeigehen ist noch niemand Weltmeister geworden. Da kann das Wetter in den nächsten drei Wochen noch so sommerlich heiß werden. Und das soll es ja.

Bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft läuft vieles noch nicht nach Plan. Damit hat sie übrigens mit dem veranstaltenden Weltfußballverband etwas gemeinsam. Bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Partie verwechselte eine Fifa-Sprecherin coram publico die beiden Trainerinnen. Sie begrüßte Kanadas Caroline Morace sehr herzlich mit den Worten: "Guten Abend und willkommen Frau Neid." Das war peinlich. Da hatte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht. Ganz so schlimm war es bei den deutschen Damen dann doch nicht.

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