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Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 Anstoß ins Ungewisse


Gegen Kanada beginnt für die Frauen-Nationalmannschaft die WM. Alles außer der Finalteilnahme wäre eine Enttäuschung. Ist das Team dem Erwartungsdruck gewachsen?
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Die Frage ist: Halten die Nerven? Wenn am Abend (ab 18 Uhr im stern.de-Liveticker) in Berlin die Frauenfußball-WM mit dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Kanada eröffnet wird, werden 74.000 Zuschauer im Olympiastadion dabei sein. Noch nie haben mehr Fans außerhalb der USA ein Frauenfußballspiel gesehen. Aber die Spitzenkulisse birgt auch ein Risiko in sich. Fast alle Spielerinnen von Bundestrainerin Silvia Neid kennen zwar das Olympiastadion, aber nur von früheren Auftritten beim Pokalfinale im Vorprogramm des Männer-Endspiels. Wenn die Damen in Berlin gekickt haben, waren kaum mehr als 10.000 Zuschauer in der riesigen Betonschüssel anwesend. Jetzt ist alles anders.

"Jetzt kommen alle wegen uns", sagt Birgit Prinz. Deutschlands Rekordnationalspielerin ist dreifache Weltfußballerin, sie ist Doppelweltmeisterin. Aber selbst für sie ist das Ausmaß der Aufmerksamkeit ungewohnt. Trotzdem freut sich Prinz. Andere Teamkolleginnen sind da ängstlicher. Kim Kulig, 21, blickte bei den Proben zur elfminütigen Eröffnungsfeier am Freitag von der Tribüne bereits mit großen Augen auf das Spektakel vor noch leeren Rängen. "Ja krass, oh mein Gott. Und das machen die alles für uns?", fragt die gesetzte Mittelfeldstrategin ungläubig und spricht sich selbst Mut zu. "Wird schon. Das wird uns beflügeln, glaub ich." Richtig überzeugend klingt sie nicht.

Kantige Kanadierinnen

Für die deutsche Frauennationalmannschaft wird die Kunst gegen Kanada vor allem darin bestehen, die Euphorie auf den Rängen in positive Energie umzuwandeln. "Das ganze Spektakel darf nicht zum Hemmnis für die Mädels werden", sagt Silvia Neid. Ihr Team geht bestens gerüstet in das Turnier. Aber es muss nun beweisen, dass es neben der Rekordkulisse auch dem enormen Erwartungsruck gewachsen ist. Deutschland gilt als haushoher Favorit bei diesem Turnier. Für viele scheint der dritte Titelgewinn hintereinander sogar nur Formsache zu sein. Aber wer glaubt, dass die Fußball-WM für die deutschen Frauen ein Selbstläufer wird, liegt falsch.

Schon mit Kanada steht der Mannschaft eine nicht zu unterschätzende Hürde bevor. Die Nordamerikanerinnen sind kantig - und kampfstark. Trainerin Carolina Morace hat ihrer Mannschaft eine europäische Mentalität und Spielweise eingetrichtert. Und dann haben sie mit der schnellen Christine Sinclair auch noch eine der besten Angreiferinnen der Welt in ihren Reihen. Der Topstar der "Big Red" hat eine beeindruckende Bilanz von 116 Toren in 159 Länderspielen vorzuweisen.

Hinten ist alles geregelt

Birgit Prinz und Co. gehen trotzdem als Favoritinnen in das Eröffnungsmatch gegen Kanada. Für die deutsche Mannschaft soll es der erste Schritt auf dem Weg zum ganz großen Coup werden. Bundestrainer Silvia Neid hat eine auf den ersten Blick gute Mischung aus jungen und alten Spielerinnen gefunden. "Wir sind ein Kollektiv mit ganz vielen verschiedenen Charakteren, die wunderbar miteinander harmonieren", beschreibt die erfahrene Mittelfeldspielerin Ariane Hingst die neue Situation in der deutschen Mannschaft, in der die nächste Generation immer mehr in den Fokus drängt. "Ich glaube, im Vergleich zur WM 2007 in China haben sich die jungen Akteurinnen weiterentwickelt. Sie sind auch mutiger geworden."

Hingst (31) spürt das in der Nationalmannschaft selbst. Die sieben Jahre jüngerer Simone Laudehr hat ihr auf der Sechser-Position den Rang als Stammspielerin abgelaufen. Laudehr ist eine von sieben Spielerinnen, die ihren Platz in der Starformation sicher haben. Im Tor (Nadine Angerer), in der Vierer-Abwehrkette (Linda Bresonik, Annika Krahn, Saskia Bartusiak und Babett Peter) sowie auf der Doppelsechs (Simone Laudehr und Kim Kulig) ist alles klar.

Hohe Erwartungen an sich selbst

Vorne wird es spannend. Um die vier Offensivpositionen kämpfen acht Kandidatinnen. Birgit Prinz im offensiven Mittelfeld und Stürmerin Inka Grings mit ihrer geballten Erfahrung werden gegen Kanada wohl anfangen. Aber die Gewinnerin der WM-Vorbereitung, Alexandra Popp, sowie die vielseitige Celia Okoyino da Mbabi stehen als Backups von Prinz und Grings schon bereit. Auf der linken Außenbahn spricht einiges für den Einsatz von Melanie Behringer. Lira Bajramaj bliebe dann nur die Bank. Das Glamour-Girl des deutschen Frauenfußballs wurde im Vorfeld schon als der kommende WM-Star gehandelt. Nun scheint sie diese Erwartung stark zu belasten. "Ihr fehlt im Moment diese Leichtigkeit des Seins", sagt Silvia Neid. Behringers Pendant auf der rechten Seite könnte die torgefährliche und mannschaftsdienliche Kerstin Garefrekes sein.

Die Bundestrainerin hat gerade im Offensivbereich eine viel größere Auswahl als noch vor vier Jahren bei der WM in China. Auch deshalb wäre alles außer der Finalteilnahme für das deutsche Team eine Enttäuschung. Noch dazu, weil die Fußballfrauen mit dem Ziel "3. Titel" die Erwartungen selber sehr hoch gehängt haben. Das lässt sich nun nicht mehr nach unten korrigieren. Aber warum auch? Die letzte Teambuilding-Maßnahme vor dem WM-Start gegen Kanada war jedenfalls ein voller Erfolg. Das Trainerteam schoss eine kleine Rakete in die Luft. "Sie ist gut gestartet", ließ Birgit Prinz wissen. Jetzt müssen nur noch die Spielerinnen zünden.

mit DPA


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