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Die Geschichte des Frauenfußballs: Als Siegprämie ein Kaffeeservice

Dumme Sprüche, kuriose Prämien und scheele Blicke: Es war nicht leicht, Frauenfußball in Deutschland zu etablieren. Ein Rückblick.

Von Frank Hellmann

Hannelore Ratzeburg erinnert sich noch gut an das mulmige Gefühl, das sie damals, vor fast 30 Jahren an einem trüben Novembertag beschlich. "Ich kam aus Hamburg und saß im Zug nach Koblenz. Ich war sehr aufgeregt, denn vor uns stand das erste offizielle Länderspiel der Frauen-Nationalmannschaft", erzählt die 59-Jährige. "Ich wusste: Wenn die Veranstaltung vergeigt wird, haben all die Spötter wieder Oberhand gewonnen." Damals, das war 1982. Frauenfußball wurde bestenfalls ignoriert, im Regelfall verlacht. Doch Ratzeburg, heute als DFB-Vizepräsidentin zuständig für den Frauen- und Mädchenfußball, stieß mit ihren Wünschen beim damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger wenigstens auf ein halboffenes Ohr.

Und so geschah das Historische: Am 10. November 1982 gewann die deutsche Frauennationalelf ihr allererstes Spiel gegen die Schweiz mit 5:1. Zwei Tore steuerte die heutige Bundestrainerin Silvia Neid, 47, bei, die kürzlich sagte: "Früher gab es viele Vorurteile gegen Frauenfußball. Da hieß es: Das sind alles lesbische, dicke Weiber. Es war natürlich früher auch so, dass die Frauen nicht so durchtrainiert waren wie heute: Jetzt sind wir 30 Jahre weiter."

Inzwischen spielen eine Million Mädchen und Frauen in Vereinen Fußball. Deutschland richtet die Weltmeisterschaft aus. Und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach sagt: "Die Frauenfußball-WM ist das Sportereignis des Jahres. Ich bin sehr optimistisch, dass wir im Lande wieder einen Hauch von Sommermärchen hinbekommen."

Porzellan als Prämie

Fortschritt misst sich in einer Leistungsgesellschaft auch am Finanziellen. Als die deutschen Frauen 1989 erstmals Europameister wurden, bekamen sie als Prämie vom DFB ein 40-teiliges Kaffeeservice. Doris Fitschen, heute vielgefragte Nationalmannschaftsmanagerin, damals hochbegabte Abwehrspielerin, hat es daheim im Schrank stehen: "Wir haben das weniger als Prämie, sondern mehr als Geschenk gesehen: Wenn ich das Service anschaue, weiß ich immer, wofür ich es bekommen habe." Damit würden sich Birgit Prinz, Linda Bresonik oder Lira Bajramaj heute nicht abspeisen lassen. Sollten die Deutschen am 17. Juli Weltmeister werden, erhielte jede Spielerin 60.000 Euro plus einen ordentlichen Zuschlag aus den Marketingaktivitäten.

"Der Frauenfußball steht an der Schwelle zum Profitum", sagt Fitschen. Beim 1. FFC Frankfurt, der in Sachen Vermarktung mittlerweile Maßstäbe setzt und zu dem nach der WM die Shootingstars Kim Kulig und Bajramaj wechseln, können die Spielerinnen mittlerweile vom Fußball ihren Lebensunterhalt gut bestreiten. "Davon haben wir als Spielerinnen vor 15 Jahren nur geträumt", sagt die 42-jährige Fitschen. Auch bei dem von ihr verantworteten Umfeld der Nationalmannschaft ist vieles professioneller geworden. Rund ums DFB-Team tummeln sich fast drei Dutzend Helfer, von Physiotherapeuten und Psychologen, vom Videoanalysten und Teamadministrator bis zum Fitness- und Taktiktrainer.

"Mit der Würde und dem Wesen der Frau unvereinbar"

Aber wie war das in den Anfängen? Als die Metzgerstochter Lotte Specht im Jahre 1930 mit Hilfe einer Zeitungsannonce den ersten Damen-Fußball-Club Frankfurt gründete, setzte es fast nur Widerstand - es gab teils wüste Beschimpfungen. "Die Zuschauer haben sogar Steine nach uns geworfen. So konnte man gar nicht spielen, da musste man aufhören und weinen. Mit der Zeit wurden wir immer weniger, und nach einem Jahr, tja, da war er aus der Traum", berichtete die 2002 verstorbene Lotte Specht einmal von ihren schlimmen Erfahrungen.

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) wäre sie als Fußballerin ohnehin nie akzeptiert worden - in einer Zeit, in der bereits der braune Wind durch Deutschland wehte, sollten Frauen weder rauchen noch trinken, geschweige denn Fußball spielen. 1936 gab der Verband über seinen Pressedienst eine offizielle Ächtung des Frauenfußballs aus, weil dieser "mit der Würde und dem Wesen der Frau unvereinbar" sei. In der NS-Ideologie hatte diese Form der weiblichen Ertüchtigung sowieso keinen Platz.

Aber auch nach Kriegsende nützte es zunächst wenig, dass sich fußballbegeisterte Frauen in Hamburg oder Oberhausen trafen: Der DFB untersagte unter Androhung von Strafen bei seinem Bundestag am 30.Juli 1955 seinen Vereinen, "Damenfußballabteilungen zu gründen oder aufzunehmen." Trotzdem kam es nur ein Jahr später zum ersten inoffiziellen Länderspiel einer deutschen Damenfußball-Auswahl - in Essen verfolgten 18.000 Zuschauer ein 2:1 gegen die Niederlande. Und in Berlin fand im November 1957 sogar eine inoffizielle Frauen-Europameisterschaft statt, allerdings wurde das Turnier zum Zuschauerflop, gegen die Veranstalter wurde wegen Betrugsverdacht Haftbefehl erlassen. Und die Häme in den Medien war teils vernichtend. "Damenfußball ist genauso berechtigt wie Damenringkampf", hieß es in einem Leserbrief.

Verschwindet Frauenfußball im medialen Niemandsland?

1961 gelangte der DFB zur Einsicht, "den Damenfußball nicht mehr so groß anzugreifen", doch es dauerte noch bis zum DFB-Bundestag am 30. Oktober 1970 in Travemünde, dass Frauenfußball von Verbandsseite offiziell erlaubt wurde. Aber nur mit Einschränkungen: Die Spielzeit war kürzer, der Ball kleiner und leichter und Schutzhand beim Stoppen mit der Brust zwingend vorgeschrieben. Dafür brachte der Sportartikelhersteller Adidas einen eigenen Damenfußballschuh auf den Markt: das Modell Anja, ganz in weißem Leder gehalten.

Ein Meilenstein sollte sein, dass es im September 1974 tatsächlich eine Frau schaffte, bei der ARD-Sportschau Torschützin des Monats zu werden: Bärbel Wohlleben, die damals im ersten offiziellen Meisterschaftsfinale beim 4:1 gegen Eintracht Gelsenkirchen-Erle für den TuS Wörrstadt traf. "Im Fernsehen hatte man bis dahin fast immer nur belustigende Berichte gesehen und verunglimpfende Bilder", erinnert sich die heute 67-Jährige. Durch ihren prämierten Weitschuss hätten die Menschen in Deutschland erstmals zur Kenntnis genommen, "dass eine Frau in der Lage ist, aus 20 Metern ins Tor zu schießen". Und sie sagt rückblickend auch: "Die Männer hat vor allem Schaulust zu uns getrieben - die wollten weibliche Figuren auf dem Platz rumhüpfen sehen."

Auch Gero Bisanz hat erlebt, mit welchen Widrigkeiten vor fast 30 Jahren die Nationalmannschaft begann. "Ich wurde belächelt, um es mal vorsichtig zu formulieren. Nach dem Motto: 'Mach du mal dein Ding mit den Frauen.' Die meisten Kollegen haben Frauenfußball nicht ernst genommen." Bisanz übernahm den Job 1982 auf Bitte von DFB-Präsident Neuberger, "es war ein Haufen Arbeit, die Frauen war ja reine Amateurspielerinnen, aber sie waren unheimlich lernwillig und wissbegierig". Als Bisanz 1996 zurücktrat und die Verantwortung an seine langjährige Assistentin Tina Theune-Meyer übergab, waren deutsche Fußballerinnen längst dabei, Erfolgsgeschichte zu schreiben. Auch der Verband stand nun voll hinter seinen weiblichen Aushängeschildern, die bis heute sieben EM- und zwei WM-Titel holten. "Das war aber nur möglich, weil es selbstbewusste Persönlichkeiten wie Birgit Prinz gab", behauptet Bisanz.

Er hat eine Ehrenkarte für das Eröffnungsspiel dieser Frauen-WM, Deutschland gegen Kanada am 26. Juni in Berlin. Das Olympiastadion wird ausverkauft sein, auf die für ein Frauen-Länderspiel einmalige Atmosphäre freuen sich alle Beteiligten. Der 75-jährige Pionier kann sich aber keine rosarote Zukunft fürs weibliche Segment vorstellen: "Im Fußball ist der Fokus zu stark auf die Männer ausgerichtet. Ich fürchte, dass der Vereinsfußball der Frauen nach der WM wieder im medialen Niemandsland verschwindet.

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