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Schiedsrichterinnen bei der Frauen-WM: Pfeifen bei der Arbeit

Bei der Frauenfußball-WM ist eine Debatte über die Leistungen der Schiedsrichterinnen entbrannt. Die Damen an den Pfeifen versagen regelmäßig. Dafür ist vor allem die Fifa verantwortlich.

Von Klaus Bellstedt

Eigentlich lief es für die Fifa bei der Frauenfußball-WM bislang ganz gut: Die Stadien sind fast immer voll, die Leistungen meist ansprechend. Und doch: Eine Sache macht dem Weltfußballverband große Sorge. Denn spätestens seit der Partie zwischen Australien und Äquatorialguinea wird das Turnier von einer Schiedsrichterdebatte überschattet - und der Frage: Können Frauen nicht pfeifen?

Zur Verwunderung aller Zuschauer im Bochumer Stadion übersah die Ungarin Gyoengyi Gaal in der 16. Minute ein klares Handspiel von Bruna im Strafraum. Die Afrikanerin hatte den Ball im Strafraum kurzerhand und offenbar vollkommen abwesend einfach gefangen und mehrere Sekunden in den Händen gehalten. Auf den fälligen Elfmeterpfiff warteten die Beteiligten jedoch vergeblich. Gyoengyi Gaal ist nach ihrem Blackout die Lachnummer des Turniers. Doch die ungarische Unparteiische ist nicht die einzige Schiedsrichterin, die bei dieser WM versagt hat.

Fehlentscheidung bei Brasilien gegen Norwegen

In der darauffolgenden Partie zwischen Brasilien und Norwegen fiel die Nächste aus der Rolle. Vor ihrem Treffer zum 1:0 in der 22. Minute hatte Brasiliens Superstar Marta ihre Gegenspielerin Holstad Bergen regelwidrig zu Fall gebracht - auch dafür brauchte man keine Zeitlupe. Die Amerikanerin Kari Seitz ließ aber weiterspielen und nahm damit direkten Einfluss auf den Ausgang des Spiel, das die "Selecao Feminina" am Ende mit 3:0 für sich entscheiden konnte.

Quoten-Schiedsrichter sind ein Problem

Entfacht hatte die Debatte die Südkoreanerin Sung-Mi Cha während des zweiten deutschen Spiels gegen Nigeria. Die 35-Jährige mit dem Dauerlächeln zückte in der gesamten Partie nur zwei Gelbe Karten - lächerlich angesichts der über weite Strecken brutalen Gangart der Nigerianerinnen. "Ich habe noch nie ein so hartes Spiel erlebt", sagte eine sichtlich verblüffte Silvia Neid im Anschluss. Australiens Coach Tom Sermanni wurde nach der nicht geahndeten Prellballeinlage der Afrikanerin Bruna deutlicher: "Die Schiedsrichterinnen bei dieser WM sind nicht 100 Prozent perfekt."

Das Problem ist nicht unbekannt. Auch bei der Fußball-WM der Männer tritt es immer mal wieder auf: Referees aus kleineren Verbänden werden von der Fifa nicht aufgrund ihrer Leistungen, sondern wegen der Kontinentalquote nominiert. Aber weil die Schiedsrichter in ihrer Heimat selten mit Spitzenfußball in Berührung kommen, bereiten sie dem Fußballweltverband bei internationalen Turnieren regelmäßig Kummer.

Erschwerend kommt bei den Frauen hinzu, dass der Pool der Kandidaten, die für Einsätze in Frage kommen, viel kleiner ist als bei den Männern. 600 Schiedsrichterinnen stehen 3100 männliche Unparteiische gegenüber. Die Auswirkungen der Fifa-Quotenpolitik kommen deshalb bei einer Frauenfußball-WM noch viel stärker zur Geltung. Abschaffen will Joseph Blatter die Regelung trotzdem nicht. Er beschwört in typischer Manier den Geist der Fifa-Familie: "Es bleibt auch in Zukunft bei der Kontinentalquote, jeder Verband hat seine Rechte und soll bei den großen Turnieren auch zum Zug kommen."

Steinhaus sollte jedes Spiel pfeifen

Ein anderer Fußball-Funktionär, Herbert Fandel, hatte vor der WM in Deutschland eine Vision: "Die Weltmeisterschaft soll dazu beitragen, eine weitere Professionalisierung im Frauen-Schiedsrichterbereich einzuleiten", so der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter und jetzige Vorsitzende der Unparteiischen-Kommission im DFB. Nach exakt der Hälfte der Spiele lässt sich festhalten: Das Gegenteil ist der Fall.

Bibiana Steinhaus kann dafür nichts. Die deutsche WM-Schiedsrichterin, die sich über die eigene und die Leistungen ihrer Kolleginnen bei dieser Frauen-Weltmeisterschaft nicht äußern darf, feierte beim Spiel zwischen den US-Girls und Nordkorea in Dresden einen überzeugenden Einstand. Hinterher gab es für die 32-Jährige nur Lob, weil sie das zumindest politisch brisante Spiel jederzeit unter Kontrolle hatte und in den wenigen strittigen Szenen Resolutheit und Fingerspitzengefühl bewies.

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