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Fußball: 40 Jahre danach - Der legendäre Büchsenwurf

Das Dosenpfand ist noch kein Thema, als am 20. Oktober 1971 eine unschuldige Cola-Dose zu ungewolltem Ruhm kommt. Der Büchsenwurf auf dem Mönchenladbacher Bökelberg jährt sich heute zum 40. Mal. sportal.de erinnert sich an das legendäre 7:1 gegen das große Inter Mailand.

Deutschland ist ausgesperrt, als Borussia Mönchengladbach zu seinem wohl spektakulärsten Auftritt der Klubgeschichte ansetzt. Weil Gladbachs Manager Helmut Grashoff sich weigerte, die elfprozentige Mehrwertsteuer im bereits mit der ARD vereinbarten Übertragungspreis von 60.000 DM zu übernehmen, entfällt die Liveübertragung der Europapokalbegegnung des deutschen Meisters gegen Inter Mailand.

So gibt es lediglich die 27.500 Stadionbesucher als Augenzeugen, existieren keine bewegten Bilder von dem historischen Ereignis. Ein TV-Kurzbericht zeigt den bereits am Boden liegenden Bonisegna sowie Inter-Mannschaftskapitän Sandro Mazzola, der erst im Getümmel verschwindet und dann mit einer Cola-Dose in den Händen auf Schiedsrichter Doorpmanns zuläuft. In dessen persönlichem Fußballmuseum ist die berüchtigte Dose heute ausgestellt.

Fohlen berennen den Catenaccio

Es lief die 28. Minute, als Bonisegna zu Boden ging. Gladbach war in der siebten Minute durch Heynckes in Führung gegangen. Die junge und international unerfahrene Fohlen-Elf war erstaunlich respektlos gegenüber den alten Hasen aus Mailand. Mit den Abwehrstrategen Giacinto Facchetti und Tarcisio Burgnich, Spielmacher Sandro Mazzola sowie Stürmer Roberto Bonisegna standen vier Akteure im Inter-Team, die 1970 bei der WM in Mexiko mit Italien das denkwürdige Halbfinale gegen Deutschland (4:3 nach Verlängerung) bestritten hatten. Inter steht synonym für den berüchtigten Abwehrriegel Catenaccio, und der Borussia sind vor dem Spiel nicht allzu viele Hoffnungen auf das Erreichen der Runde gemacht worden.

Angetrieben von einem zauberhaften Günter Netzer, der nach einer beim Länderspiel gegen Polen erlittenen Verletzung zwei Wochen hatte pausieren müssen, erwischen die Niederrheiner einen Glanztag. Auch Bonisegnas Ausgleich in der 19. Minute (nach dem übrigens ein Inter-Fan mit italienischer Fahne aufs Spielfeld stürmt!) kann Gladbach nicht stoppen. Drei Minuten später bedient "Hacki" Wimmer Ulrik Le Fèvre und bringt Gladbach wieder in Führung.

Der Schiedsrichter bleibt gelassen

Es ist eine Rangelei zwischen Bonisegna, Luggi Müller und Rainer Bonhof, die unmittelbar an der Außenlinie vor der Haupttribüne im Bökelbergstadion zu einer der spektakulärsten Szenen der Fußball-Weltgeschichte wird. Blitzartig sinkt Bonisegna zu Boden. Italienische Betreuer stürmen auf den Platz und umlagern ihren Goalgetter, während Schiedsrichter Doorpmans gemütlich angetrabt kommt. Wildgestikulierend stürzen sich Mailands Spieler auf den Unparteiischen, der zunächst alle Anfragen abwehrt. Auch als Mazzola mit dem Corpus delicti auf ihn zuläuft, interessiert Doorpmans das zunächst nicht.

Nach einigen Minuten schleppen Sanitäter den offensichtlich ausgeknockten Bonisegna auf einer Bahre vom Platz. Kurz darauf führen zwei Polizisten einen verwirrt dreinschauenden Zuschauer ab. Er soll der Täter gewesen sein. Dann lässt Doorpmans weiterspielen.

Unterdessen wird Bonisegna hinter verriegelter Kabinentür untersucht und von den Mailänder für spieluntüchtig erklärt. Sofort legen die Klubverantwortlichen Protest gegen die Wertung des laufenden Spiels ein. "Die Spieler hatten von da an Angst", begründet Inter-Chef Ivanhoe Fraizolli später. UEFA-Beobachter Matt Busby ahnt auf der Tribüne: "Die UEFA wird sich mit diesem Vorfall befassen müssen".

"Wir waren nicht zu bremsen"

Während Gladbach eine sportliche Feierstunde gegen die erstaunlich ruppig auftretenden und bei jeder Gelegenheit protestierenden Italiener feiert – Le Fèvre, Netzer, Heynckes, Netzer und Sieloff sorgen für das legendäre 7:1 – nimmt das Drama seinen Lauf. "An diesem Tag hätten wir alles überspielt", wird Günter Netzer tags darauf von den Medien zitiert: "Wir waren nicht zu bremsen. Wir waren nicht zu bremsen". Doch die Euphorie hat längst einen Schatten. Auch die deutschen Zeitungen fragen sich, welche Konsequenzen der Protest wegen des Büchsenwurfes haben kann.

Dabei schwören einige Zeugen, es sei ein Italiener gewesen, der die Dose geworfen habe. Der festgenommene Besucher, ein Lagerarbeiter aus Bracht, erweist sich jedenfalls als unschuldig. Wer wirklich auf der Vordertribüne, Block B, Reihe 2, Platz 34 gesessen hat, kommt nie heraus.

Am 29. Oktober annulliert die UEFA den 7:1-Traumsieg und ordnet ein Wiederholungsspiel außerhalb Deutschlands an. "Der Verein Borussia Mönchengladbach hatte die Verantwortung für die Ordnung auf dem Spielfeld. Er war verantwortlich, wenn auch nicht schuldig. Weil er verantwortlich war, muss er bestraft werden", urteilt die Disziplinarkommission unter Vorsitz des Schweizers Dr. Sergio Zorzi.

Gladbachs Einspruch wird abgelehnt. Immerhin aber darf das Wiederholungsspiel nun in Deutschland ausgetragen werden und endet in Berlin mit 0:0. Weil Gladbach das zwischenzeitliche Rückspiel in Mailand mit 2:4 verloren hatte, sind die Fohlen ausgeschieden. Bittere Fußnote: Nach einem brutalen Foul erlitt Luggi Müller in Mailand einen Beinbruch. Der Übeltäter war ... Roberto Bonisegna.

Hardy Grüne

sportal.de / sportal

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