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Fußball: Das Phänomen Ultras

Die Kuttenfans sind größtenteils Geschichte. Das Sagen in den Fankurven haben heutzutage in den allermeisten Fällen die Ultra-Gruppierungen. In den Medien gelten sie oft als Problemfans. Wir haben das Phänomen Ultras unter die Lupe genommen.

In den Medien werden Ultras oft pauschal als Problemfans, Gewalttäter, Rechtsradikale oder Hooligans gebrandmarkt. Die Diskussion um die "Verhaltensregeln" für Manuel Neuer und die vom sportlichen Geschehen losgelöste Unterstützung der Ultras während des Spiels haben vielen Ultra-Gruppierungen einen enormen Misskredit in der Öffentlichkeit eingebracht.

Wir haben das Phänomen Ultras unter die Lupe genommen und versucht, das Schwarz-Weiß-Denken von "ultranativlos“ oder "ultrabescheuert“ aufzuweichen.

Was sind eigentlich Ultras?

Die Ultra-Bewegung in Europa ist ein Phänomen, das in den 1960er Jahren in Italien entstand und dann langsam über West-, Südost- und Ost- nach Nordeuropa kam. In Deutschland sind Ultra-Gruppierungen erst Anfang der 1990er Jahre angekommen. Als erste deutsche Gruppen werden die Fortuna Eagles aus Köln (1986) und die Soccer Boyz (heute: Mad Boyz) aus Leverkusen (1989) angesehen. Zum Phänomen unter den Fangruppen wurden die Ultras allerdings erst zur Jahrtausendwende. "Es ist den Ultras gelungen, die Anfeuerungskultur in nahezu jeder Fankurve zu dominieren. Alle haben sich daran gewöhnt, dass die Ultras den Takt vorgeben“, erklärt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (Kos), im Interview mit sportal.de.

Ultras sind Fans, die ihren Club und ihre Stadt besonders leidenschaftlich, emotional, engagiert unterstützen und dabei sehr aktiv und gut organisiert für Stimmung im Stadion sorgen wollen. Dabei stehen optische Aktionen wie die spezielle Kurven-Choreografie, Schwenkfahnen, Doppelhalter und Pyrotechnik ebenso im Mittelpunkt wie akustische Aktionen durch einen mit einem Megaphon (oder Mikrofon) ausgestatteten "Vorsänger". Ultras verstehen sich dabei nicht vornehmlich als Mitglied eines Fan-Clubs. Ultra zu sein, bedeutet eher eine Art Lebenseinstellung. Die Ultra-Identität ist Teil einer neuen Fan- und Jugendkultur, in der es darum geht, Teil einer eingeschworenen Gruppe zu sein.

"Wir sind das Spiel"

Der Mehrheit der Ultras geht es um die Organisation möglichst kreativer Unterstützungsaktionen. Der Support wird dabei in aller Regel 90 Minuten lang durchgehalten. Das eigentliche sportliche Spielgeschehen, das von den meisten Fans auch akustisch begleitet wird, spielt bei vielen Ultras kaum mehr eine Rolle. "Wir verwehren uns ausdrücklich dagegen, ein ungeliebter Teil dieses großen 'Events' Fußball zu sein...wir sind die Hauptsache! WIR sind das Spiel und der Verein (bzw. dessen Reste)...", so ein Zitat eines Ultravertreters aus der Studie "Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball" der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.

Eine Gemeinsamkeit der meisten Ultra-Gruppierungen ist die Opposition gegenüber dem "modernen Fußball". Die Vermarktung des Fußballs und dessen Kommerzialisierung werden abgelehnt, und der Ausverkauf des Fußballs ist der erklärte Feind. Die Ultras begreifen sich selbst dabei als "Avantgarde" - als die Stimme der Fans. Allerdings machen sie prozentual bei Heimspielen meist nicht mehr als 1 - 5 Prozent aller Zuschauer aus. Bei Auswärtsspielen stellen sie dagegen einen überproportional großen Anteil der mitgereisten Fans. Michael Gabriel betont vor allem die gesellschaftliche Funktion der Ultras.

Lebenseinstellung und Gesellschaftsfunktion

"Die Ultra-Gruppierung hat eine enorm hohe soziale Bedeutung für die eigenen Mitglieder. Wenn man sich die gesellschaftliche Entwicklung anschaut, dann sind die Erwartungen an die Entwicklung junger Menschen immer stärker an den Anforderungen der Wirtschaft ausgerichtet. Gleichzeitig können wir beobachten, wie Familienstrukturen bröckeln und alle anderen gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen an Bedeutung verlieren", erläutert Michael Gabriel die soziale Entstehung dieser Fankultur.

"Wenn man sich dann in eine solche Ultra-Gruppierungen hineinversetzt, wo jeder, wenn er die richtigen Farben trägt, hoch willkommen ist und große Wertschätzung erfährt, dann kann man erahnen, welche Bedeutung diese Gruppen für junge Leute haben." Dabei verweist er auf Studien von Wilhelm Heitmeyer (Universiät Bielefeld), der auf die hohe Bedeutung gesellschaftlicher Anerkennung für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen hindeutet. "Etwas das die Gesellschaft immer weniger bereit hält, aber die Ultras im hohen Maße bieten“, so Gabriel.

Ultras statt Kuttenträger

In Deutschland hat die Ultra- die Kuttenträger-Kultur größtenteils abgelöst, beziehungsweise vielerorts deren Platz in der Hierarchie im Fanblock eingenommen. "Die Fankultur hat sich verändert. Es hat eine Ent-Proletarisierung gegeben. Der Anteil an Abiturienten, an Studierenden und Akademikern ist heute deutlich höher als unter den Kutten-Fans damals, oder den Hools“, erklärt Michael Gabriel. Dabei pflegen die Ultras zwar zum einen Protest- und Provokationskultur, aber sie sind auch sozial engagiert.

Die Ultragruppierung "Schickeria" des FC Bayern München engagiert sich zum Beispiel gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus. In vielen anderen Ultra-Gruppierungen sind homophobe Gesänge allerdings Usus und Teil einer Macho-Kultur. Das Thema Gewalt ist in der öffentlichen Diskussion in Verbindung mit den Ultras omnipräsent. Dabei muss man die Ultras deutlich von den Hooligans unterscheiden. Für die Hooligans ist die Gewalt das zentrale Thema, um das sie kreisen, für die Ultras ist Gewalt nur zum Teil Kennzeichen ihres Selbstverständnisses.

Das Gewalt-Problem

Vor allem die Auseinandersetzung mit den gegnerischen Fans und das "Abziehen" von Fan-Utensilien gilt in vielen Ultra-Gruppierungen als legitim. Auseinandersetzungen mit der Polizei sind keine Seltenheit, allerdings bevorzugen die Ultras die Abstandnahme zu den Polizeikräften, während die Hooligans die Konfrontation mit der Polizeit bewusst suchen. "Was bei vielen Ultra-Gruppierungen dazugehört, aber auch vielerorts zunehmend kritischer diskutiert wird, ist die Frage, inwieweit es gerechtfertigt ist, dass andere Ultra-Gruppierungen angegriffen werden. Bei vielen gehört es dazu, dass die Treffpunkte, die Züge, die Busse angegriffen werden können, dass versucht wird, Fahnen und Banner zu stehlen. Das ist einer der absolut verständlichen Kritikpunkte an der Ultrakultur. Es gibt darüber allerdings innerhalb der Szene eine selbstkritische Diskussion", so der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte.

Viele Fans kommentieren Aktionen der Ultras regelmäßig mit einem pauschalen "schmeißt die Spinner aus dem Stadion". Auch Franz Beckenbauer unterschätzte das Phänomen der Ultras, als er die zugegebenermaßen vollkommen inakzeptablen Verhaltensregeln für Manuel Neuer mit den Worten kommentierte, es handle sich doch nur um 50 bis 60 Fans, die sollte man einfach rausschmeißen. "Der Konflikt erlaubt einen Blick auf Entwicklungen im Fußball, die für jeden Fußballfan schwer nachzuvollziehen sind, bedenken wir nur die letzte Transferwoche. Wer da wohin gewechselt ist. Ich glaube kein vor der Saison gemachtes Mannschaftsfoto ist noch aktuell. Da fällt es dem Fan schwer, sein Herz an einen Spieler zu verlieren.“

Wandel im Fußball, Wandel der Fans

Der Fall Manuel Neuer habe dabei eine spezielle Brisanz. "Manuel Neuer entstammt der Ultraszene von Schalke und deshalb wurden die Ultra-Kategorien auf ihn angewendet. Die haben sich dann deutlich mit den sportlichen Interessen des Vereins gebissen“, kommentiert Michael Gabriel den Konflikt. Die Kritik am modernen Fußball ist dagegen über die Ultragruppen hinaus bekannt, wird jedoch von großen Teilen der Ultras als zentrales Anliegen begriffen.

"Früher waren die Einnahmen zum größten Teil von den Eintrittsgeldern der Zuschauer abhängig, heute steht die TV-Vermarktung im Mittelpunkt, die Vermarktung der Business-Seats, und das Sponsoring. Das sind alles Aspekte, die dazu beigetragen haben, dass sich die Vereine mehr mit diesen Facetten der Ökonomie beschäftigen als mit den Zuschauern." Dass diese Entwicklung an jungen Menschen nicht vorbei geht, erklärt das besondere Engagement der Ultras gegen die Auswüchse des modernen Fußballs. "Über diese Entwicklung ist diese Abkehr, die sich durch den mit dem Rücken zum Spielfeld stehenden Vorsänger auch symbolisch ausdrückt, durchaus erklärbar“, erläutert Michael Gabriel.

Ultra sein, das ist eine Religion

Die Fankultur der Ultras wird die Vereine, Verbände und die Öffentlichkeit weiter beschäftigen. Dabei werden die Kritikpunkte in Bezug auf Gewaltbereitschaft, Vorschriften von einzelnen Gruppen für Spieler und die Fangesänge ohne Bezug zum Spielgeschehen durchaus Streitthemen bleiben. Die Totengräberstimmung in einigen Betonschüsseln der Republik in den 70er Jahren ist allerdings sicherlich ebenso wenig eine Alternative, wie die Dauerbeschallung mit Partymusik, die zum Teil in den 90er Jahren Gang und Gäbe war.

Die Ultras sind aus der heutigen Struktur der Fanszene nicht mehr wegzudiskutieren. Eine Wertschätzung der kreativen Choreographien der Ultras in vielen Stadien ist durchaus auch einmal angebracht. Aber Vorsicht! Die Ultras beschreiten schon aufgrund ihrer Natur, ihrer Lebenseinstellung "ultra" zu sein, einen Balanceakt. Ultra zu sein, ist für viele wie eine Religion. Dabei gilt aber auch bei dieser speziellen Fußballreligion: Ein Hoch auf die Religionsfreiheit, aber Vorsicht vor Gewalt und Extremismus.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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