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Fußball: Der Kick des Nordens

Vorspiel zur Toppartie des Tages: Jürgen Born, Vorsitzender von Werder Bremen, und Bernd Hoffmann, Vorstandschef des Hamburger SV, sprechen über ihre Klubs, die Liga und Leo Kirch.

Herr Born, Herr Hoffmann, am Samstag kommt es zum Duell der Verfolger - Werder Bremen und der Hamburger SV liegen je nur einen Punkt hinter dem viel bestaunten FC Bayern. Genießen Sie es, die Münchner nervös zu machen?

BORN: Langsam. Das Potenzial, das die Bayern im Kader haben, ist umwerfend. Da ist der zweite Anzug so gut wie der erste, egal, wann die in den Schrank greifen.
HOFFMANN: Die Bayern kann eigentlich keiner gefährden. Es sei denn, sie schaden sich selbst. Bislang gefallen wir uns ganz gut darin, etwas Unruhe zu säen.

Sie gönnen sich gar keine Sticheleien in Richtung München?

HOFFMANN: Nicht nach dem 14., vielleicht vor dem 32. Spieltag. Aktuell üben wir vom HSV uns in Bescheidenheit und sind glücklich, dass wir mit Werder überhaupt wieder auf einem Sofa sitzen dürfen. (Er klopft neben sich aufs Polster, Born lacht.)

Immerhin hat Werder verkündet, deutscher Meister werden zu wollen.

BORN: Wir haben dieses Ziel ausgegeben, ja. Alles andere würden unsere Jungs auch nicht verstehen. Die brennen, und die muss man auch brennen lassen.

Und der HSV, Herr Hoffmann?

HOFFMANN: Ist demütig - die Fragilität sportlichen Erfolges ist uns zu gut bekannt. Wie wir in der vergangenen Saison erlebt haben, geht es mit dem Absturz manchmal ganz schnell.

Ist der FC Bayern mit seinen finanziellen Möglichkeiten auf Sicht einzuholen?

HOFFMANN: Das geht nur mit ganz langem Atem. Bayern hat in den letzten zehn Jahren 250 Millionen Euro allein aus der Champions League geschöpft, der HSV 35 Millionen. Das sagt alles.
BORN: Im Fußball ist aber zum Glück oft nicht nur Größe wichtig, sondern auch Cleverness.

Sie sitzen so friedlich nebeneinander, die Rivalität unter den Fans aber ist groß. Bremen gilt seit rund zwei Jahrzehnten als Nummer eins im Norden. Was macht Werder besser?

HOFFMANN: Der HSV hat nach den Meistertiteln Anfang der Achtziger den Kontakt zur Spitze verloren. Mit dem Stadionbau Ende der Neunziger wurde die Basis geschaffen, wieder Anschluss zu finden. Seit 2003 sind wir im Vorstand beisammen, wir haben die Strukturen komplett neu ausgerichtet. Es ist vorbildlich, dass in Bremen die Protagonisten seit Jahren dieselben sind. Viermal in Folge in die Champions League einzuziehen, das ist natürlich ein Pfund.

In dieser Zeit ging es für den HSV in der Tabelle rasant hoch und runter ...

HOFFMANN: Es braucht einfach Zeit, bis neue Strukturen greifen und aus wirtschaftlichem Potenzial sportliche Konstanz entstehen kann. Momentan bringen wir gewiss noch nicht unsere ganze Kraft auf die Straße.

Bei Werder, Herr Born, sieht dies hingegen so aus: Vor einer Woche verkündeten Sie einen Rekordumsatz von 106 Millionen Euro und mehr als 8 Millionen Gewinn.

BORN: Für unsere kleine Stadt Bremen und unsere eher strukturschwache Region sind das großartige Zahlen.

Sie sind nach Ihrer Laufbahn als Bankmanager 1999 bei Werder eingestiegen, ebenso lange sind Manager Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf im Amt. Ist diese Kontinuität das Geheimnis von Werder?

BORN: Wir haben nach der Veränderung unserer Strukturen vor achteinhalb Jahren in der Tat drei, vier Jahre gebraucht, um sportliche Konstanz auf hohem Niveau zu erreichen. Unser Credo ist: Man muss das Geld aus dem sportlichen Erfolg herausziehen, nicht umgekehrt: Geld vorstrecken in der vagen Hoffnung auf Erfolg.

Noch 2004 diskutierten Sie intern erbittert, ob man fünf Millionen in den Kaiserslauterer Spieler Miroslav Klose investieren könne.

BORN: Das war damals eine Grundsatzfrage, richtig. Jetzt kann man sagen: Zum Glück sind wir da ins Risiko gegangen. Aber das machen wir eben maßvoll. Heute stehen unsere Spieler in der Bilanz mit 22 Millionen Euro. Alle Spieler zusammen!

Ist nicht Diego allein 22 Millionen wert?

BORN: Eher noch viel mehr. Sie sehen, wir haben hohe stille Reserven. Aber der HSV kann alleine schon deshalb mehr auf dem Transfermarkt wagen, weil er pro Heimspiel fast 20.000 Zuschauer mehr hat. Pro Saison sind das über sechs Millionen Euro Mehreinnahmen.
HOFFMANN: Die Substanz in einer reichen Stadt wie Hamburg ist naturgemäß größer als in Bremen. In der letzten Saison haben wir ohne Champions League rund 30 Millionen Euro mehr Umsatz als Werder gemacht. Aber bis das Stadion abbezahlt ist, sind wir ein Tanker, der einiges an Tang mitschleppt. Das verlangsamt die Fahrt.

Wenn der Tanker HSV mal Tempo aufgenommen hat, kann Werder überhaupt mittelfristig mithalten, Herr Born?

BORN: In der ewigen Bundesligatabelle, nach mehr als 44 Jahren, hat der HSV 2295 Punkte geholt und wir 2305. Wir haben also zehn Punkte Vorsprung. Es deutet nicht allzu viel darauf hin, dass einer dem anderen wegläuft. Laut einer Umfrage sind wir deutschlandweit der beliebteste Klub, mit 27,2 Millionen Sympathisanten, noch vor Schalke und den Bayern. Die graue Maus SV Werder, die es noch vor acht Jahren gab, die ist restlos getötet worden. Und ein gutes Image lockt Sponsoren.
HOFFMANN: Der HSV ist in dieser Rangfolge Vierter. Wir sind ganz froh darüber, denn die Umfrage wurde gemacht, als wir im dunkelsten Tabellenkeller standen.

Herr Hoffmann, Ihr Trainer Huub Stevens hat angekündigt, am Ende der Saison aus privaten Gründen aufzuhören. Thomas Schaaf arbeitet seit acht Jahren in Bremen, beim HSV waren in dieser Zeitspanne sechs Trainer beschäftigt. Warum findet Ihr Klub keine Ruhe?

HOFFMANN: Ich sehe den Wechsel auch als Chance. Wir haben jetzt, nach dem Glücksgriff Stevens, endlich einmal genug Zeit, einen Trainer exakt nach unseren Wünschen auszusuchen. Normalerweise gehen Klubs im Oktober auf Platz 16 hektisch über den Grabbeltisch arbeitsloser Fußballlehrer und suchen sich den aus, der nicht schnell genug zur Seite springt.

José Mourinho wäre zu haben - denkt der HSV so groß?

HOFFMANN: Das wäre nach den Sternen gegriffen, und seit Ikarus wissen wir, dass einem das nicht gut bekommt. Wir haben in der Vergangenheit manchmal zu viel gewollt und drei Schritte auf einmal gemacht. Wie in der Saison 05/06, als wir Zweiter waren nach der Vorrunde und im Winter noch Spieler holten, die auf das Mannschaftsgefüge wirkten.

Nun suchen Sie einen strengen, sturen Trainer. Einen Typen wie Thomas Schaaf.

HOFFMANN: Ist der denn zu haben, Herr Born?
BORN: Vergessen Sie's. (Beide lachen.)

Wie gelingt es Schaaf, dass sich seine Methoden mit den Jahren nicht abnutzen?

BORN: Unser Trainer ist eben gut, seine Methoden basieren auf immer mehr Erfahrung. Und das Problem der Abnutzung gibt es kaum noch, weil die Fluktuation der Spieler immer größer wird.
HOFFMANN: Wir haben ein Foto unserer Elf im Kabinentrakt hängen, die vor zwei Jahren die Bayern geschlagen hat. Davon waren vor Kurzem gegen die Bayern noch vier Spieler dabei. Wir wollen das Fundament festigen, indem wir langfristige Verträge machen. Verweildauer ist gleich Identifikation.

Wäre denn ein ausländischer Toptrainer für einen deutschen Spitzenklub zu bezahlen?

HOFFMANN: Schwer, bei den Gehältern, die etwa in England bezahlt werden. Wir haben eindeutig einen Wettbewerbsnachteil. Die Premier League verdient allein 330 Millionen Euro mit Auslandsrechten - die Bundesliga gerade mal 20 Millionen.
BORN: Insgesamt nimmt der Fußball in Europa 15 Milliarden in diesem Jahr ein, davon fließen 2,4 in die Premier League, 1,6 nach Deutschland. Arsenal erwirtschaftet schon durch den Kartenverkauf in 19 Liga-Spielen 86 Millionen pro Saison. Das sind ganz andere Potenziale als bei uns.

Also braucht die Bundesliga private Investoren wie etwa Chelseas Roman Abramowitsch?

BORN: Bei uns sind die Vereine 100 Jahre alt, die Geschichte können Sie nicht einfach streichen, indem Sie einen Finanzabenteurer hereinholen. Das verbietet schon die Satzung. Wenn man das wollte, dann aus meiner Sicht nur, indem man garantiert, dass die Entscheidungsgewalt beim Verein bleibt.
HOFFMANN: Bei allem Respekt für Herrn Hopp, mit 18 Hoffenheims würden wir der Bundesliga keinen Gefallen tun. Ich hatte auch schon einen interessierten Investor aus Osteuropa bei mir im Büro sitzen, der sagte, er würde gern 200 Millionen Euro in unseren Klub investieren. Als ich ihm geantwortet habe, er könne dafür maximal 49 Prozent der Anteile am HSV erwerben, habe ich ihn nicht wieder gesehen.

Die Klubs setzen auf steigende TV-Einnahmen. Gerade hat man entschieden, sich wieder an Leo Kirch zu binden, fünf Jahre nach dessen Crash. Ist der Vertrag von der Deutschen Fußball Liga nicht verdächtig schnell durchgepeitscht worden?

BORN: Wir von Werder haben dafür gestimmt, weil wir das Modell praktikabel finden. Es wäre kontraproduktiv gewesen, dieses Thema lange in der Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Deshalb war eine schnelle Entscheidung sinnvoll.

Herr Hoffmann, Sie stimmten als einziger Vertreter der 36 Klubs dagegen. Warum?

HOFFMANN: Weil ich das Vorgehen nicht angemessen fand. Ein hochkomplexer Vorgang wurde da auf 15 Power-Point-Charts gequetscht, eine richtige Diskussion gab es nicht. Ich bin nicht überzeugt, dass das Maximum ausgeschöpft wird. Außerdem bindet sich die Liga bis 2015 an Kirch, der den Klubs durch seine Insolvenz ein 300-Millionen-Euro-Problem beschert hat.

Hätten Sie sich bei den anderen Vereinen mehr Traute gewünscht, dem DFL-Vorstand entgegenzutreten, Herr Hoffmann?

HOFFMANN: Ich hätte mir schon gewünscht, dass sich die Bedenken, die es gab, auch in der Abstimmung widergespiegelt hätten. Nun warten wir erst mal ab, ob die Bankbürgschaft kommt. Wenn nicht, werden die Karten neu gemischt.
BORN: Um es klar zu sagen: So, wie das vorgestellt wurde, machte das ganze Modell einen guten Eindruck.

Wenn Sie bald mehr Geld einnehmen - welchen HSV-Spieler würden Sie nach Bremen locken wollen, Herr Born?

BORN: Van der Vaart ist natürlich ein außergewöhnlicher Mann.

Im Juli ist der ja unter Umständen zu haben.

HOFFMANN: Davon gehe ich nicht aus.
BORN: Ich bin aber leider nicht der Vorsitzende des FC Valencia. Mir persönlich gefällt auch de Jong, ein markiger Kerl.

Einige Ihrer Stars scheinen sogar mehr als markig. Kürzlich prügelten sich Carlos Alberto und Sanogo, beide wurden suspendiert.

BORN: Dieses Verhalten war absolut nicht zu tolerieren. Beide haben es inzwischen bereut, werden aber trotzdem noch einmal richtig zur Kasse gebeten.

Wer bei Werder reizte Sie, Herr Hoffmann?

HOFFMANN: Diego wäre für jeden Klub ein Gewinn. Und Per Mertesacker gefällt mir sehr gut. Wenn sein Vertrag ausliefe, würde ich den im Zweifel auch persönlich in Bremen abholen.
BORN: Nur zu Ihrer Information, Herr Hoffmann: Per hat noch drei Jahre Vertrag. Und wir werden alles tun, damit Sie sich die Reisekosten sparen können.

Interview: Rüdiger Barth, Mathias Schneider

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