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Fußball: Elfmeterschießen abschaffen? Sepp Blatter löst Debatte aus

Sepp Blatter philosophierte in seiner Ansprache auf dem FIFA-Kongress über die Grausamkeit des Elfmeterschießens und löste eine rege Debatte aus. Münzwurf, Gladiatorenkämpfe, Shoot out oder Wiederholungsspiel? Auch wir haben uns zu Gedankenspielen hinreißen lassen.

Franz Beckenbauer hat der Überlegung von FIFA-Präsident Joseph Blatter zu einer möglichen Abschaffung von Elfmeterschießen eine klare Abfuhr erteilt. "Man sollte es lassen, wie es ist. Elfmeterschießen bringt doch Emotionen ins Spiel", sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern eine Woche nach der Champions-League-Pleite der Münchner der Bild. Zudem sei der Showdown vom Punkt "viel attraktiver" als der frühere Münzwurf, ergänzte der Chef der FIFA-Task-Force Fußball 2014.

Keine Debatten zur Korruptionsbekämpfung

Tags zuvor hatte Blatter beim 62. Kongress seines Fußball-Weltverbandes in Budapest eigentlich nur mit einer einzigen Aussage ein wenig Aufregung ausgelöst. Die ersten kleinen Reformschritte zur Korruptionsbekämpfung und Neuaufstellung der FIFA wurden ohne Debattenbeiträge von den Delegierten der mittlerweile 209 Mitgliedsverbände abgesegnet.

Dass die von Blatter in "Formel-1-Geschwindigkeit" angekündigten Reformen sich aktuell eher im Schritt-Tempo vorwärtsbewegen, schien keinen zu stören. Während seiner Grundsatzrede sagte Blatter also: "Fußball kann eine Tragödie sein, wenn es zum Elfmeterschießen kommt. Fußball ist ein Mannschaftssport, und wenn es zum Duell eins gegen eins kommt, verliert er seinen Grundgedanken." Dabei richtete sich der 76 Jahre alte Schweizer direkt an den im Saal sitzenden Beckenbauer als Chef der Arbeitsgruppe Fußball 2014: "Vielleicht können Sie eine Lösung finden, vielleicht nicht heute, aber in der Zukunft."

Blatter rudert zurück 

Kaum ausgesprochen, gingen die Worte um die Welt. Als Blatter nach einer 20-minütigen Sitzungspause wieder ans Mikrofon trat, beteuerte er, missverstanden worden zu sein. "Ich habe nie gesagt, dass wir das Elfmeterschießen abschaffen sollten", erklärte der 76 Jahre alte Schweizer. Sogar via Twitter ließ er noch während der Versammlung verbreiten, dass er an den Regeln des Weltfußballs, in denen Elfmeterschießen zur Entscheidung bei Unentschieden in K.o.-Spielen nun einmal festgelegt seien, natürlich nicht rütteln wolle.

"Blatter plant Revolution im Weltfußball", lauteten trotzdem die Schlagzeilen. Da tauchen gleich zwei Fragen auf: Blatter und Revolution im Weltfußball, passt das zusammen? Schwerer zu beantworten ist die Frage: Gibt es realistische Alternativen zum Elfmeterschießen? 

1. Golden Goal und Silver Goal: Diese Alternativen wurden getestet und als sehr unbefriedigendes, abruptes Ende eines Spiels wieder abgeschafft. Für das Spiel beider Mannschaften ist das Golden Goal eher schädlich, da beide Teams noch vorsichtiger und defensiver agieren, in dem Wissen, auf ein Gegentor nicht mehr reagieren zu können. Die berühmtesten Golden Goals schossen Oliver Bierhoff im Endspiel der EM 1996 gegen Tschechien und David Trezeguet im EM-Finale 2000 gegen Italien. 

2. Ein sogenanntes Shoot out, bei dem der Spieler wie beim Penalty-Schießen im Eishockey auf den Torwart zuläuft, könnte attraktiv sein. Allerdings kommt es auch hier zu der von Blatter ungeliebten Situation eins gegen eins. Der Grundgedanke des Mannschaftssports ist hier also ebenso wenig gegeben. Zudem ist es eine dem Fußball bisher völlig fremde Spielart.

3. Also doch die einst von Louis van Gaal angeregte Version à la Gladiatorenkämpfe? In der Verlängerung muss nach und nach jedes Team einen Spieler vom Feld nehmen, bis ein Tor fällt. Klingt spektakulär, ist aber kaum zu vermitteln.

4. Der Münzwurf. Bis zur Einführung des Elfmeterschießens wurde meist durch Münzwurf oder Losentscheid entschieden, welches Team weiterkommt, bzw. der Sieger ist. Zu dieser Lösung will wohl keiner zurück.

5. Das Wiederholungsspiel. Die gerechteste und dem Fußball am ehesten entsprechende Methode ist das Wiederholungsspiel. Allerdings ist dies logistisch kaum umzusetzen. Durch den eng gesteckten Terminkalender im Weltfußball besteht kaum Raum für ein Wiederholungsspiel, wobei es theoretisch durchaus zu mehreren Wiederholungsspielen kommen könnte, was die Lage nicht erleichtert. Noch schwieriger wird es zum Beispiel im Viertelfinale einer EM - da würde ein Wiederholungsspiel den gesamten Spielplan durcheinanderwirbeln. Diese Lösung ist damit wohl nicht praktikabel. 

Blatters rauschen im Blätterwald

So wird vermutlich alles bleiben wie es ist. Und Blatter hatte Erfolg mit seinem kleinen Ablenkungsmanöver. Eigentlich wollte Blatter über die Reformschritte zur Korruptionsbekämpfung sprechen. Vielleicht passt sein Satz des Tages ja auch besser zu diesem Thema. "Vielleicht können Sie eine Lösung finden, vielleicht nicht heute, aber in der Zukunft."

sportal.de / sportal

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