Fußball-Gewalt in Italien Italien steht unter Schock


Der tödlichen Schüsse auf einen Fan, danach bürgerkriegsähnliche Krawalle in vielen Städten - im Land des Weltmeisters steckt der Fußball in seiner tiefsten Krise. Die Behörden bekommen die gewalttätigen Fans kaum noch in den Griff.
Von Luisa Brandl, Rom

Es ist völlig unklar, warum der Polizist geschossen hat. Zu dem Zeitpunkt, als der Schuss fiel, hatte das Handgemenge zwischen den Fußballfans an der Raststätte Badia al Pino schon aufgehört. Die Anhänger von Lazio Rom und Juventus Turin waren in ihre Autos gestiegen, da soll der Todesschütze, so die Version der Polizei, von der anderen Seite der Autobahn zwei Warnschüsse abgefeuert haben. Eine Kugel durchschlug das Seitenfenster des Autos, in dem der 28-jährige Gabriele Sandri saß, und traf ihn tödlich am Hals.

Fest steht aber, dass der Polizeibeamte nicht wusste, dass es sich bei der Rangelei auf dem Autobahnparkplatz nahe Arezzo in der Toskana um eine Auseinandersetzung zwischen Fußballfans gehandelt hatte. Doch der Tod des Lazio-Fans schweißte extremistische Hooligans jeglicher Klubs zusammen, um gemeinsam gegen Polizei und Regierung Front zu machen. Das ist neu. Die für Rechtsextremismus anfälligen Fanclubs, die sich sonst untereinander bekämpften, zogen am Sonntag zur vereinten Randale durch einige Großstädte.

Die Medien zögerten, die tragische Nachricht zu verbreiten

Nach der Todesmeldung am Sonntagvormittag stand Italien unter Schock. Die Medien zögerten zunächst, die tragische Nachricht zu verbreiten. Die italienischen Behörden übten Zurückhaltung, um eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. Aber genau das geschah. Polizeichef Antonio Manganelli glaubte, die rasenden Tifosi besser im Stadion kontrollieren zu können als außerhalb und ließ die Spiele am Sonntag stattfinden bis auf die Partie Inter Mailand gegen Lazio Rom in Mailand. Dort zogen Anhänger von Lazio und Inter vom Stadion San Siro in die Innenstadt. Auf einem Spruchband forderten sie den Rücktritt von Innenminister Amato. Sie warfen Scheiben ein. Der Umzug endete vor einer Polizeidienststelle, wo Vermummte ein Feuer anzündeten.

In Bergamo entschieden die Hooligans, wann das Spiel Atalanta gegen AC Mailand beendet werden sollte. Nach sieben Minuten war der Schiedsrichter gezwungen, das Spiel abzupfeifen. Hunderte Gewalttäter hatten die Plexisglas-Absperrungen zum Spielfeld eingerissen und gingen "Mörder, Mörder" skandierend auf Polizisten los. Der Gewaltausbruch im Stadion veranlasste die Verantwortlichen nach langer Beratung, das für den Abend angesetzte Spiel AS Rom gegen Cagliari doch zu verschieben. Die Entscheidung fiel jedoch zu zögerlich und kam zu spät. Die Fans waren bereits vor dem Olympiastadion in Rom aufmarschiert. Die Hilflosigkeit der italienischen Behörden führte letztlich zu den schlimmsten Ausschreitungen des Tages.

Unter den extremistischen Fangruppen gärt es seit langem

In Rom ereigneten sich am Sonntagabend bürgerkriegsähnliche Szenen. Hunderte Lazio-Fans stürzten Müllcontainer und Motorroller um, zündeten Autos an und versuchten zwei Polizeikasernen zu stürmen. Sie drangen in das Olympiastadion ein und verwüsteten die benachbarten Büros des Nationalen Olympischen Komitees. Der tragische Tod von Sandri war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Unter den extremistischen Fangruppen gärte es seit langem gegen die harte Hand der Regierung. Seit Saisonbeginn hat die neu geschaffene Fußball-Beobachtungsstelle im Innenministerium mehrfach den organisierten Fans verboten, zu Auswärtsspielen zu fahren. In Neapel wurde hinter verschlossenen Pforten gespielt, in Rom der freie Ticket-Verkauf bei einem Spiel verboten, in Mailand eine ganze Fankurve geschlossen.

Die Regierung hatte sich zum Durchgreifen entschlossen, nachdem im Februar ein Polizist in Catania bei einer Fan-Randale im Stadion ums Leben gekommen war. Doch die Gewalt ist keineswegs gebannt, sie hat sich nur verlagert vom Stadion auf die Straße. Sie explodiert an einem sonnigen Sonntagmorgen auf einer Autobahnraststätte, sie entlädt sich in Straßenschlachten, sie ist unkontrollierbarer geworden. Die Polizeikräfte haben aufgerüstet, die Hooligans auch. Im Land des Weltmeisters steckt der Fußball in seiner tiefsten Krise. Nach den Manipulationsskandalen und den anhaltenden Krawallen zweifeln immer mehr Italiener an ihrem Lieblingssport. Viele Familien mit Kindern fragen sich, warum sie denn auf der Tribüne riskieren sollten, zwischen die Fronten wütender Fans und bewaffneter Polizei zu geraten.


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