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Fußball-Nationalmannschaft: Der Rundumschlag des Joachim Löw

Mit seltener Schärfe hat sich Joachim Löw erstmals seit dem EM-Aus des DFB-Teams wieder zu Wort gemeldet. Vor allem die Kritiker bekamen ihr Fett weg. Seinen Weg will der Coach weitergehen.

Von Klaus Bellstedt

Lange war er abgetaucht. Das letzte Mal trat Joachim Löw nach dem EM-Aus gegen Italien vor über 40 Tagen öffentlich in Erscheinung. Seine Mannschaft war gerade in Warschau im Halbfinale am Angstgegner gescheitert. Der Bundestrainer machte nach der 1:2-Niederlage auf der anschließenden Pressekonferenz einen angeschlagen Eindruck. Tief enttäuscht saß er oben auf dem Podium - und räumte auch Fehler ein. Zum Beispiel bei der Aufstellung. Für einen Moment kam beim Betrachter der Eindruck auf, als könne Löw im nächsten Moment hinschmeißen. Der Coach trat nicht zurück. Dafür traten in der Nach-EM-Zeit die Kritiker auf ihn ein.

Teilweise war das berechtigt. Zum Beispiel was das lange Festhalten am unfitten Bastian Schweinsteiger betraf. Oder eben jene abenteuerliche Aufstellung gegen Italien. Da hatte es Löw mit seiner Veränderungswut klar übertrieben. Auf dem Boulevard ging es aber auch um läppische Dinge, die man ihm vorwarf. Um die verhätschelten Nationalspieler zum Beispiel, oder das Mitsingen, besser das Nicht-Mitsingen, der Nationalhymne.

Löw räumt Fehler ein

Löw, der vor dem Turnier von Fans und Medien fast zu einem Magier überhöht wurde und danach heftig kritisiert wurde, brauchte Zeit, um von all dem Abstand zu gewinnen. Jetzt ist er wieder da. Und wie! Zwei Tage vor dem ersten Länderspiel der neuen Saison am Mittwoch in Frankfurt gegen Argentinien holte er zu einer Art Rundumschlag aus. So hatten ihn selbst diejenigen, die ihn und die Mannschaft seit Jahren begleiten, noch nicht gesehen. Der Bundestrainer sprach mit ernster Tonlage, er schien verärgert und immer noch ein bisschen beleidigt.

Er übernahm zwar für das Ausscheiden bei der EM die "volle Verantwortung", sein grundsätzliches Konzept aber verteidigte er mit enorm viel Wut im Bauch: "Fakt und grundsätzlich ist auf jeden Fall eines: Unser Weg, den wir eingeschlagen haben, der stimmt", so Löw. Einmal im Rage polterte der Trainer weiter: "Wir haben ein langfristiges Konzept, daran werden wir absolut festhalten. Es gibt keinen Grund, von diesem Konzept abzuweichen. Den roten Faden werden wir mit aller Flexibilität beibehalten." In seiner Brandrede machte der 52-Jährige vor allem eines deutlich: Weder Kritik noch Skepsis können seine Überzeugung infrage stellen, dass er Deutschland doch noch zu dem so ersehnten Titel führen kann.

"Ein kleiner Schritt von Weltklasse zu Weltspitze"

Und Löw brachte noch mehr klare Botschaften unter das Fußball-Volk: Er wird seinen Kurs als uneingeschränkter Chef bis zur WM 2014 in Brasilien durchziehen. Das Ziel Titel bleibt. Diskussionen um das Mitsingen der Nationalhymne, die Verwöhnprogramme für die Nationalspieler oder fehlende Leitwölfe interessieren ihn nicht: "Teile dieser Kritik halte ich nicht für zielführend und ermüden mich", sagte er mit scharfem Unterton.

Es war schon bemerkendwert, wie sehr sich Löw schützend vor seine Mannschaft stellte. An den enormen Fortschritten in den vergangenen Jahren ließ er nicht den Hauch eines Zweifels: "Spielerisch sind wir absolut in der oberen Liga." An kleineren Fehlern in entscheidenden Situation müsse das Team noch arbeiten, "da ist sicher nicht alles Gold, was glänzt", räumte er ein und ergänzte: "Es ist immer noch ein kleiner Schritt von Weltklasse zu Weltspitze."

Sechs Jahre ist Joachim Löw jetzt Cheftrainer der Nationalmannschaft. Das hier waren vielleicht die deutlichsten Worte seiner Amtszeit. Diese dauert aller Voraussicht nach noch 24 Monate an. Es ist damit zu rechnen, dass der Coach nach der WM in Brasilien sein Amt niederlegen wird. Auch weil es für ihn, aber auch für die Generation um seine beiden Kapitäne Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, wahrscheinlich die letzte Chance sein wird, einen internationalen Titel zu gewinnen. So eine kleine Brandrede kann da vielleicht gar nicht schaden.

mit DPA

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