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Fußball-Nationalmannschaft: So mächtig, so verletzlich

Das DFB-Team erinnert beim 5:3 in Schweden nicht nur der Feuerkraft wegen an die "Vasa", das früh gesunkene Kriegsschiff. Auch in der Anfälligkeit gleicht es dem Kahn. So wird man nicht Weltmeister.

Von Mathias Schneider, Stockholm

Aus gegebenem Anlass muss zunächst einmal der wunderschönen Vasa gedacht werden, wenn die deutsche Nationalmannschaft schon in Stockholm Station macht. Aufgebahrt und beinahe komplett erhalten liegt sie im Museum in Djurgarden, ein imposantes Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert, das in Größe, Wucht und Schönheit über seine Zeit hinaus Maßstäbe setzen sollte. Und das tat sie dann ja auch, noch heute umschwärmen jährlich die Besucher aus aller Welt eines der großen Wahrzeichen Stockholms.

Leider ist der Vasa trotz ihrer Erscheinung nur eine eher kurze Karriere vergönnt gewesen. Sie sank, kaum dass sie vom Stapel gelaufen war und die See unter sich spürte. Die Salutschüsse aus ihren Kanonen waren kaum verhallt. Ein Windstoß hatte gereicht, um sie zunächst ins Wasser und dann schnell auf den Grund zu drücken. Viel zu hoch war sie gebaut. Nicht die Kriegslist hatte Schwedens neuen Stolz damit zu Fall gebracht, sondern ein Konstruktionsfehler.

Leider fanden Löws Männer nicht die Zeit, bei ihrer Reise nach Stockholm in Djurgarden vorbei zu schauen. Museumsbesuche gehören weiterhin nicht zum festen Bestandteil der Bildungsreise, die den Namen WM-Qualifikation trägt und die Delegation kreuz und quer durch Europa führt. Dabei hätte ein Besuch durchaus aufschlussreich sein können, denn es gibt da ein paar Analogien zwischen Löws Elf und dem Kriegsschiff, die nicht von der Hand zu weisen sind.

Konkurrenzkampf bis ins Absurde

So beeindrucken beide Kolosse in ihren Epochen mit beeindruckender Feuerkraft, wie Özil und Co. beim 5:3 im letzten Qualifikationsspiel wieder einmal beeindruckend zur Schau stellten. Aus allen Rohren feuerten die Kanoniere wie schon am Freitag beim 3:0 gegen Irland. Diesmal waren es Özil, Götze und dreimal Schürrle, die für die Tore sorgten. Die Vielzahl der Waffen im Mittelfeld ist imposant. Wen auch immer Löw in die Kanonenöffnungen schiebt, es gibt Saures. Nachdem der sonst verlässliche Müller diesmal nicht Recht zündete und deshalb zur Pause zur Seite treten musste, beeindruckten dafür der eingewechselte Götze sowie Schürrle. Beide gaben zuletzt ja durchaus etwas Anlass zur Sorge. Götze stoppte wieder einmal eine Verletzung, Schürrle drohte in Leverkusen etwas die Präzision im Abschluss abhanden zu kommen. Öffentlich mahnte ihn der Bundestrainer, zur alten Entschlossenheit zurück zu finden. Besser schnell.

Der Wechsel zu Chelsea scheint Schürrle nun neue Robustheit verliehen zu haben. Der neue Trainer Jose Mourinho lässt ihn bislang spielen, was so selbstverständlich nicht ist, wenn man den Kader der Londoner betrachtet. "Er gibt mir Vertrauen", sagt Schürrle. "Ich habe ihn zuletzt wieder so gesehen wie am Anfang bei uns, dynamisch, schnell, mit Zug zum Tor. Der Wechsel zu Chelsea hat ihm sicher gut getan", lobte Löw.

Weil Götzes Talent ihn trotz seiner zahlreichen Ausfälle offenbar ohne Schusspraxis auskommen lässt - bei seinem 2:2 in den Winkel schrieb er mit seinem rechten Fuß einen wunderschönen Bogen in den Nachthimmel, bevor er seinen Kumpel Schürrle nicht minder feinfühlig noch in Szene setzte - steigert sich der Konkurrenzkampf beinahe ins Absurde.

Auf der linken Flanke kann Löw derzeit zwischen den formstarken Schürrle und Reus wählen, für den kaum minder begabten Schalker Draxler wird es schon schwierig. Lukas Podolski, Löws gefühlter Sohn und immerhin tätig bei einem Verein der sich Arsenal nennt, muss schon aufpassen, dass er im Zuge seiner langwierigen Verletzung und drohendem Bankdrückerdasein im Klub nicht noch, nun ja, die Segel streicht. In die virtuosen Ballstafetten will er, ein Mann des direkten Spiels, nicht wirklich mehr passen. Im Zentrum stehen sich bereits Kroos und Özil auf den Füßen, rechts drängen Müller und Götze in die Elf. Den zuletzt formstarken Leverkusener Sidney Sam hat man da schon unterschlagen.

Etwas weit in den Himmel gebaut

Man könnte spielend zwei Mannschaften mit dem offensiven Mittelfeld besetzen, ohne großen Qualitätsverlust. Die mächtige Konkurrenz duldet keinen Schlendrian, auch deshalb schießt diese Nationalelf mittlerweile in jeder Partie ohne jede Zurückhaltung.

Selbst die Verletzung der Scharfschützen Gomez und Klose fällt da nicht ins Gewicht. Löw dürfte sich nach acht Toren gegen Irland und Schweden eher bestärkt darin sehen, dass er notfalls lieber mit einem Stürmer gen Brasilien aufbricht, als sich zu Lösungen hinreißen zu lassen, hinter denen er nicht wirklich steht und den Namen Stefan Kießling tragen.

So weit so beeindruckend. Doch leider erinnert Löws WM-Schiff derzeit nicht nur in seinem vielfältigen Offensivarsenal an die stolze Vasa. Bisweilen scheint Löws Mannschaft wie das 52 Meter hohe Boot etwas weit in den Himmel gebaut. Und der Himmel, das ist für jede Verteidigung die Mittellinie, möglichst weit vom eigenen Tor entfernt. Doch ein leichter Windstoß in Form eines Steilpasses, kann da zu gefährlicher Schieflage führen, selbst plötzliches Kentern nicht ausgeschlossen. Gegen Schweden reichten zwei verlorene Zweikämpfe im Mittelfeld und schon stand es nach zwei sehenswerten Steilpässen 2:0 für die Gastgeber.

Löw verspricht Crash-Kurs

In Brasilien dürfte der Stress der Turnierschlacht, Hitze und die Stärke mancher Widersacher wie Brasilien und Argentinien dann wohl nur schwer eine ähnliche Aufholjagd ermöglichen wie gestern. Bei aller Freude über die Tore, es bleibt die Frage, wie Löw die Schotten schließen will. Manches Gegentor erinnert noch immer gefährlich an jenes 2:0 im EM-Halbfinale gegen Italien, als ein langer Pass gegen die aufgerückten Deutschen Balotelli das vorentscheidende 2:0 ermöglichte.

Der Innenverteidigung allein die Schuld an den vielen Einschlägen zu geben, wäre freilich zu einfach. Egal ob Boateng mit Mertesacker oder Hummels Dienst schiebt, vor Übergriffen bleibt die Mannschaft nicht gefeit. Das liegt nicht allein am nicht immer akkuraten Stellungsspiel aller Drei. Im defensiven Mittelfeld offenbart Bastian Schweinsteiger, dass ihm als Steuermann solcher Situationen derzeit in jeder Hinsicht die Handlungsschnelligkeit fehlt. Nur eine Kollektivleistung, nicht nur nach vorn, sondern in Haltung und Konzentration auch nach hinten, wird das Problem lösen, wollen die Deutschen nicht mit fliegenden Fahnen untergehen. Nicht immer werden Fußball-Schlachten so völkerverbindend geführt wie in der schmucken Friends-Arena Stockholms.

Ein konzertierter Crash-Kurs vor der WM werde das Problem beseitigen, versprachen Löw und Vize-Kapitän Schweinsteiger, die Reste des 5:3 waren kaum zusammengeräumt. Wie er die statische Unwucht ausgleichen will, das mochte Löw noch nicht verraten. Sein Vertrag wird in den nächsten Tagen um zwei Jahre verlängert, wenn man denn Manager Oliver Bierhoff und Löw selbst richtig verstanden hat. Ob er jemals in Kraft tritt, wird sich erst nach der WM entscheiden. Nur wenn Deutschland dort nicht alte Fehler wiederholt, wird man Löw einen weiteren Anlauf 2016 in Frankreich bei der EM gestatten.

Und wenn nicht? Dann wird Löws Vermächtnis sein, eine atemberaubende Mannschaft hinterlassen zu haben. Und doch bliebe sie das Exponat einer großen Elf, die es so Recht nie gegeben hat.

Gesunken an der eigenen Größe.

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