HOME

Groteske: Bundesliga-Hinterbänkler werden Nationalspieler

Rudi Völler muss Bundesliga-Hinterbänkler plötzlich zu Nationalspielern befördern, denn die Abreisewelle des Stammpersonals reißt nicht ab

Die Abreisewelle des Stammpersonals aus Bremen reißt einfach nicht ab, das Häuflein der Aufrechten fürchtet die Rolle des Prügelknaben, und Rudi Völler muss Bundesliga-Hinterbänkler plötzlich zu Nationalspielern befördern: Die Situation im Lager des Vize-Weltmeisters nahm vor dem Anpfiff zum vermeintlichen Härtetest gegen Serbien und Montenegro geradezu groteske Züge an. Nachdem der Wolfsburger Tobias Rau (Hüftprellung) und der Schalker Jörg Böhme (Bluterguss in der Wade) am Dienstag vorzeitig die Heimfahrt antraten, landete Völler bei seiner verzweifelten Suche nach einem "Linksfuß" bei Michael Hartmann.

Debütanten am Start

Der Berliner reiste vom Hertha-Trainingsgelände umgehend nach Bremen und hat sogar beste Aussichten, wie der Stuttgarter Andreas Hinkel am Mittwoch (20.40 Uhr/ARD) im Weserstadion sein Länderspiel- Debüt zu feiern. "Damit hatte ich ja überhaupt nicht mehr gerechnet", frohlockte Hartmann, den Völler "schon öfters im Hinterkopf" hatte. Zudem wurde der Leverkusener Hanno Balitsch, der erst nach dem Spiel der U21-Auswahl am Dienstagabend erwartet wurde, nachnominiert.

Keine Vorfreude bei Völler

Völler war ob der permanenten Hiobsbotschaften jede Vorfreude auf das Duell mit dem Weltranglisten-22. vergangen. Angesichts der Turbulenzen fand er nicht einmal die Zeit, den Dortmunder Christian Wörns darüber zu unterrichten, dass er als Aushilfskapitän fungieren soll. Und nur mühsam gelang es dem Teamchef, Zuversicht zu verbreiten, dass die halbjährige Durststrecke mit drei sieglosen Spielen hintereinander ein Ende nehmen könnte. "Es wäre doch Schwachsinn, sich jetzt groß aufzuregen und rumzujammern. Wir müssen spielen, und wir werden versuchen, ein ordentliches Länderspiel zu machen", versprach er. Und fügte hinzu: "Für die Spieler, die jetzt auflaufen, ist das eine große Chance."

Wer spielt, wird Prügelknabe

Zumindest die Älteren in der verbliebenen Notelf teilen Völlers Einschätzung nur eingeschränkt. "Wir wissen, wie es nach dem Spiel läuft, wenn es auf dem Platz nicht laufen sollte", sagte Team-Senior Fredi Bobic (31). Im Fall einer erneuten Pleite stünden die am Pranger, die sich gegen alle Widerstände mitten im Saison-Endspurt zur Verfügung gestellt hätten. "Mein Vereinstrainer wäre auch froh gewesen, wenn ich nicht hierher gekommen wäre", so Bobic, für den es aber "keine Frage" war, diesem Wunsch nicht zu entsprechen.

Eine komplette Elf fällt aus

Im Zusammenspiel mit Kaiserslauterns Miroslav Klose bildet der Torjäger von Hannover 96 den einzigen Mannschaftsteil, der vom personellen Aderlass unberührt ist. Doch insgesamt elf zum festen Stamm der DFB-Auswahl zählende Profis stehen nicht zur Verfügung und bringen Völler in eine ähnlich prekäre Lage wie seinen Vor-Vorgänger Erich Ribbeck beim Konföderationen-Pokal 1999. Damals schickte der DFB eine ähnlich zusammengewürfelte Truppe mit "Eintagsfliegen" wie Ronald Maul und Heiko Gerber nach Mexiko, die sich dann gegen Brasilien, die USA und Neuseeland bis auf die Knochen blamierte.

Appelle an die Pflicht

Die Hoffnung, dass es im nicht ausverkauften Weserstadion kein ähnliches Fiasko gibt, bezieht Völler vor allem aus dem Glauben, dass sich die Rumpf-Elf nicht aufgeben wird. "Es kann nicht alles rund laufen, weil uns die kreativen Spieler fehlen. Aber es wird eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die alles gibt", versprach Lokalmatador Frank Baumann, einer von vielen verbliebenen Notnägeln. "Zuletzt haben wir uns selbst und auch die Zuschauer enttäuscht. Es ist unsere Pflicht, den Fans wieder etwas zurückzugeben", appellierte Bobic an die Moral.

Aufschlüsse über den wahren Leistungsstand der Spieler konnte sich Völler in Bremen angesichts von nur zwei lockeren Trainingseinheiten ohne Aussagekraft nicht machen. Regeneration und Pflege standen im Fünf-Sterne-Quartier ganz oben auf der Tagesordnung. Mancher suchte angesichts der ungewohnt reichlichen Freizeit in Eigeninitiative den Kraftraum auf oder joggte durch den angrenzenden Park.

Keine Sorgen mit der Aufstellung

Über die Aufstellung musste sich Völler kaum Gedanken machen, auf den meisten Positionen stellt sich das Team von selbst auf. Vor Kahn- Ersatz Frank Rost im Tor bilden Arne Friedrich, Wörns, Baumann und vermutlich Hartmann die Abwehr-Viererkette. Im zentralen Mittelfeld kommen die Defensiv-Kräfte Carsten Ramelow und Sebastian Kehl sowie als Spielmacher Torsten Frings zum Zug. Auf der rechten Seite bietet sich der Bochumer Paul Freier an. "Die Spieler sollten sich nicht als zweite Wahl betrachten und hundertprozentig reingehen", empfahl Bobic: "Sonst können sie gleich zu Hause bleiben."

Wissenscommunity