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Herbstmeister Hoffenheim: Der Schönen ihr Biest

Ein bemerkenswerter Aufstieg von der Kreisliga bis in die Bundesliga: Hoffenheim ist auf dem besten Wege, eine Marke im deutschen Fußball zu werden. Merkwürdig ist nur, wie gereizt Trainer Ralf Rangnick den Klub präsentiert, obwohl derzeit genug Grund zur Freude herrscht.

Von Tobias Schächter

Seit ein paar Wochen gibt es auch ein Buch über den neuen Herbstmeister der Fußball-Bundesliga: "Das Wunder von Hoffenheim", so der Titel, beschreibt den Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim von der Kreisliga zum Spitzenreiter der ersten Liga. Nur 17 Spiele und zum Abschluss ein packendes 1:1 gegen Schalke 04 hat es gebraucht, damit der Bundesliganovize deutschlandweit in aller Munde ist.

Als Wunder würde Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick das, was mit der TSG seit seinem Amtsantritt in Liga drei vor zweieinhalb Jahren passiert ist, nicht bezeichnen. "Erfolg ist nicht planbar, aber Leistung", lautet Rangnicks Motto. Durch das Wort Wunder wird aber auch der Beginn eines Fußballmythos beschrieben, der im Südwesten inzwischen alle Gesellschaftsbereiche zu Diskussionen ermuntert. So vermutete der Leiter des Pfalz-Instituts in Kaiserslautern, ein Historiker, der Erfolg der Hoffenheimer Fußballer könne ähnlich integrativ für das als bürokratisch wahrgenommene Gebilde der Metropolregion Rhein-Neckar werden wie einst die Erfolge des 1. FC Kaiserslautern mit Fritz Walter in den 50er-Jahren für die Pfalz. Das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber wie schnell Hoffenheim nicht nur von einem Dorfklub zu einem wichtigen Bestandteil einer ganzen Sportregion mit 2,4 Millionen Einwohnern gewachsen ist, sondern auch zum vielleicht ernsthaftesten Rivalen der Bayern im Rennen um den Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2009, ist nicht anders als sensationell zu bezeichnen.

"Wir sind auf dem Weg, eine Marke in Deutschland zu werden", sagt Manager Jan Schindelmeiser, der vor Saisonbeginn genau wie die Kickerstars Obasi, Ba, Beck, Compper, Weis und Ibisevic nur Experten bekannt war. Und tatsächlich: In Umfragen wünschen schon drei Viertel der deutschen Fußballfans den Nordbadenern den Meistertitel. Für einen Verein, der vor Kurzem noch als Retortenklub verschrien war und dessen Mäzen Dietmar Hopp bei Auswärtsspielen unflätig beschimpft wurde, ist das ein unglaublicher Wert.

In Hoffenheim aber, und das macht nicht nur dem Bayern-Manager Uli Hoeneß Sorgen, sind sie gerade dabei, sich eine Tradition zu schaffen, auf die sogenannte etablierte Klubs mittelfristig neidisch schauen könnten. Mit Timo Hildebrand wird in der Rückrunde im neuen Stadion in Sinsheim ein Oberklassetorwart die Mannschaft verstärken, und es ist "nicht ausgeschlossen" (Schindelmeiser), dass Hoffenheim auf dem Transfermarkt noch einmal tätig wird.

Die sportliche Leistung des jetzigen Teams indes nötigte auch beim 1:1 gegen Schalke Respekt ab. Nach einem Rückstand drängte die Mannschaft mit Biss und Leidenschaft auf den noch fehlenden Punkt zur Herbstmeisterschaft. Die technisch brillante Mannschaft kann mittlerweile auch dagegenhalten.

Vor fast genau zehn Jahren hatte Ralf Rangnick als Trainer des SSV Ulm seinen legendären Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF, der ihm den Ruf des Besserwissers und Schulmeisters einbrachte. Bei einigen Auftritten vor der örtlichen Presse bewies Rangnick zuletzt ziemlich oft, dass Gelassenheit und Coolness auch nach 25 Jahren im Trainerberuf nicht seine ersten Charaktereigenschaften sind. Die lokale "Rhein-Neckar-Zeitung" fühlte sich deshalb nach dem Bayern-Spiel zu folgenden Zeilen herausgefordert: "Rangnicks Sympathiewerte stiegen - vorsichtig ausgedrückt - nicht, als er auf missliebige Fragen unwirsch reagierte, sogar eigens aus Frankreich angereisten Reportern Antworten schuldig blieb oder gestandene, international erfahrene und im Umgang mit noch erfolgreicheren Trainern gestählte Journalisten abkanzelte, als seien sie Schulbuben."

"Nur noch hart gegen uns zu spielen reicht nicht mehr aus, um uns zu besiegen", analysierte Manager Schindelmeiser. Die Kunst wird nun sein, das bisher gezeigte Niveau zu halten. Wer so hoch fliegt, kann tief fallen, diese Gefahr besteht auch in Hoffenheim. Und sie geht vor allem auch von ihrem zur Verkniffenheit neigenden Trainer aus.

Nach dem Spiel gegen Schalke bedauerte Rangnick zuerst den verlorenen Punkt gegen die Bayern vor einer Woche, bevor er eher gequält lächelnd bemerkte: "Wir freuen uns über das Erreichte und können mit dem Punkt heute leben." Nicht nur die Spieler haben in Hoffenheim in manchen Bereichen noch Luft nach oben.

FTD

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