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Hertha-Trainer Favre: Der Divenbändiger

Seine Sachlichkeit wirkt ansteckend: Der Schweizer Trainer Lucien Favre hat aus der launischen Elf von Hertha BSC mit radikalen Reformen einen souveränen Tabellenführer geformt. Charakter und Intelligenz der Spieler sind ihm wichtiger als Schusstechnik und Kopfballspiel.

Von Ronny Blaschke, Berlin

Die Bilder des Fußballers Lucien Favre werden zurzeit häufig im Regionalfernsehen gezeigt: Elegant schreitet er über den Rasen, ein Dribbling hier, ein Haken dort. Mit einem Pass führt er eine ganze Abwehr in die Irre. Wenn der schmächtige Regisseur ein Tor schießt, hebt er kurz die Hand, dreht ab, blickt zu Boden, läuft zum Mittelkreis. Die Gratulationen der Kollegen lässt er über sich ergehen, der Spieler Favre mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. 20 Jahre ist das nun her.

Wer Lucien Favre hat spielen sehen, der kann vermuten, wie viel Überwindung ihn der vergangene Samstag gekostet hat. Als der zehnte Heimsieg hintereinander gesichert war, das 1:0 gegen Leverkusen, baten ihn seine Spieler von Hertha BSC, in die Mitte zu treten. Für einen Siegertanz. Der Trainer zierte sich lange, dann hüpfte er doch für einige Sekunden. Er wusste, dass alle Kameras auf ihn gerichtet waren, und er wusste wohl auch, dass er Fragen zu diesem Tanz wird beantworten müssen. Dafür aber bietet das Konzept Favre wenig Raum, für ihn zählt das Wir, nicht das Ich.

Der Radikalreformer Favre hat in fast zwei Jahren bei Hertha so viele Spieler getauscht, dass einem fast schwindelig werden konnte. Das allein aber hat die Meisterutopie nicht realistisch werden lassen. Wer die launische Diva bändigen möchte, muss im hektischen Berlin einen Stimmungswandel herbeiführen können. Daran sind hier viele Trainer gescheitert.

Lucien Favre, 51, pflegt einen Stil ohne Übermut. Er sagt, wozu die Mannschaft imstande ist, und nicht, wozu sie einmal imstande sein wird. Sätze, die andere wie Floskeln vortragen, scheint er verinnerlicht zu haben. "Ich bin der Trainer. Wir müssen realistisch sein", sagt er mit seinem zurückhaltenden Lächeln. "Wir müssen konstant gut spielen." Seit Wochen versuchen ihm die Reporter einen Satz mit dem Begriff Meisterschaft zu entlocken. Doch der Bauernsohn aus Saint-Barthélemy bleibt nüchtern, er hat Einzelinterviews abgelehnt, er möchte keine Schlagzeilen liefern, die ihm in zwei Wochen negativ ausgelegt werden könnten. Diese Sachlichkeit hat den lange als schreckhaft und überambitioniert wahrgenommenen Verein Hertha BSC ein wenig zur Ruhe kommen lassen. Favre wirkt wie eine Sicherheitsboje in einem stürmischen Meer.

Deutlich wird diese Haltung auch auf dem Spielfeld. Favre, Liebhaber von Gemeinschaftssinn, Disziplin und Offensivgeist, hat ein selbstbewusstes Team geformt, das sogar in Schwächephasen nicht getrieben wirkt, sondern gelassen. Er hat in Deutschland weitgehend unbekannte Spieler wie Raffael, Gojko Kacar oder Maximilian Nicu zu Leitfiguren wachsen lassen, und, was kaum jemand für möglich gehalten hatte, er hat durchschnittliche Kicker wie Arne Friedrich und Josip Simunic zu den besten Innenverteidigern der Bundesliga angetrieben.

Im Sturm ist der Ukrainer Andrej Woronin, ausgeliehen aus Liverpool, zu einem verlässlichen Torproduzenten geworden. Favre wägt jede Entscheidung ab, Charakter und Intelligenz der Spieler sind ihm wichtiger als Schusstechnik und Kopfballspiel. Von dem Egozentriker Marko Pantelic spricht niemand mehr. Lucien Favre scheint der erste Trainer zu sein, der sich nicht von Dieter Hoeneß hereinreden lässt. Der Manager will seinen Posten 2010 aufgeben. Bis dahin möchte sich Hertha in der Spitzengruppe der Bundesliga etablieren. Selbst wenn die Berliner in dieser Saison nicht die erste Meisterschaft seit 1931 feiern sollten, die Mannschaft könnte zu einem prägenden Darsteller der Liga werden. Sollte sie die Champions League erreichen, würde der klamme Klub viel Geld verdienen. Es ist zu vermuten, dass Favre dieses Geld sinnvoller einsetzt, als es Hoeneß nach der ersten Teilnahme in der Eliteliga vor zehn Jahren gelungen war.

Jahrelang wurde Hertha nachgesagt, der Verein sei veranlagt wie die Stadt, in der er spiele: unfertig, gefangen im Wandel. Diese Suche nach einem Profil dürfte dank Favre beendet sein. Die neue Marke wird illustriert von einem Mann mit grau melierten Haaren, der seine Hände in einer knielangen Jacke vergraben hat und auf dem Trainingsplatz wichtige Spielzüge bis ins letzte Detail zu erklären versucht.

Menschen, die Favre besser kennen, berichten, dass er kaum noch Zeit hat für Fahrradtouren oder seine Krimis auf dem Nachttisch. Überall, wo er gearbeitet hat, in Yverdon, bei Servette Genf und dem FC Zürich, haben seine Teams bald den attraktivsten Fußball gespielt. So weit ist es in Berlin noch nicht gekommen. Trotzdem fragte die Schweizer Zeitung "Blick" bereits, wann Favre den FC Bayern übernimmt. Favre hat das zur Kenntnis genommen. Eine Antwort darauf gab er nicht.

FTD

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