Hoffenheim-Manager Der Anti-Hoeneß


Uli Hoeneß steht bei den Bayern für die "Abteilung Attacke", Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser beim Neuling für die "Abteilung Strategie". Schindelmeiser gilt als heimlicher Baumeister des Projekts Hoffenheim - und wird vielleicht auch deshalb schon als Hoeneß-Nachfolger bei den Bayern gehandelt.
Von Oliver Trust, Hoffenheim

Auch in der Stunde großer Triumphe bleibt Jan Schindelmeiser ganz cool - also auch beim Kickern gegen Hoffenheims Club-Psychologen Hans-Dieter Hermann. Der Manager der TSG gilt zwar als "Hoffenheims Hoeneß" und wirkt doch ganz anders als sein impulsiver Amtskollege aus dem Süden. Kein Wort der Schadenfreude kommt dem Gewinner beim Kickern über die Lippen. Der 44-jährige Schindelmeiser lächelt still vor sich hin und spielt Hermann in Grund und Boden - provozierende Sprüche gehören nicht zu seiner Strategie, meistens jedenfalls.

Schindelmeiser aber hat auch ein Gespür dafür, wenn es an der Zeit ist, seinen Klub nach außen zu schützen. Jetzt, vor dem "richtig geilen Spiel" wie sich 1899-Nationalspieler Marvin Compper vor dem Duell des Neulings beim Rekordmeister ausdrückte, macht der 1899-Manager den Mund auf. "Mit den Gehältern von Ribéry, Toni und Klose könnten wir unseren gesamten Kader finanzieren", kontert er Vorwürfe von Bayerns Abteilung "Attacke". "Für unsere Spieler gibt es keinen Grund, zu den Bayern zu wechseln, außer Geld. Unsere Spieler sind zu schlau, die wissen, was sie an uns haben". Während Uli Hoeneß in solchen Momenten die Anspannung oft deutlich ins Gesicht geschrieben steht, hat "Mr. Cool" Schindelmeiser die Arme verschränkt und spricht als rede er über die Vorbereitung der Betriebs-Weihnachtsfeier. Statt die Bayern anzugreifen sagt er nur: "Ich war nie im Leben Bayern Fan". Schindelmeiser war Anhänger des Bayern-Rivalen Borussia Mönchengladbach.

Schindelmeiser, der Konzept-Manager

Für die einen ist er der "heimliche Baumeister" des Projekts Hoffenheim, für andere "das strategische Gehirn" eines Aufsteigers mit einzigartiger Vita, der nebenbei Aufgeregtheiten im eigenen Lager ausgleicht. Etwa den hoch kochenden Ärger von Trainer Ralf Rangnick, wenn Hoffenheim mit steinreichen Ölmagnaten in Verbindung gebracht wird. Oder den von Nachwuchs- und Sportdirektor Bernhard Peters, wenn der den Deutschen Fußball-Bund und die seiner Ansicht nach zu oberflächliche Trainerausbildung kritisiert. Intern rät er schon mal zu mehr Gelassenheit, "wenn mir fast der Vergleich des kleinen gallischen Dorfes einfällt".

Vor zwei Jahren holte Rangnick den unbekannten Schindelmeiser nach Hoffenheim. Man kannte sich über Rangnicks damaligen Assistenten Mirko Slomka aus Hannover, dort war Rangnick einst Cheftrainer. "Wir haben schnell gemerkt, wir haben ähnliche Ansichten was Fußball angeht". Rangnick gilt als Konzepttrainer, Schindelmeiser als Konzept-Manager - beiden mögen sie schnellen, direkten Fußball und junge Spieler. Aus Schindelmeisers Büro sind es nur ein paar Meter zu Rangnick, die beiden entscheiden alleine, ohne einen Aufsichtsrat oder Präsidenten.

"Das Projekt muss gesund wachsen

Erst vor ein paar Wochen hatte der Absolvent eines BWL-, Politik und Publizistikstudiums im Frühjahr 2005 als Manager beim FC Augsburg angefangen als für ihn nichts mehr war wie zuvor. Ende April starb Schindelmeisers Frau Bettina in seinen Armen in einem Berliner Krankenhaus im Alter von knapp 40 Jahren an Krebs. Die beiden kannten sich seit über 20 Jahren. Einfach weitermachen wollte und konnte der ehemalige Amateurfußballer, der 250 Spiele in der Oberliga Nord bestritt, nicht. Er zog sich ein Jahr zurück, um für sich einen Weg in die Zukunft zu finden, ohne seine Frau, dafür mit dem Blick für wirklich wichtige Dinge im Leben. Dann kam der Anruf von Rangnick. Wie der war Schindelmeiser viel im Ausland unterwegs. Schindelmeiser machte sich in Südamerika einen Namen als Berater und knüpfte Kontakte, die dem "Projekt Hoffenheim" mit seiner Vier-Säulen-Ausbildungsstrategie Schule, Sport, Beruf und Soziales heute zu Gute kommen. Kaum ein Klub verfügt über ein so enges Netz an Scouts und Informanten.

Und kaum ein Klub investiert so intensiv in die Ausbildung junger Spieler, rund 1000 sind es inzwischen in Hoffenheim. Sie kommen längst nicht mehr nur aus der unmittelbaren Region, sondern verlassen etablierte Klubs wie Kaiserslautern, Stuttgart oder Frankfurt. "Wir wollen ein Bewusstsein für die Wirklichkeit schaffen", sagt Schindelmeiser, der seine Arbeit auch als Pädagogikseminar für Jungfußballer sieht. "Wenn ein 19-Jähriger ohne adäquate Fahrpraxis mit einer 500-PS-Limousine liebäugelt, sagen wir: No! Die Bundesliga ist eine Scheinwelt, wir versuchen ein Bewusstsein für die Wirklichkeit zu schärfen", sagte er einmal der "Frankfurter Rundschau". Sich für andere Dinge als nur Fußball zu interessieren, weite den Horizont und bereite den Nachwuchs besser aufs Leben vor. "Alle sollen von der Ausbildung profitieren, auch die, die es nicht bis in den Profibereich schaffen. Da geht es auch bei uns um Breitensport", sagt Schindelmeiser.

Aber es geht eben auch um Spitzensport. Deshalb werden Nachwuchsspieler während ihres Sportunterrichts in der Schule von 1899-Tainern besucht, die ein spezielles Training mit ihnen absolvieren. Ganz nebenbei findet auch eine so genannte Laufbahnberatung statt, die nicht nur Fußball beinhaltet. Um so weit zu denken, musste aber auch Schindelmeiser viel Zeit im Ausland verbringen. "Ich dachte nur, meine Güte, was die alles anders und besser machen als wir und dabei denken wir in Deutschland, wir hätten die Wahrheit gepachtet", sagt er. Die beiden fanden schnell heraus, sie verfolgen die gleiche Linie und wollten Fußball anders anpacken, nie zu den Etablierten gehören, sondern ständig in Bewegung sein. "Das ist die Gefahr", sagt Schindelmeiser, "der Status quo lässt sich nicht einfrieren. Das Projekt muss gesund wachsen, Schritt für Schritt - aber es muss auch atmen". Es sei durchaus ein positiver Faktor gewesen, vieles von Grund auf neu aufbauen zu können. "Etwas Zeit zu haben, das hat Druck aus der Sache genommen. Jetzt genießen wir das Gefühl, dass uns die Leute wegen unserer Art Fußball mögen."

Grundhaltung entscheidend

Obwohl die Hoffenheimer als Tabellenführer nach München reisen und "gewinnen wollen" (Rangnick) sieht Schindelmeiser "unsere größte Stärke in unserer Unbekümmertheit". Er könne sich vorstellen, "dass es an der Grundhaltung liegt. Ralf will immer gewinnen, so stellt er seine Mannschaft auch ein. Unseren Jungs ist bewusst, dass sie in der Verfassung sind, Bayern in Verlegenheit zu bringen." Jan Schindelmeiser lächelt wieder leise als er das sagt. Aus gutem Grund. Gerade hat jemand erzählt, Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp könne sich durchaus vorstellen kann, dass Schindelmeiser bald einmal Nachfolger von Uli Hoeneß bei den Bayern wird.


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