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Timo-Hildebrand-Transfer: Hoffenheim rüstet auf zur Bayern-Jagd

Der Coup ist gelungen: Tabellenführer Hoffenheim hat Timo Hildebrand ablösefrei vom FC Valencia verpflichtet. Der Transfer des früheren Nationalspielers zeigt, wie groß die Ambitionen des Aufsteigers geworden sind.

Von Oliver Trust, Hoffenheim

Man wird sich an gut besuchte Pressekonferenzen in Hoffenheim gewöhnen müssen. Vor ein paar Tagen saßen Reporter aus ganz Europa im "kleinen Dorf", um vor dem großen Duell gegen Bayern München zu berichten. Für die flotten Sprüche seien die Bayern zuständig, für flotten Fußball die Hoffenheimer, hatte Trainer Ralf Rangnick damals gelästert. Gestern war es wieder voll in der Sinsheimer Strasse 36 im Sinsheimer Stadtteil Hoffenheim. Nun lässt der Neuling mit einem äußerst spektakulären Transfer aufhorchen und zeigt dem Rest der Ligakonkurrenz, allen voran den Bayern, dass man es ernster meint als man zugeben möchte. Man gab die Verpflichtung von Ex-Nationaltorwart Timo Hildebrand bekannt. Der Ex-Stuttgarter kommt ablösefrei vom spanischen Pokalsieger FC Valencia und unterschrieb in Hoffenheim einen Vertrag bis 2010 plus Option auf ein weiteres Jahr. Hildebrand ist bereits ab der Rückrunde spielberechtigt und kann im ersten Spiel gegen Energie Cottbus eingesetzt werden.

"Timo Hildebrand bringt die absolute Bereitschaft mit, einen Neuanfang zu starten", sagte Jan Schindelmeiser. "Wir haben uns lange mit ihm und den großen Fragezeichen beschäftigt", so der 1899-Manager. Drei Dinge seien am Ende ausschlaggebend gewesen. Hildebrand habe sein "Umfeld neu geordnet". Dann "kam er ablösefrei und war bereit, erhebliche finanzielle Abstriche in Kauf zu nehmen", so Schindelmeiser. Die Verpflichtung des 29jährigen bedeute keine Abkehr der Philosophie mit jungen Spielern zu arbeiten. "Hildebrand hat seine ersten Spiele unter Ralf Rangnick in Stuttgart gemacht und ist ein Vorgriff auf den kommenden Sommer". Er sei jetzt im Winter zu haben gewesen und wäre sonst bei einem anderen Klub gelandet. "Es gibt bei ihm sogar Parallelen zu unseren jungen Spielern, auch Timo kommt, um neu anzufangen und sich nach oben zu arbeiten". Hildebrand, berichtete Schindelmeiser, stelle sich dem "Wettbewerb" und sehe sich "nicht von vorn herein als Nummer eins".

Große Ambitionen in Hoffenheim

Der Transfer von Hildebrand zeigt, wie groß die Ambitionen des Hoffenheimer Neulings geworden sind. Mäzen Dietmar Hopp hatte bescheiden von "Platz neun" gesprochen und Coach Rangnick wollte nur übers nächste Spiel nachdenken. Der neueste Einkauf deutet in eine andere Richtung, der Aufsteiger zeigt, dass er seinen Spitzenplatz in der Liga keinesfalls gefährden will. In Hoffenheim hat man längst Geschmack an der exponierten Stellung des exotischen Projekts gefunden. Nach einer bisher überaus erfolgreichen Vorrunde und vor allem nach einem Duell auf Augenhöhe gegen den Branchenprimus Bayern München, der in einer unglücklichen und knappen 1:2-Niederlage endete, darf es ein internationaler Wettbewerb sein. Mancher wird den Transfer auch als Angriff auf die Bayern verstehen. Hildebrand dürfte mit einem Millionengehalt von Anfang an zu den Spitzenverdienern im Team aufsteigen.

Im Gegenzug löst Hoffenheim sein Torwartproblem. Nach dem Aufstieg hatte der 24 Jahre alte Österreicher Ramazan Öczan nach nur sechs Spielen seinen Platz im Tor an den 25-jährigen Daniel Haas verloren. Den hatte Trainer Ralf Rangnick zuvor in der zweiten Liga für Öczan auf die Bank gesetzt und als nicht stark genug eingestuft. Gegen 10 Uhr am Vormittag erfuhren die 1899-Kicker von Rangnick und Schindelmeiser, was die meisten schon aus der Zeitung kannten. "Eigentlich wollten wir bis nach dem Spiel gegen Schalke warten, um die Vorrunde ordentlich abzuschließen", sagte Schindelmeiser. Am Sonntag trifft Hoffenheim auf den FC Schalke 04 und kann mit einem Sieg die Herbstmeisterschaft sichern. Mehrfach gab es in Sachen Hildebrand von Hoffenheimer Seite Dementis oder am Ende wachsweiche Aussagen. "Bestimmt wird er von einem Verein verpflichtet - von uns glaube ich eher nicht", hatte Trainer Rangnick erst am Montag in einem Interview gesagt.

Neustart für Hildebrand

Für Hildebrand stellt der Wechsel einen grundlegenden Neustart seiner Karriere dar, für den er viele Veränderungen in Kauf nahm und sich Rangnick unterordnet, der streng auf Disziplin achtet. In Valencia war der gebürtige Wormser nach seinem Wechsel vom VfB Stuttgart 2007 zuletzt nicht einmal mehr für die Ersatzbank nominiert worden. Sein letztes Pflichtspiel absolvierte er am 24. August gegen Real Madrid im spanischen Super-Cup. Im Frühjahr 2008 ereilte ihn ein weiterer sportlicher Tiefschlag, als ihn Bundestrainer Joachim Löw aus dem deutschem EM-Kader für Österreich und der Schweiz strich. Hildebrand hatte sich Hoffnungen gemacht, die Nachfolge von Oliver Kahn und Jens Lehmann antreten zu können. Löw hatte bei seiner Entscheidung nicht nur sportliche Gründe geltend gemacht, sondern auch Hildebrands Berater-Umfeld einbezogen. Erst vor kurzem wechselte Hildebrand vom Spieleragenten Dusan Bukovac zur Agentur von Marcus Höfl, der auch eng mit "Kaiser" Franz Beckenbauer zusammenarbeitet, und machte so den Weg für einen Transfer nach Hoffenheim frei. Im Sommer verzichtete Hoffenheim noch. Jetzt haben sich die Dinge geändert.

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