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HSV feuert Trainer und Vorstand: Neuanfang auf Teufel komm raus

Kernsanierung beim HSV. Für das größte Chaos sorgt in schöner Regelmäßigkeit vor allem der indiskrete Aufsichtsrat. Doch dieser hat nun erst einmal alle anderen Führungspersonen vor die Tür gesetzt. Ruhe und Handlungsfähigkeit sollen damit gesichert werden. Nach Trainer Veh müssen damit auch Vorstandschef Hoffmann und Marketingfrau Kraus gehen.

Eiserner Besen beim Hamburger SV: Erst wurde Trainer Armin Veh an die Luft gesetzt, jetzt muss auch Präsident Bernd Hoffmann nach acht Jahren an der Spitze weichen. Der Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten trennte sich am Mittwoch mit sofortiger Wirkung vom Vorstandsvorsitzenden. "Ich bin sicher, wir hätten noch viel bewegen können", wurde der zutiefst enttäuschte Hoffmann in einer Mitteilung des Vereins zitiert. Ursprünglich sollte der mit einem Jahressalär von einer Million Euro dotierte Vertrag des 48-jährigen Kaufmanns am 31. Dezember auslaufen, nun einigte man sich auf eine Abfindung. Mit ihm geht auch Marketing-Vorstand Katja Kraus.

"Die Entwicklung der letzten Wochen bedauere ich, aber ich sehe auch eine sehr große Chance", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff bei einer Pressekonferenz. Die Entscheidung sei nach "unerträglichen Wochen" mit großer Mehrheit im zwölfköpfigen Rat gefallen. Für den Neuanfang des als Chaos-Club verschrienen Traditionsvereins machte das mächtige Gremium Nägel mit Köpfen: Den hauptamtlichen Vorsitz übernimmt kommissarisch der Hamburger FDP- Politiker Carl-Edgar Jarchow. Der 55 Jahre alte Bürgerschaftsabgeordnete ist in HSV-Fragen nicht unbeleckt.

Er war von 2001 bis 2004 Aufsichtsratsmitglied und kritisierte zuletzt öffentlich die endlos lange Sportchefsuche. "Das ist ein besonderer Tag für mich. So lange ich lebe, bin ich Fan des Vereins", sagte Jarchow. Er habe keine langfristigen Ambitionen und werde sich nach Beendigung seiner Tätigkeit auf seinen Dauerkartenplatz zurücksetzen, betonte der gelernte Außenhandelskaufmann. Jarchow sei ein hanseatischer Kaufmann mit unwahrscheinlich großer Leidenschaft für den HSV, so Rieckhoff. Seine Hauptaufgabe sei "Ruhe reinzubringen, dass die Mannschaft arbeiten kann". Noch am Mittwoch stellte sich der neue Chef Trainer Michael Oenning und der Mannschaft vor. Ein regulärer Vereinschef soll möglichst bis zum Beginn der neuen Saison gefunden werden.

Für den Marketingbereich soll von sofort an statt Ex- Nationaltorhüterin Kraus Joachim Hilke verantwortlich zeichnen. Der ehemalige Geschäftsführer des Sportrechtevermarkters Sportfive war auch Ende der 90er Jahre kurzzeitig Mitglied des HSV-Vorstandes. "Die Rolle ist mir auf den Leib geschneidert", so Hilke.

In Hoffmann verlässt eine umstrittene Führungspersönlichkeit den HSV. Sich selbst an den Abgrund manövriert hatte er sich mit der Trennung vom beliebten Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer im Juni 2009. Danach wurde Hoffmann als Alleinherrscher und Sonnengott geziehen, der keine starke Persönlichkeit neben sich dulden würde. Auch Idol Uwe Seeler wandte sich immer mehr vom Macher Hoffmann ab und sah in dessen Gebaren den Herd für die "Never Ending Story" aus Zwist, Unruhe und sportlichem Mittelmaß beim kriselnden HSV.

Hoffmann hat durchaus Verdienste um das Gründungsmitglied der Bundesliga: Als er im Februar 2003 den Verein übernahm, lag der Umsatz bei 66 Millionen Euro, jetzt weist die Bilanz stolze 146 Millionen Euro aus. Die Zahl der Mitglieder wuchs von 17 000 auf rund 70 000 und im UEFA-Ranking erfüllte er seine kühnen Ankündigungen vom Durchmarsch Richtung Spitzenfeld. Die mehrfache Teilnahme an internationalen Wettbewerben hievte den HSV von Platz 83 auf Platz 18 in Europa. Den Titel aber, den er jahraus, jahrein als lohnendstes Ziel verkündet hatte, gab es nie.

Mehr noch: Der Name Hoffmann ist verknüpft mit dem zweifelhaften Ruf als Trainervernichter. Unter seiner Ägide hat bereits der neunte Coach die Amtsgeschäfte beim HSV übernommen. Nach der Beurlaubung von Armin Veh ist nun dessen Assistent Oenning in Amt und Würden. Vehs Fazit: "So viel Unruhe habe ich noch nie erlebt. Hier kann man nicht arbeiten." Nach seinem Abschied legte er in der "Sport-Bild" nach und kritisierte die unendlichen Indiskretionen aus den Gremien.

Franko Koitzsch und Britta Körber, DPA / DPA

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