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HSV verliert 2:9 gegen Bayern: "Brutal schlecht"

Der HSV hat gegen Bayern eine sportliche Bankrotterklärung abgeliefert. Trainer Thorsten Fink bekommt sein launisches Team einfach nicht in den Griff – woran liegt das? Am "Hamburg-Syndrom".

Von Tim Schulze

Es war eine Mitleid erregende Szene. In der 64. Minute des Spiels gegen die Bayern schoss HSV-Spielmacher Rafael van der Vaart auf das gegnerische Tor. Doch der Schuss aus 18 Metern kullerte nur am Tor vorbei. Ein Raunen ging daraufhin durch die ausverkaufte Allianz Arena. Oder genauer gesagt: Gelächter. So hilflos mutete der Versuch des niederländischen Nationalspielers an. Und es kam noch schlimmer für van der Vaart. Bastian Schweinsteiger kam auf ihn zu und versuchte, Trost zu spenden. Eine größere Demütigung ist für einen Profi von der Klasse van der Vaarts kaum denkbar.

Zu diesem Zeitpunkt führten die Bayern gegen die vollkommen überforderten Gäste bereits mit 7:0. Es sollten noch vier Treffer fallen, zwei für Bayern und zwei für die Hamburger. Endstand: 9:2. Es war die höchste Niederlage in der Geschichte des HSV. Die Gastgeber spielten mit dem Gegner, wie eine Katze mit der Maus spielt, bevor sie ihr den tödlichen Biss gibt. Die Bayern hatten ihren Spaß, die Gäste wurden gnadenlos vorgeführt.

Westermann: Ich schäme mich

Die Hamburger gingen selbstbewusst ins Spiel. Vielleicht zu selbstbewusst, aber vor allem hoffnungslos naiv. Sie verteidigten hoch und versuchten, das Spiel der Bayern schon im Ansatz zu zerstören. Das gelang - für fünf Minuten. Dann schnappte sich Xherdan Shaqiri den Ball, trieb ihn weitgehend unbedrängt bis zum Sechzehner der Hamburger und zog ab. Es stand 1:0.

Die Leistung des HSV war in den verbleibenden 85. Minuten beschämend. Heillos überfordert standen alle Spieler viel zu weit weg vom Gegner. Die Abwehr war komplett desorientiert – so wie beim Kopfballtreffer von Schweinsteiger nach einer Ecke knapp 15 Minuten später. Was folgte, waren die Claudio-Pizarro-Festspiele. Der Peruaner schoss vier Tore und bereitete zwei vor. Der ebenfalls bestens aufgelegte Arjen Robben traf zwei Mal, der eingewechselte Franck Ribery erzielte den neunten Bayern-Treffer.

"Ich schäme mich für mich, für die Mannschaft. Was wir für ein Spiel abgeliefert haben, ist unglaublich", gestand Kapitän Heiko Westermann nach Ende des Debakels. Was sollte der geschockte Kapitän auch sagen? Die Leistungskurve der Hamburger verläuft schon in der gesamten Saison wechselhaft. Sie starteten schwach, mauserten sich aber dann zu einem heißen Kandidaten für die internationalen Plätze. Aber in schöner Regelmäßigkeit gab es nach starken Leistungen wie dem Auswärtssieg in Dortmund Einbrüche, zuletzt setzte es eine Niederlage im eigenen Stadion gegen Augsburg.

Die Erwartungen gehen oft an der Realität vorbei

Und jetzt der Untergang in München. Trainer Thorsten Fink gestand ein: "Das habe ich als Trainer auch noch nicht mitgemacht. Wir waren in allen Belangen brutal schlecht. Jeder sollte selbstkritisch mit sich umgehen – die Mannschaft, der Trainer." Fink muss jetzt psychologische Aufbauarbeit leisten. Und er muss sich rechtfertigen. Es wird kritische Fragen nach seiner Arbeit geben. Warum hat - wieder einmal - die Einstellung seiner Spieler nicht gestimmt? Wieso schafft Fink es nicht, die Mannschaft zu stabilisieren?

In einem notorisch aufgeregten Umfeld, wie es beim HSV der Fall ist, ist das eine Herkules-Aufgabe. In der Mannschaft neigen viele der jungen Spieler, die als große Talente gelten, zur Selbstüberschätzung (z. B. Maximilian Beister), es fehlt an Konstanz (Son, Rudnevs) oder schlicht an Bundesligatauglichkeit (Raikovic, Bruma). Es gibt viel Mittelmaß und mit Rafael van der Vaart einen langsam gewordenen Superstar, der mit der Führung der jungen Mannschaft überfordert ist. Ein René Adler im Tor ist zu wenig.

Außerdem leiden Mannschaft und Umfeld an dem, was man das Hamburg-Syndrom nennen könnte, das die Symptome einer manischen Depression aufweist. Die Erwartungen im Umfeld und unter den Fans sind hoch – und gehen oft an der Realität vorbei. Nach Erfolgen wie gegen Dortmund hält man sich schnell reif für die Champions-League. In dieser Stimmungshochphase übersieht man die eigenen Defizite und schlägt nach Niederlagen wie gegen Augsburg knallhart auf dem harten Boden der Bundesliga-Wirklichtkeit auf. Fink hat es bislang nicht geschafft, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Das Debakel gegen die Bayern war der niederschmetternde Tiefpunkt.

Der Tiefschlag wird lange nachwirken

Durch die sportliche Bankrotterklärung ist der HSV auf den neunten Tabellenplatz zurück gefallen. Das Ziel Europa-League-Platz ist zwar punktemäßig noch erreichbar, doch ob sich die Mannschaft von der historischen Niederlage erholen wird, bleibt zweifelhaft. So ein Tiefschlag lässt sich nicht in einer Woche verarbeiten. Es wird in den nächsten Wochen heiß hergehen in Hamburg.

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