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HSV vs. Werder Bremen: Die gelebte Feindschaft

Das Halbfinale des DFB-Pokals bildet den Auftakt für vier brisante Nord-Derbys zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen. Kaum eine Begegnung polarisiert in beiden Fanlagern mehr, die Sicherheitskräfte sind in Alarmbereitschaft. Aber was sind die Hintergründe der Feindschaft?

Von Frank Hellmann

Es ist sehr löblich, dass das HSV-Stadion im Hamburger Volkspark gut zu erreichen ist. Die Autobahnausfahrt Hamburg-Volkspark im Stadtteil Bahrenfeld oder der Bahnhof Stellingen sind auch am Mittwoch wieder Anlaufpunkt abertausender Fußballfans. Wenn der Hamburger SV und Werder Bremen aufeinandertreffen, was nun innerhalb von 19 Tagen viermal und das erste Mal im DFB-Pokalhalbfinale geschieht, sind Polizei und Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft.

"Diese Partien werfen einige Probleme auf, da müssen wir uns nichts vormachen", sagt Werders Fanbeauftragter Dieter Zeiffer, "Bremer und Hamburger werden nicht Hand in Hand ein Bier trinken gehen." Der Herr der grün-weißen Sympathisanten spricht von einer "stressigen Angelegenheit" und der Hoffnung, "dass am Ende alle friedlich nach Hause gehen und ein gutes Spiel gesehen haben". Selbst Bremens Vorstand Klaus Allofs flehte bereits nach dem Weiterkommen im italienischen Udine inständig, "dass bei den vier Derbys alles im Rahmen bleibt und sich auf die sportliche Rivalität beschränkt". Wohl wissend, dass sich bei dem Vergleich HSV und Werder oft nicht nur die Angestellten in kurzen Hosen duelliert haben.

In Internet-Foren der Bremer wird beim HSV oft von "HIV" gesprochen - das ist geschmacklos. Und hoffnungslos klingen auf Hamburger Seite folgende Einträge: "Eins kann uns keiner nehmen, und das ist der pure Hass auf Bremen." Wird bei Bundesliga-Spielen das aktuelle Ergebnis von der Partie des Rivalen auf der Anzeigetafel eingeblendet, werden Gegentreffer für den gehassten Rivalen beinahe so frenetisch bejubelt wie Treffer der eigenen Lieblinge.

Viele Erkärungen

Aber warum geht die Abneigung weit über den harten Kern der Kuttenträger hinaus? Die Erklärungsmuster sind vielschichtig. Hat Bremen (548 00 Einwohner) einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Hamburg (1,77 Millionen)? An der Elbe sehen sich die Bewohner gerne als Bürger einer Weltstadt, während den Menschen an der Weser eingeredet wird, sie würden "in einer Dorf mit Straßenbahn leben". Noch immer sind T-Shirts mit dem Aufdruck im Umlauf: "Was ist das Schönste an Bremen? Die Autobahn nach Hamburg!" Die historische Ableitung der Konkurrenz geht so: Bremen war seit dem 11. Jahrhundert Sitz des auch für Hamburg zuständigen Bischofs, die Hamburger aber ließen den Dom 1807 abreißen.

Doch für die verfeindeten Fanlager steht eher der Vorfall vom 16. Oktober 1982, als an einem tristen Herbsttag der Bremer Glaserlehrling Adrian Maleika ums Leben kam. Der Werder-Fan und Mitglied im Fanclub "Die Treuen" wurde im unübersichtlichen Volkspark-Gelände von rechtsradikal orientierten Mitgliedern der "Löwen" und Skinheads des HSV angegriffen, von einem Stein am Kopf getroffen und zusammengetreten. Der 16-Jährige starb einen Tag später im Krankenhaus Hamburg-Altona. Thomas Haffke, Mitarbeiter des Bremer Fanprojekts, sprach damals von einer Gewaltspirale, die aus zunächst nur verbal geführten Auseinandersetzungen in handgreifliche überging.

Lemke und Netzer verhandelten

"Das Problem Ende der 70er Jahre war, dass Spiele gegen den HSV auch in Bremen quasi zu Auswärtsspielen wurden. Überall, wo die Werder-Fans hinkamen, waren schon die HSVer." Zwei Monate nach dem Tod Maleikas trafen sich 200 Fan-Delegierte beider Vereine auf halber Strecke in Scheeßel. Willi Lemke und Günter Netzer, die beiden damaligen Manager, waren maßgeblich an dem Stillhalteabkommen beteiligt.

Aber nicht immer beließen es die Fans bei einfallsreichen Scharmützeln wie 2001: So texteten die Werder-Fans in einer Choreografie in Anlehnung ans Bremer Stadtwappen: "Ihr seid das Tor zur Welt - aber wir haben den Schlüssel." Woraufhin die Hamburger beim 1:0 gewonnenen Rückspiel konterten: "Für ein Tor brauchen wir keinen Schlüssel."

Geschmacklose Provokationen

Zu weit gingen Bremer Ultras vier Jahre später: Die inzwischen aufgelöste Eastside-Gruppierung zeigte eine Werder-Raute mit Meisterschale, Stadtmusikanten, Dom und Windmühle und gleichzeitig eine im Bombenhagel zerbröselte HSV-Raute. Diese Kurvenshow war in dieser Form nicht genehmigt worden. Am Hamburger Bahnhof stießen Polizei und Bremer Fans zusammen, es gab 67 Festnahmen. Daraufhin kamen Ultras beider Lager zusammen und verständigten sich auf die - gegen die Ordnungskräfte gerichtete - Parole: "Rivalität gehört zum Derby - Willkür nicht."

All diese Vorfällen zeigen: Die Emotionen zu kanalisieren, die Abneigung zu kaschieren, fällt nicht so einfach. So ist nur zu hoffen, dass der Fanbeauftragte Zeiffer für das Derby-Quartett Recht behält: "Vier Spiele hintereinander können auch entkrampfend und deeskalierend wirken. Vielleicht geht man mal gemeinsam auf einer Straße, ohne sich dumme Sprüche an den Kopf zu werfen."

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